Solange die Hinterhand des Pferdes nicht gerade- und der Hals nicht aufgerichtet ist folgen das Stellen des Genicks, das Biegen des Halses und Anpassungen der Rippen dem Reiten der Hufschlagfiguren. Das heisst, das Pferd stellt das Genick und wendet in Längsbiegung indem es der Blickrichtung der Reiteraugen folgt. Auf engeren Wendungen kommt die Rippenbiegung (i.e. das Flachlegen der inneren Rippen) dazu. Der Reiter begleitet das Pferde, übt sachte einen wohltuenden Einfluss auf den Pferdekörper aus und legt so die Grundlagen für Verständigung und Geraderichtung.
Ganz gerade geradeaus gehen kann das Pferde erst nachdem beide Hinterbeine gleich zum Schwerpunkt treten, es sich aufgerichtet und gehoben hat. Erst dann kommen die Steuerungseinrichtungen im oben Hals und Kopf, sowie Seitwärtsbiegenungen des Halses und korrespondierenden Rippenbiegung im Zusammenspiel mit dem Heben des Rückens und der Beweglichkeit der Hanken im reiterlichen Sinn voll zum Tragen. Erst dann schliesst sich das Pferd ganz dem Reiter an und kann ihn unbeschadet tragen.
Nach adäquater Vorbereitung in Was tun diese Übungen eigentlich? treten Ertüchtigung und Zustimmung, die zwei Aspekte der angestrebten Mobilisation des Pferdes, häufig überraschend, unvermittelt und Zeit gleich ein. Und genau darin liegt das Geheimnis der Reiterei. Lang, niedrig, auf dem Weg zur Geraderichtung und geschlossen, aufgerichtet und gerade sind zwei Welten. Das was der Reiter in der einen häufig erst einmal nur indirekt durch das Reiten der Hufschlagfiguren ansprechen kann, ist das Resultat direkter Ansprache und Verständigung in der anderen.
Was genau in dieser anderen, dieser neuen Welt im Körper des Pferdes und des Reiters vorgeht ist bisher nicht wirklich erkundet. Zunächst liefert nur die Reiterei selbst Anhaltspunkte und, wenn man so will, den Beweis dafür, dass im Pferd ein weiteres Pferd mit veränderter Innervation und optimierter Haltung lebt, welches in direkter Wechselwirkung mit dem dynamischen reiterlichen Gleichgewicht steht.
Tatsache ist, dass das Pferd die wahre, seinem Erscheinungsbild zugrunde liegende Form nicht zu erlernen braucht. Je gewissenhafter sich der Reiter in der Vorbereitung an alle relevanten Einzelheiten hält, umso zügiger und zuverlässiger wird er zu gegebener Zeit mit dem andere Pferd im Pferd in Berührung kommen. Und dann liegen ihm und seinem Pferd ganz neue Möglichkeiten zu Füssen. So wie das Pferd in Weidehaltung dem in Präsentationshaltung kaum ähnelt, so ist das Pferd in der Vorbereitung nicht das Pferd in Haltung.
Gerade, aufgerichtet und gehoben sind die Schlüssel. Wenn der genannte Wandel sich erst einmal vollzogen hat wird es wichtig, sich in dieser neuen Welt auch zu tummeln. Kein gedankenloses Rundendrehen ohne Ziel, Aufgabe, Austausch und Freundschaft ist angesagt, sondern Haltungen, Stellungen und Biegungen, die das Pferd geschmeidiger, intelligenter und leistungsfähiger machen.
Keys are straightness, uprightness and elevation. Once the metamorphosis has taken place it is useful to take possession of this new world. No mindless laps without goal, tasks, communication and/or friendship, but postures, orientations and bends are due, which make the horse resilient, intelligent and able.
Und so wie die Vorbereitung des Pferdes von einfachen Übungen gezeichnet war, die das Pferd zum Reiten erst einmal tauglich und auf die Einwirkungen des Reiters aufmerksam machen, so ist die gesunde Nutzung und Leistungssteigerung des Pferdes durch den adäquaten Einsatz der Steuerungseinrichtung im oberen Hals und Kopf, den Seitwärtstellung des Halses und der Geschmeidigkeit der Rippen gekennzeichnet.
Bevor es an dafür geeignete neue Übungen und Lektionen, sowie deren Eigenarten und Abfolge geht, ist jedoch noch ein Wort zum Reiten lernen fällig. Die in Was tun diese Übungen eigentlich? dargestellten Etappen der Geraderichtung sind auch die Grundschulung des Reiters. Das Pferd braucht dabei vorallem Zeit und ruhige, einfache Anweisungen. Alles läuft nach überschaubarem Muster ab. Was heute noch nicht klappt, wird mit zunehmender Ertüchtigung morgen oder spätestens übermorgen kein Problem mehr sein. Alles findet im Schritt und Stehen statt. Der Reiter hat viel Zeit. Er ist informiert, kennt und wahrt naheliegende Sicherheitsmaß-nahmen und sorgt für Kommunikation und Übereinstimmung.
Sobald das Pferd sich findet ist es jedoch auch für erste Trabtritte bereit und nicht lange danach kann es erst auf der grossen Acht und dann im Gelände auf geraden Linien die ersten Galopps absolvieren. Es bleibt dem Reiteranfänger überlassen, zu erfühlen, ob und wann er die ersten kleinen, zunächst ausgesessenen Trabtritte mit seinem Eleven wagen kann. Der Erfolg hängt in aller erster Linie von der Übereinkunft ab. Ist das Pferd ruhig und vertrauensvoll? Pariert es prompt und steht es zuverlässig? Führt es die Anweisungen des Reiters genau aus? Mögen die beiden sich? Auf der anderen Seite können Unsicherheiten und Blockaden des Reiters ein unerfahrenes Pferd schnell aus dem Gleichgewicht bringen und unerwartete, häufig schwer abschätzbare und potentiell unangenehme Reaktionen hervorrufen.
Bestehen berechtigte Zweifel daran, dass der Reiter in ersten kleinen Trabphasen still sitzen und das Pferd ruhig begleiten kann, ist es deshalb sinnvoll Sitz und Hilfengebung zunächst mit einem Ausbilder an der Longe auf einem erfahrenen Pferd zu üben, zu überprüfen, wenn nötig zu korrigieren, und in dem Zuge auch das Sitzgefühl des Trabs und des Galopps kennenzulernen. Eines ist klar. Auf dem mobilisierten Pferd muss der Reiter richtig und losgelassen sitzen und sich seines Körpers sicher sein. Dieser sein Körper ist sein Werkzeug und das Mittel seiner Kommunikation.
Zum Schluss. Gestörte Pferde gehören in die Hand erfahrener Reiter, die den Frieden auch bei Schwierigkeiten zu wahren wissen. Gesundheitsfördernde Behandlungen, die auch die Psyche des Pferdes umfassen, sind bei derartigen Pferden oft unvermeidlich. Gestörte Reiter gehören in die Hand eines erfahrenen Therapeuten.
Spannungen und Fehlfunktionen müssen aufgespürt und beseitigen sein, damit das Pferd den Reiter verstehen kann. Wenn Störungen des Bewegungsapparats vorliegen (seien sie im Pferd oder im Reiter) schafft ein gezieltes Bewegungsprogramm, dessen Wirkungen beim Reiter meist weit über die Reiterei hinaus seine wohltuende Wirkung entfaltet, schnell Abhilfe. Liegen weder beim Pferd noch beim Reiter Störungen vor, so werden sie zusammen bei angemessener Vorsicht schnell zusammenfinden und die Welt erobern.