Drei klassische Übungen: Stehen/Gewichtverlegen, abgekürzter/gezählter Schritt und um die Hinterhand wenden heben die Vorhand und helfen Problempferden sich aufzurichten. Im Normalfall tun gesunde Pferde dies auf dem Königsweg (im Laufe der Geraderichtung Eins) ohne Aufhebens und von sich aus, sobald beide Hinterbeine zum Schwerpunkt treten. Und nachdem sie sich auf den langen flachen Schlangenlinien gefunden und eine gleichmässige Anlehnung an beide Hände des Reiters aufgenommen haben können sie auf erste kleine Schrittausritte gehen. Pferde, die sich so nicht gefunden haben, bleiben weiter in der Reitbahn bis sie sicher den Rücken heben und die Hinterbeine belasten können.
Pferde welche auf dem Königsweg des jungen, gesunden Pferdes nicht in die Aufrichtung finden, laborieren häufig mit Schiefen, die die Aussicht auf einen fröhlichen Ausritt erst einmal in weite Ferne rücken lassen. Während sie in der Geraderichtung Zwei das Heben der Vorhand wieder entdecken, stellt sich die Frage, warum sie nicht selbst darauf gekommen sind. Eine gründliche Überprüfung der Gesundheit ist angesagt. Stimmt die Hufbalance? Ist der Strahl gesund? Hat das Pferd Schmerzen? Im Rücken, im Kopf, in den Beinen? Ist es entmutigt, oder vielleicht sogar verwirrt? Versteht es den Reiter überhaupt? Fühlt es sich verstanden? Welchen Grund hat es, seinem Unmut durch das Fallenlassen des Rückens und fehlende Kooperation Ausdruck zu verleihen?
Die Übungen der Geraderichtung Eins dienen der Geraderichtung der Hinterhand. Die Übungen der Geraderichtung Zwei dienen der Aufrichtung der Vorhand. Letztere schaffen damit die Voraussetzung für das Geraderichten der Vorhand in Seitengängen der Geraderichtung Drei. Die Übungen der Geraderichtung Zwei ebnet zudem nicht nur den Weg zur Nutzung anders häufig nicht trainierbarer Pferde. Sie sind auch die Grundlage einer Schule der Reiterei, die ohne jedes Gegeneinander reiterlicher Einwirkungen auskommt. Das Pferd entwickelt sein reiterliches Gleichgewicht und wird dabei als intelligentes Wesen vom Reiter direkt angesprochen. Übungen die das gesunde junge Pferd in vielen Fällen erst nach der Kräftigung im Gelände, auf dem Weg zur klassischen Ausbildung, aufmerksamer und geschmeidiger machen, schaffen so einen Zugang zu sehr schiefen, schlimm verdorbenen und verbohrten Pferden.
In der Kombination fehlender Stabilisation und mangelnder Kooperation gestörter Pferdes bleibt dem Reiter in der Geraderichtung Zwei oft nichts anderes übrig, als die im Zusammenhang mit dem Schritt auf der Acht schon genannte Führung an einer Hand in ganz reduziertem Tempo zu verfeinern und so die dem Pferd innewohnenden, durch falsche Haltungen verloren gegangenen Funktionen langsam ins Bewusstsein zurückzuholen.
Der Reiter lernt dabei die Körpersprache des Reitens im Detail kennen, und er lernt ein für alle Male ohne Zwang und Gewalt auszukommen. Gewalt und Zwang sind keine Option, denn würde entweder das Pferd oder der Reiter zum Beispiel Druck auf Gebiss und Hand ausüben, wäre die Volte die einzige Übung, die zustande käme. Anderseits merkt der Reiter schnell, dass und wie er das Pferd mit seinem Körper bestimmen kann. Das Pferd nimmt wahr, dass es nicht gezwungen wird, beruhigt sich und ist bald bereit, dem Reiter zu vertrauen. Es ist ein Weg ohne Vorwärts, der doch und gerade deshalb grosse Aussichten auf Erfolg hat.
Die Ähnlichkeiten dieses Vorgehens mit dem Gedankengut des Moshe Feldenkrais und zum Beispiel des Tai Chi sind offensichtlich. Der aufrechte Körper des Menschen und der horizontal gelagerte Pferdeskörper sind beide, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise, für Bewegungen in der Schwerkraft optimiert. Falsche Orientierungen des Körpers, in denen weiter aussen liegende Muskulaturen die Funktionen der Kernmuskulaturen um Becken und Lendenbereich übernehmen, stören Haltung und Bewegungsablauf. Erst nach der Korrektur dieser Störungen, nicht zuletzt durch die Aufrichtung des Halses, kann Bewegung wieder fliessen und Frieden eintreten. Nur so erkennt das Pferd bewusst die reiterliche Haltung.
Je nach Temperament des Pferdes, Grad der Störung und Führungsqualität des Reiters werden Fortschritte in der Geraderichtung Zwei sich zuverlässig, langsam oder gar nicht einstellen. Nicht selten verweigern wirklich gestörte Pferde zunächst jede Kooperation. Anderseits finden viele Pferde schnell Gefallen an der gymnastizierenden und letztendlich befreienden Wirkungen dieser Übungen. In diesen Übungen erweist sich die Qualität der reiterlichen Anfrage.
Regelmäßiger Weidegang, Aufenthalt in einer Weidegruppe, Freilauf und Spaziergänge an der Hand helfen dem Pferd in dieser Phase. Ebenso kleine Tempo- und Gangartwechsel an halblanger Longe. Das Pferd ist in gleichmäßigen Bewegungen am besten aufgehoben. Plötzliche Starts und Explosionen deuten auf Probleme im Bewegungsapparat hin.
Schieben können sie schon, tragen müssen sie erlernen
Das gesunde, junge Pferd, welches sich auf dem Königweg gerade- und aufgerichtet hat, kann zwischen Schieben und Tragen unterscheiden. Es hält ohne Zügeleinwirkungen an, steht und tritt wieder an. Eine Abstimmung zwischen Pferd und Reiter hat stattgefunden, die weiter geht als Technik. Das Pferd liest die Absichten des Reiter und ordnet ihnen seine Bewegung gerne unter. Tempo- und Gangartwechsel geschehen so im Fluss und erfordern keine besondere Aufmerksamkeit.
Häufig erweist sich in der Geraderichtung Zwei jedoch gerade damit ein zusätzliches Problem, das nicht mit Schiefen und fehlender Zustimmung zu tun, sondern mit einem falschen Selbstbild des Pferdes zu tun hat. Aufgrund ihrer falsch korrigierten Schiefe und falscher Haltungen sind sie häuig instabil und dadurch ungelenk. Das Schliessen der Kruppe ist häufig nicht gesichert und eine ruhige, sanfte Anlehnung unmöglich. Solche Pferde denken nur an eins: Vorwärts und fliehen. Die Mittel des Reiters überhaupt positiv und regulierend auf das Pferd einzuwirken sind oft nicht gegeben.
Bevor der Reiter mit Schaukel, gezähltem Schritt und der Hinterhandwendung beginnen kann, muss er sich mit einem derart gestörten Pferd zunächst zum Thema Halten und Sich-Aufnehmen ohne Zügelanzug verständigen. Grundlage dazu ist das reiterliche Gleichgewicht, welches im verkürzten gut aufgerichteten Schritt zustande kommt. Nur was nun? Gerade dieses reiterliche Gleichgewicht ist ja eben nicht verhanden...!...?
Wir erinnern uns an die Wirkung der Vorhandwendung. Die Hanken dehnen und die Kruppe schliesst sich, das Pferd hebt den Rücken und entwickelt ein Bewusstsein für die hebenden Funktionen der Vorhand. Geraderichtung Zwei beginnt deshalb am erfolgereichsten mit der in klassischer Zügelführung ganz genau ausgeführten Vorhandwendung an der Hand, aufgelockert mit Seitwärtstritten und lösendem Schulterherein.
Aufgesessen nimmt der Reiter nach einigen Runden im Schritt ohne Einwirkungen auf das Gebiss die Zügel auf, hält vorsichtig an, hebt den Hals des Pferdes und verlagert so das Gewicht auf die Nachhand. Das Üben beginnt mit dem vorsichtigen und friedlichen Verkürzen des Schritts. Dabei kommt es zur ersten Abstimmung. Das Pferd muss bei verkürzten Tritten nähmlich die Halsbasis aufrichten und kann damit nicht anders als die Hanken belasten.
Wenn der Reiter sich geschickt anstellt, und durch einen entsprechenden Einsatz seiner Hände die gleichmäßige Verteilung des Gewichts bewirkt, hat er das Pferd schnell im reiterlichen Gleichgewicht. Dieses gilt es dann im vollen Einverständnis zunächst zwischen Gehen im Schritt und Stehen zu festigen.
Der Reiter sollte sich auf diesem Weg über eines klar werden. Den Schwierigkeiten, die er so nach und nach auflöst, liegen praktisch immer schwerwiegende körperliche Probleme zugrunde. Gefordert ist ein veränderte Definition der Reiterei. Bei solchen Pferden kann es nicht um Leistung gehen. Es geht um eine neue Welt des Miteinanders, in der das Pferd nach und nach wieder Herr seiner selbst werden darf.