Die Lekture von de la Guérinère und Baucher am Wochenende hat mich ermutigt Pinochios Schiefe konkret anzugehen. Und es stellt sich heraus, dass Schulterherein heute nur am rechten Zügel möglich war. Nur so konnte ich das Verwerfen den Genicks bzw. das Ausweichen des Mauls nach links verhindern. Heisst das, dass wenn er erst einmal - wie jetzt am rechten - auf beiden Händen das Schulterherein am linken Zügel gehen kann, er dann gerade sein wird? Was wird aus den Schäden, die durch falsche Vorgehensweisen bei der Geraderichtung entstanden sind. Das Verwerfen des Genicks, plötzliches auf einen kleinen Kreis abbiegen wollen, Verdrehen des Halses, Rucken im Rücken, Ungleichmässigkeiten im Gang und die verzweifelten Versuche durch Verschieben des Unterkiefers Spannungen zu lösen. Eine genau Analyse seiner Schiefe bietet sich an (4).
Ich erinnere mich daran, wie der muntere drei- und vierjährige Pinochio mit engverschnalltem Nasenriemen, fester Hand und kurzem Hals geritten wurde. Damals habe ich wütend, aber ohne die passenden Argumente zugeschaut. Ich erinnere mich daran, wie schwer ihm bei gelegentlichen Ritten das Wenden und die Leichtigkeit fielen. Ich konnte ihn sehr wohl auch mit hoher Nase kontrollieren, sein Temperament war also kein schlüssiger Grund für diese Interpretation der Reiterhand. Er war ungeschickt, fest in Muskeln, Sehnen und Bändern und ging mächtig voran. Heute weiss ich, dass Elastizität und Gleichseitigkeit der Hanken fehlten. Hätte man damals einen klassischen Weg beschritten würde er heute wahrscheinlich die Kapriole springen. Mal sehen wie weit wir nun, zehn Jahre später kommen werden.
Es wird Zeit, Bauchers Einsichten hinsichtlich Pferdemaul und -hals auf den Grund zu gehen. Wenn ich es richtig verstehe spricht er von vier verschiedenen Einwirkungen: das Stellen des Genicks, das Öffnen des Unterkiefers, wenden des Halses und beizäumen. Ihm ging es um die Beizäumung, alles andere sind Vorbereitungen. Ein paar Seiten weiter finde ich eine Darstellung seines Ziel: das Pferd im horizontalen Gleichgewicht. So gesehen brauche ich eigentlich nicht weiter lesen, denn das Pferd hat einen zweiten Gang, der der Gewichtsverteilung der alten Schule, wie Baucher sie nennt sehr viel ähnlicher ist.
Trotzdem gibt es hier etwas zu lernen. Baucher sagt, dass das Pferd seinen Bewegungablauf mit dem Genick beherrscht und der Hals entspannt sein muss. De la Guérinière sagt dasselbe auf andere Weise: die Wirkung der Reiterhand geht allen anderen Einwirkungen voraus. Craig Stevens fügt hinzu, dass die Hand alleine ausreicht, um das Pferd zu reiten und es die Hohe Schule zu lehren. Das allerdings geht nicht ohne des Reiters unerschütterliches Gleichgewicht.
Nach zwei und wegen anhaltenden Regens einem dritten Stehtag waren die Pferde heute alles von zu munter, frustriert, verärgert bis steif. Am hilfreichsten war letztendlich der Einsatz die kreisende Hand, ein Konzept, welches mich in Seattle zuerst überrascht und dann regelrecht verwirrt hatte. Aber es stimmt, wenn die Zügelhand (oder Hände) die Bewegungen des Pferdes kreisend begleiten geht alles besser. Nicht auf allen Pferden waren heute Sitzübungen angesagt, auf einigen noch nicht einmal die Füße aus den Bügeln nehmen. Die Überraschung: wenn ich mich an meiner Beine erinnere und das Gefühl an den Augenblick, in dem ich sie aus den Bügeln nehme, reagieren sie entsprechend. Hüftgelenke und Knie öffnen und senken sich. Spontan federn nun die Absätze tief durch. Die Pferde sind danach ganz anders gegangen. Ich habe heute zum ersten Mal sechs Pferde geritten. In Pinochios Jugend war daran kein Denken. Diese Mühelosigkeit ist auch das Resultat einer Rolfing-Behandlung, die ich kurz vor meinem Besuch in Seattle begonnen habe. Während die Pferde Stehtag hatten waren für mich Hüftgelenke, Beine und Füße dran.