Zweites Ausbildungsziel
Das Hauptanliegen des ersten Ausbildungsziel war die vorläufige Geraderichtung. Die Geraderichtung wird im zweiten Ausbildungsziel vollendet. Nach dem Erreichen des zweiten Ausbildungsziels soll sich das Pferd im Schritt, Trab und Galopp anfühlen als seien seine Kräfte unter dem Reiter gesammelt. Es soll die Halsbasis heben, die Federung und die Schnellkraft seiner Hanken einsetzen und so alle Absichten des Reiters prompt und mühelos ausführen. Auch beim Erreichen des zweiten Ausbildungsziels bleibt dem Pferd die Wahl seiner Haltungen überlassen. Sie ergeben sich aus den ausgewählten Übungen, Figuren und Lektionen.
Der Reiter hat die Biomechanik des Pferdes kennengelernt. Er kennt seine Schiefe und die Mittel ihrer Beseitigung. Er kennt die Haltungen des Pferdes. Immer wieder stellt sich heraus das des Reiters Wissen sich wie eine Datei auswirkt, die das Pferd im Körper des Reiter liesst und in der es sich selbst erkennt.
Der Reiter bildet zum Erreichen des zweiten Ausbildungsziels die Fähigkeit des Sakralgelenks zwischen dem Heben der Wirbelbrücke und dem Senken der Hanken zu vermitteln weiter aus. Dabei verbessert er die Elastizität der freitragenden Wirbelbrücke und erzielt so die entgültige Geraderichtung.
Haltungen und Einwirkungen des Reiters:
Der Reiter sitzt mir aufrechter Wirbelsäule losgelassen auf dem Ruhepunkt im Rücken des Pferdes. Seine Hände und Beine sind ‘dran’. Bald trabt er nicht mehr leicht, sondern bleibt sitzen und lehnt die Mitte seines Rückens (L1) etwas zurück. Er hält seine Ellebogen nahe an den Hüften und stellt so einen gleichmässigen Impulsfluss zwischen den drei die Reiterei betreffenden Nervensystemen her.
Übungen, Figuren und Lektionen:
Der Reiter hat beim Erreichen des ersten Ausbildungsziels erfolgreich die ‘Einwirkungen des Reiters’ eingesetztes und so aus dem Weidepferd ein Reitpferd gemacht. Zum Erreichen des zweiten Ausbildungsziels setzt er die folgenden Übungen, Figuren und Lektionen ein und geht dabei folgendermaßen vor:
- Vorwärts auf dem Zirkel
- Wechsel zwischen Leichttraben und Aussitzen
- Trab-/Galoppübergänge auf dem Zirkel
- Verkleinern und Vergrößern des Zirkels
- Systematisches Verlängern und Verkürzen der Tritte/Galoppsprünge
- Halbes Schulterherein, halbes Kruppeherein
- Hinterhandwendung und Kurzkehrt
- Aus dem Trab anhalten und wieder antraben
- Rückwärts treten
- Aus dem Galopp anhalten und wieder angaloppieren
Als Hilfsmittel setzt er weiterhin bei Bedarf die Bodenarbeit ein.
Die reiterliche Praxis:
Der Reiter setzt die genannten Mittel (Haltung, Losgelassenheit, Einwirkungen, Hufschlagfiguren, Lektionen und Hilfsmittel) dem jeweiligen Ist-Zustand des Pferdes entsprechend ein. Er vermeidet den Einsatz muskulärer Kraft und lässt sich von Mängeln im Ist-Zustand nicht irritieren. Er legt grössten Wert auf immer gleichen und korrekten Einsatz der gewählten Mittel und berichtigt Fehler in der Ausführung des Pferdes sanft, bestimmt und ohne Verzug. Das regelmäßige Durchreiten des Pferdes wird zum festen Bestandteil der Ausbildung. Wenn Pferd und Reiter beginnen den Bereich der Gebrauchsreiterei zu verlassen und sich der Bewegungskunst nähern gilt es das Wohlbefinden und die Bewegungsfreude des Pferdes zu erhalten. Hält sich der Reiter dabei an die genannte Vorgehensweise und führt seine Einwirkungen weiterhin gewissenhaft aus so erhält er das Wunder des physiologisch korrekt angesprochenen Pferdes.
Das Hauptanliegen des ersten Ausbildungsziel war die vorläufige Geraderichtung. Mit dem Geraderichtungsstress wurde das Lösen des Pferdes ein Thema. Der Verlust des Kruppenschlusses, des Rückenhebens und des Gleichgewichts war die Gefahr. Das Pferd durfte seine Haltungen wählen und ist vielleicht spontan in den zweiten Gang gegangen. Das zweite Ausbildungziel diente der entgültigen Geraderichtung, die das Pferd befähigte sich in allen Lebenslagen ganz für den Reiter einzusetzen. Mit der Aktivierung der Hanken blieb das Lösen des Pferdes ein Thema. Der Verlust der Bewegungsfreude wurde zur Gefahr. Das Pferd wählt weiterhin seine Haltung entsprechend anstehender Aufgaben selbst. Der zweite Gang wird zur Gewohnheit.