Ich bin Deutsche. Anfang der 1960iger Jahre habe ich bei Herrn Kurt Henke, in Bonn, in der Tradition der berühmten deutschen Kavalleriereitschule Hannover reiten gelernt. Mitte der 1960iger Jahre ergab sich die Gelegenheit die Veränderung der deutschen klassichen zur deutschen Sportreiterei bewußt mitzuerleben. Schon Anfang der 70iger Jahre habe ich dann die Reiterei wegen ständiger Wiedersprüche und fehlender Leichtigkeit aufgegeben. Als ich zwanzig Jahre später wieder begann war mein Ziel abgesteckt. Ich würde erforschen wie Pferd und Reiter zum Reiten gemacht sind und nach einer Synthese der nationalen Schulen der Reitkunst Europas suchen.
Craig Stevens stammt aus New York. Er hat bei verschiedenen französischen Reitern die klassische franzöische Hohe Schule erlernt und praktiziert sie bis zu den Lektionen über der Erde. Er hat wesentliche Werke der klassischen französischen Reitkunst in die englische Sprache übersetzt. In Seattle, Washington unterrichtet er Schüler in seiner National School of Academic Riding. Er vermittelt sein Wissen in zahllosen Lehrgängen, vornehmlich in England und Skandinavien. Im eilt ein Ruf als Meister, Gelehrter und passionierter Lehrer voraus.
Ich selbst habe im Rahmen des study-horsemanship seit 2001 systematisch Bewegung und Bewegungsapparat des Pferdes und die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd untersucht. Beide Aspekte sind in der ersten Veröffentlichung des study-horsemanship „Die Elemente der Reiterei“ dargestellt. Im Jahre 2007 war die Haltung der Reiters Gegenstand der Untersuchungen. Über die Reiterei hinaus ist dieses Thema in „Haltung, oder der aufrechte, belebte Mensch“ umfassend dargestellt.
Schon im Jahre 2006 wurde ich auf Craig Stevens und seine National School of Academic Riding aufmerksam. Aber erst Anfang 2008 gelang es, ihn in Seattle zu besuchen. Über die Teilnahme an seiner Intensiv-Schulung berichte ich.
Dies alles nenne ich, um die Ausgangssituation des Textes „Von hier nach da“ zu erläutern. Hier also ist eine Reiterin (ich), die sich nach einer Schulung mit einem anerkannten Meister der vor-industriellen französischen Reitkunst ein Ziel gesetzt hat. Bisher hat sie weitestgehend alleine auf bis zu zwanzig extensiv gehaltenen Pferden die Reiterei erforscht. Sie ist Deutsche, hat die klassische deutsche Reiterei erlernt und in der Sportreiterei Erfahrungen gesammelt. Sie hat in eigenen Testreihen und Untersuchungen zur Physiologie der Reiterei die klassische Reiterei wieder entdeckt und sich nun vorgenommen aus den ihr bekannten Vorgehensweisen und Schulen der Reiterei eine Synthese für neue und kommende Generationen zu erarbeiten.
Hauptthema dieser Synthese ist der Einsatz der Reiterhand. Schon vor den Forschungsjahren 2001-6 war klar, dass ich der heutigen deutschen Reiterei hinsichtlich zugeschnürter Nasenriemen und aufgerollter Hälse nicht folgen würde. Nur - davon, dass Falsches als falsch erkannt ist, ist das Richtige noch nicht erlernt. In den Forschungsjahren 2001-6 habe mich im wesentlichen ohne expiziten Einsatz der Hand an den halb-gespannten Zügel Nuno Oliveiras gehalten. Seine Ausführungen haben mir auch sonst als Anleitung gedient. Immer wieder habe ich erlebt, wie das Pferd seinen Unterkiefer an der Hand des Reiters löst. Und mit Erstaunen habe ich eine Mobilisierung des Pferdes kennengelernt, die ich in „Die Elemente der Reiterei“ den zweiten Gang nenne. Im zweiten Gang hebt das Pferd die Nase deutlich vor die Senkrechte und nimmt einen feinen vorwärts-aufwärts gerichteten Kontakt zur Hand des Reiters auf.
Wie sich nun aus diesen verschiedenen Schulen und Ansätzen eine Schule herausformt, die die völlige Beherrschung des Pferdes zum Inhalt hat; deren Ausbildungsschritte sich, wie die Perlen auf der Schnur logisch und der Physiologie entsprechend aneinanderreihen, das ist Gegenstand dieses Tagebuchs. Schon jetzt ist klar, dass nicht das Pferd sondern der Reiter den Schlüssel zum Erfolg dazu in seinem Körper trägt.