Im Bereich des Beckens gibt es in Mensch und Pferd eine Reihe ganz unterschiedlicher Gelenke, die wie zu erwarten völlig verschiedene Funktionen haben.
Das Lumbosakralgelenk des Pferdes zwischen letztem Lendenwirbel und Kreuzbein ähnelt einem kleinen Schieber, der sich unter den zwei oberen Enden der Beckenflügel ungefähr im höchsten Punkt der Kruppe öffnet oder schliesst. Im Menschen verbindet das Lumbosakralgelenk die aufrechte Lendenwirbelsäule mit dem darunter liegenden Kreuzbein und ist mit einem Bewegungsraum nach vorne und nach hinten ausgestattet. Das darüberliegende Gelenk zwischen unterstem und darüberliegenendem Lendenwirbel ist ähnlich geformt. Im Pferd ist das Lumbosakralgelenk in der Regel ein einzeln vorkommendes Gelenk. Es gibt jedoch Berichte von einer ähnliche Ausformung in dem davor gelagerten Gelenk zwischen letztem und vorletzen Lendenwirbel.
Iliosakral- und Hüftgelenke hingegen kommen immer paarweise. Im Pferd ruhen, ganz ohne deutliche Knochenausformungen, welche auf ein Gelenk hindeuten würden, die beiden oberen Flügel des Beckens auf den lateralen Fortsätzen des vorderen Kreuzbeins. Im Menschen lagern die Seiten des Kreuzbeins in mit Knorpel gefüllten Ausformungen des hinteren Beckens. In beiden Lebewesen gewähren die Iliosakralgelenke so gut wie keinen Bewegungsspielraum, sondern sind federnde Aneinanderlagerung von Knochen, die durch einen kräftigen Bänder- und Faszienapparat gesichert werden.
Ganz anders die Hüftgelenke. Sie beeindrucken durch ihren ausserordentlichen Bewegungsspielraum. Im Pferd und im Menschen sind die wie Halbkugeln geformten oberen Enden des Oberschenkelhalses durch ein starkes inneres Band und eine kräftige umhüllende Manschette in der Gelenkspfanne gesichert.
Das Pferd besitzt dank dieser Gelenke eine Einrichtung, die nicht nur im Vorwärts, sondern auch für frei fliessende Beweglichkeit in alle Richtungen und für alle Tempo- bzw. Gangartwechsel perfekt vorgerichtet ist. Becken und Lenden des Pferdes sind dabei wie zwei Teile eines Sprungbretts, welche im Lumbosakralgelenk verbunden sind. Wenn es sich durch das Verkürzen der schrägen Bauchmuskulaturen schliesst heben sich die Lendenwirbel. Die Aktion der Hinterbeine wird zugleich von den Hanken übernommen, die durch das Zusammenspiel der empfindsamen Iliosakralgelenke, stabilen Hüftgelenke und tragenden Kniegelenke charakterisiert sind. Wenn die Hanken sich beugen werden auch die Gelenke der unteren Hinterbeine beweglich und beteiligen sich am Tragen und Abfedern des Eigengewichts.
Lendenbereich und der Übergang zur Kruppe können wegen der lateralen Fortsätze der Lenden und des Kreuzbeins aus rein strukturellen Gründen seitwärts nicht nachgeben. Die Beweglichkeit der Hinterhand kann dadurch logischerweise nur von den Hanken ausgehen, die nicht nur alle Seitwärtsbewegungen, sondern auch die Haltungen des Pferdes unterstützen. Sie bewältigen zudem alle externe Einflüsse, wie zum Beispiel Bödenunebenheiten oder die Landung nach dem Sprung. Die Vorrichtung der Hinterhand werden, nach vorbereitenden Wendungen auf der Acht, meist erst auf der langen, flachen Schlangenlinie voll in Betrieb genommen. Erst wenn das Pferd diese mühelos beherrscht, kann es die Geraderichtung auch auf den geraden Linien des Geländes aufrecht erhalten.
Das Pferd hat auf langen Linien gelernt das Gewicht des Reiters in sein Gleichgewicht zu integrieren und wendet zwanglos trotz Reiter, Sattel und Gurt. Auf der Acht hat es begonnen, sich im Wechsel von Geradeaus und Wenden beide Seiten zu gymnastizieren. Dabei hat der Reiter im Kruppeheraus bzw. Schultervor und im Kruppevor das Gewicht des Pferdes gleichmässig auf alle vier Beine verteilt. Da Wendungen in Innenstellung das innere Hinterbein vermehrt belasten, war das Kruppevor in geringer Abstellung die geeignete Übung, um immer wieder auch das äussere Hinterbein zum Tragen zu bringen.
Noch ist keine Rede von Trab oder Galopp. Das Pferd hält prompt an. Es kann in Haltung stehen. Es beherrscht die klassische Vorhandwendung am Platz in Innen- und in Aussenstellung. Gelegentliche Rückwärtstritte werden nicht explizit verboten. Das Pferd lässt sich am inneren, am äusseren und/oder an und zwischen beiden Zügeln führen. Es hat einen beweglichen Unterkiefer und sucht die Hand des Reiters.
Vom Schritt ohne Einwirkungen auf das Gebiss kennt es das Schreiten auf fortlaufenden Linien. Auf der Acht hat es auf zwei halben Zirkeln und zwei Geraden laufend den Handwechsel geübt. Beim Verkleinern der Acht hat es auf zwei halben Volten enger gewendet und dabei in den Rippen nachgegeben. Es beherrscht einige Seitwärtstritte. Und nun ist es an der Zeit, den prompten Richtungswechsel auf der flachen Schlangenlinien zu beginnen.
Und dabei wird die Geraderichtung vollendet. Das Pferd wird leichtfüssig und die Energien der Mittellinie beginnen zu fliessen. Die Schultern lassen sich mühelos zwischen den Zügeln auf flach geschwungenen Linien hin und her führen. Bei jedem Richtungswechsel übernimmt das äussere Hinterbein prompt die Last des noch inneren Hinterbeins und wird dann selbst zum inneren Hinterbein. Das Lumbosakralgelenk im höchsten Punkt der Kruppe wird nach und nach zum Wendepunkt.
Die flache Schlangenlinie bereitet, mehr als jede andere Übungen, die noch anstehende Geraderichtung der Vorhand und des oberen Halses im Bewusstsein des Pferdes vor. Es entdeckt auf der Schlangenlinie, dass und wie es sich - durch die Verschiebung aller Unregelmäßigkeiten zur Mitte hin - auf eine Linie ausrichten und so die energetische Mittellinie zum Fliessen bringen kann. Häufig findet dabei eine regelrechte Selbstentdeckung statt, bei der das Pferd das Hinterhaupt vorschiebt, die Oberlinie aktiviert und die Hinterhand mobilisiert.
In den ersten sieben Kapiteln von "Was tun diese Übungen eigentlich" ist beschreiben, wie Pferd und Reiter die Geraderichtung der Hinterhand bewirken. Dabei hat das Pferd sein dynamisches Gleichgewicht unter dem zusätzlichen Gewicht des Reiters wieder hergestellen und gelernt, die Wendungen des Reiterkörpers und die Einflussnahme seiner Hände richtig zu interpretieren. Der Reiter hat dem Pferd die Wahl der Haltung überlassen. Die angestebte Aufrichtung kommt mit der Geraderichtung und beruht in erster Linie auf der Kraft der Kruppe und der Flexibilität der Hanken. Viele Pferde sind in Haltung gegangen und haben sich in diesem Zuge dem Reiter voll anvertraut. Bald werden sie in schönster Selbsthaltung den Trab beginnen und dann das kontrollierte Angaloppieren erlernen.
Pferde, die weiterhin nur die Tiefe suchen und/oder auch in Haltung die Geraderichtung der Hinterhand immer wieder verlieren werden erst in den Lektionen der Geraderichtung Zwei, die die Aufrichtung der Vorhand speziell anspricht, und Drei, die in Seitengängen die Geschmeidigkeit des Pferdekörpers verbessert, weiter vorbereitet.