Auf der Acht
Wir beginnen mit dem Flachlegen einer Hand auf der grossen Acht, zunächst im Schritt. Das heisst, das Pferd bewegt sich auf einer Schleife der Acht im Schultervor, die innere Hand ist flach. Er wechselt ins Kruppevor auf der anderen Schleife. Die flache Hand wird durch den Richtungswechsel automatisch zur nun äusseren Hand. Nach gegebener Zeit richtet der Reiter die flache Hand auf und macht die andere flach. Sonst nichts. Kein Richtungswechsel. Einfach auf der Acht weiterschreiten und nun anders herum vom Schultervor zum Kruppevor wechseln.
Schnell stellt sich heraus, dass diese Übung nur klappt, wenn das Pferd prompt auf die Wendungen der Reiteraugen und deren veränderte Blickrichtung reagiert. Der Reiter wendet im selben Zuge Kopf und Hals, und nimmt auch die Schultern mit. Ansonsten sitzt er still und lässt die flache Hand den Rest erledigen.
Klar wird auch, dass sich Ergebnisse nur einstellen, wenn weder Pferd noch Reiter ziehen und das Pferd einen Null-Kontakt zur besagten flachen Hand aufgenommen hat. Wo immer sich dazu Fragen stellen, bitte die vorhergehenden Übungungen des start-up konsultieren. Am Besten vorne anfangen und den Schritt am langen Zügel, das Zügelaufnehmen, das Anhalten und Stehen, die Geraderichtung auf der mittelgrossen Acht, die ersten Seitwärtstritte und die lange Schlangenlinie richtig ausführen. Der Nachhilfeunterricht erledigt sich dabei unter Umständen von selbst.
Was passiert beim Wechsel zwischen Schultervor und Kruppevor bei gleichzeitigen Richtungwechsel...? Das Pferd wechselt de facto vom Schultervor ins Kruppevor auf der anderen Hand. Es stellt sich also immer wieder um und biegt sich erst in eine und dann in die andere Richtung. Es tritt beim Schreiten auf der gebogenen Linie mit Vorder- und Hinterbeinen abwechselnd in die eine und die andere Richtung. Schultern und Kruppe lösen sich. Das Pferd wird auf Seitengänge, Kontergalopp und fliegende Galoppwechsel vorbereitet. Es wechselt zwischen Trab- und Galoppstellung und wird geschmeidig. Abwechselnd werden beide Hinterbeine als inneres und als äusseres belastet.
Bald kann das Pferd auch auf gerader Linie seitwärts treten und sich dabei leicht von links nach rechts umstellen. Aber das ist nicht alles. Die Übung "Eine flache Hand auf der Acht" gibt keinerlei Ansatz für Missverständnisse. Das Pferd folgt Muskelzugrichtungen im Körper des Reiters, die durch das Wenden der Augen und eines Handgelenks aktiviert werden. Diese Wirkungen übertragen sich eins zu eins aufs Pferde und steuern es, ohne weiter Maßnahmen des Reiters. Es gibt keine Gelegenheit für Missverständnisse und/oder Konflikte. Harmonie und das Fließen gemeinsamer Energien bleiben immer erhalten.
Hinzukommt, dass der Reiter sich auf Augen und Hand als Initiatoren eines in sich wesentlich komplexeren Vorgangs voll verlassen kann. Selbst ohne Erfahrung und trotz möglicherweise bestehender Missverständnisse zu Sitz und Hilfengegebung ist es ihm so möglich, das Pferd sicher und präzise anzuweisen. Entsprechend positiv sind die Ergebnisse.
Wie immer, so sollte man auch diese Übung nicht übertreiben. Sie sollte vom Pferd nicht als Arbeit registriert werden. Viele Pferde kadenzieren sich und sollten anschliessend im ruhigen Trab oder auf einem Ausritt den Rahmen erweitern dürfen. Auch langsame, gelassene Trab/Galoppübergänge an der halb-langen Longe bewähren sich. Falls es zur Unruhe des Schweifes kommt die Übung abbrechen und nächstes mal verkürzt ausführen.
Auf dem Viereck
Das kann ein Rechteck aber auch ein Quadrat sein. Der Unterschied zur Acht: Kein ständiger Handwechsel, dafür immer wieder Ecken. Lang und flach ist Kindergarten. Aufrichtung und Haltung sind Schule. Die volle Mobilisierung ist nicht nur Uni, sondern das Leben selbst. Dementsprechend sollten Pferd und Reiter sich nicht ewig mit der flachen Hand aufhalten. Trotzdem gibt es gute Gründe die Wirkung einer flachen Hand im Zusammenhang der Schiefe des Pferdes und daraus möglicherweise entstehender Behinderungen zu kennen/nutzen.
Im Normalfall klappt die Übung Eine flache Hand auf der Acht sofort. Die Übung, in allen Teilen gleichmäßig ausgeführt, ist anspruchsvoll und offenbart schnell, welche Muskelzugrichtungen im Pferd nicht frei fliessen. Aus dieser Information zieht der Reiter seine Schlüsse und unter Umständen ist es sinnvoll, zunächst auf dem Rechteck in Übergängen zwischen Schulter- und Kruppevor, behinderte Muskelzugrichtungen erst einmal in die Gänge zu bringen.
Seitengänge ohne ständigen Handwechsel ermöglicht ein gezielteres Vorgehen. Sie sind zugleich schonender, beinhaltet jedoch auch einen Lernschritt in der Geschicklichkeit des Reiters. Denn das Umstellen zwischen Schultervor und Kruppevor ist nun nicht mehr nur das Ergebnis einer Hufschlagfigur, der Wendung seiner Augen und einer Hand.
Bei den Wechseln zwischen Schulter- und Kruppevor auf dem Viereck schaut der Reiter immer weiter in die Bewegungsrichtung. Er wendet die innere Seite zurück und legt dabei die innere Hand flach, um so auf dem zweiten Hufschlag das Schultervor/Kruppeheraus zu erzielen. Er wendet die äussere Seite zurück und legt die äussere Hand flach um das Kruppevor zu erzielen. Dabei können Hand oder Sitz die Führung übernehmen. Die handelnde Hand wechselt.
Für den Wechsel zwischen Schultervor und Kruppevor verlegt der Reiter die Daumen. Die flache Hand wird aufrecht, die aufrechte Hand flach. Pferd und Reiter wenden so um den gemeinsamen Mittelpunkt, der sich genau unter der aufrechten Wirbelsäule des Reiters befindet. Während das Pferd zwischen Schultervor und Kruppevor wechselt, wird der Reiter auf einer geraden Linie fortbewegt.
Auch diese Übung sollte der Reiter in Maßen einsetzen. Gut ist es, zwischendurch immer mal wieder anzuhalten und das Pferd stehen zu lassen. Wenn es sich aufrichtet wird im Prinzip so auch der Wechsel zwischen Schulter- und Kruppeherein geritten. Jedoch wirken die Hände des Reiters dann anders. Das Pferd ist in den Rippen gebogen, die Abstellung zur Bewegungsrichtung wird größer. Flache Reiterhände werden zu aufrechten Händen und es kommt zu anderen Wirkungen. Diese korrespondieren wieder genau mit dem Pferd, nur nun in gehobener Haltung. Weitere Muskelzugrichtung im Körper des Reiters aktivieren sich, deren Effekt sich wiederum eins zu eins auf das Pferdes übertragen.
Führungswechsel und Senken einer Seite
Beim Reiten zunächst auf der Acht und dann auf dem Viereck stellt sich heraus, ob eine der vier Übungen (Schultervor links/rechts, Kruppevor rechts/links) deutlich schlechter funktioniert. Nehmen wir ein Beispiel. Pferd und Reiter sind auf der rechten Hand und der Reiter legt die innere Hand flach. Das Pferd reagiert auf die flache rechte Hand jedoch nur zögerlich und nicht viel tut sich. In diesem Fall ist es sinnvoll die Führung von der rechten auf die linke Hand zu verlegen, ohne jedoch dabei die Orientierungen der beiden Hände zu verändern. Das heisst, der Reiter wirkt nun mit dem Zügel in der linken, aufrechten, äusseren Hand auf den Pferdehals ein. Das diagonale, innere, rechte Hinterbein wird belastet. Sofort kommt das angefragte Schultervor zustande.
Die Übergabe der Führung von einer Hand zur anderen bietet sich in den unterschiedlichsten Situationen an. Immer wieder erstaunlich ist wie gelassen, interessiert und aufmerksam die Pferde darauf reagiert. Übergaben zwischen den Händen des Reiters sind die beste Vorbereitung für das Reiten mit aufrechten Händen. Im Körper des Pferdes tut sich dabei etwas.
Senken und/oder Heben einer Seite
Reiten ist heute (rein zahlenmäßig) vorallem der Umgang mit schwierigen, verrittenen und gestörten Pferden. Will man mit ihnen zurechtkommen, und Spaß dabei haben, braucht man Mittel mit Hilfe dener man trotz manigfaltiger Schäden physischer und psychischer Schäden zügig und genau kommunizieren kann. Nehmen wir ein Beispiel. Pferd und Reiter sind auf der linken Hand. Nach Vorbereitungen auf Acht und Viereck kommt das erste Antraben. Dabei sind beide Hände aufrecht. Schon beim ersten Tritt spürt der Reiter, wie sich die rechte Seite des Pferdes mehr hebt als die linke. Das Pferd beginnt unruhig zu werden und sucht nach Auswegen.
Dem Reiter bietet sich eine einfache Option. Er legt die rechte Hand flach und legt dem Pferd so nahe die rechte Seite zu senken. Das Flachlegen der äusseren Hand ist wie gehabt das Signal fürs Kruppevor. Es kann nun sein, dass das Pferd durch die flache rechte Hand ledigtlich die angesprochene zu hohe rechte Seite senkt und danach gerade ist. Genausogut kann es sein, dass es nach einigen Tritten ins Kruppevor wechselt. In beiden Fällen bleibt der Frieden erhalten. Der Reiter hat das Gewicht des Pferdes mühelos gleichmäßig auf alle vier Beine verteilt und kann es anschliessend aus dem Kruppevor auf die gerade Linie bringen.