Aber, worum geht es denn nun?
Hinzugekommen sind das Eindrehen des inneren Handgelenks, damit der innere Zügel nicht durchhängt. Und damit die Vorbereitung für den biegenden Zügel. Auch hinzugekommen sind die lange flache Schlangenlinie und das Reiten in Konterstellung auf der rechten Hand. Warum? Was soll das Ganze?
Diese Übungen nehme ich hinzu, weil ich nur so dem Pferd helfen kann, seine Mittellinie wiederzuentdecken. Alles deutet darauf hin, dass es sich bei der Geraderichtung des Pferdes weniger um eine wörtlich gerade Wirbelsäule, noch nur um eine Gleichseitigkeit der anderen Körperstrukturen, sondern um eine energetische Mittellinie handelt. Letzte Woche sprach ich mit einer Künstlerin, die herausragende Aktzeichnungen macht. Immer wieder erwähnte sie die Mittellinie. Erst hinterher stellt sich heraus, dass sie eine ausgeprägte Skoliose der Wirbelsäule hat.
Wenn das Pferd erst einmal richtig geht, wird es mit beiden Zügeln in einer Hand geführt. Was wird dann aus dem Biegen? Nein, alles geht darum, dass das Pferd seine energetische Mittellinie wiederfindet und in den zweiten Gang geht. Dann läuft alles wie von alleine, weil dann das Pferd alle Bewegungsrichtungen aus der Hinterhand heraus regelt und sein Kraftströme nicht unterbrochen werden. Bis es soweit ist, und um es dazu überhaupt kommen lassen zu können, lohnt es sich die hier beschriebenen absolut machtfreien Mittel einzusetzen. Ja, manchmal muss man sich durchsetzten. Dazu reicht die Aufforderung mit einer kleinen Gerte auf der Schulter. Wichtiger ist es, das Vermögen und die Schwierigkeiten eines Pferdes richtig einzuschätzen. Und seine Seele zu kennen.
Am Abend:
A. S.a.l.Zü. + SÜb.
B. Gr.8/T + Tr.verl. + 1/2P. (l.Sl, kl.G)
C. Kl.8/S.a.1/2.l.Zü (h+a, iHb.b., l.Sl.,Kst/r.H., SW/SH: ... definiert, VHW ... u.Sa. gestrichen)
D. Zi/T-G-Ü
E. S-G-Ü (HHW, RW)
Ich habe im Zuge der Zügelführung an einer Hand auf allen Pferden die Vorhandwendung und - auf einem Kreis - den Kopf einwärts und die Kruppe hinaus (was dasselbe ist wie Seitwärtstreten oder auch Schenkelweichen genannt) ausprobiert. Beide Übungen haben sich als häufig zwanghaft und letztendlich störend erwiesen. Bis auf kurze Momente um konkret etwas zu lösen (was bleibt zu untersuchen) bringen sie keine Verbesserung des Bewegungsapparats, sondern verspannen ihn eher.
An der Hand und auf dem Putzplatz bleibt die Vorhandwendung jedoch eine nützliche Übung, um die Hanken seitwärts zu dehnen und das junge Pferd auf sein neues Leben als Reitpferd vorzubereiten. Es muss sich konzentrieren, eine Bewegung ausführen, die seinem Selbstverständnis nicht entspricht und wird dafür gelobt. Sie bleibt geeignet um das gerittene Pferd auf das Tragen des Reiters vorzubereiten, weil sie den Rücken hebt. Unter dem Sattel blockiert sie jedoch leicht die Schultern. Dasselbe gilt für Seitwärtstreten. De la Guérinière bestätigt genau diesen Befund und erzählt, dass ja gerade die Schwierigkeiten mit dieser Übung ihn auf das Schulterherein gebracht haben. Stand der Dinge, ich finde es gut, dass ich das Herausschwingen der Kruppe bei Bedarf mit einer kleinen Bewegung meiner Hand weg vom Pferdehals anfordern kann. Trotzdem streiche ich es von der Systematik des Ausbildungsplans.
Das Schulterherein habe ich heute wieder so geritten, wie es sich in vergangenen Jahren im study-horsemanship bewährt hat: ohne Einsatz der Beine führt der äussere Zügel zum Hals die Schultern der Pferdes herein. Fast gleichzeitig übernimmt die innere Hand zum Hals die Führung. Der äussere Zügel wirkt durch das Wender der Reiterschultern an Halsmitte ein, während der innere Zügel den Hals eher im vermuteten Bereich des Dermatomes C8 berührt. Die Pferde fühlen sich mit eingerahmtem Hals wohl und reagieren prompt. Rechts fällt alles leicht. Links helfe ich durch das Eindrehen des Handgelenks nach, mache wenn nötig eine knappe Zügeleinwirkung weg vom Hals oder - und das verspricht den größten Erfolg - reite eine gelegentliche Volte. Bei dieser Art das Schulterherein zu reiten umrahmt der Reiter das Pferd mit den Zügeln. Die innere Hand führt. Nach ausführlicher Lekture de la Guérinières ist mir wieder eingefallen, dass die vermehrten Schwierigkeiten daran liegen könnten, dass im schiefen Pferd die Halsbasis häufig nicht genau in der Mitte, sondern nach links geneigt ist. Werde dazu im einzelnen berichten (1).
Was tut sich bei der einhändigen Zügelführung im Pferdekörper?
Die eine führende Hand des Reiters nimmt mit dem Innersten des Pferdes Kontakt auf. Dieses Innerste scheint sich genau im Zentrum des Pferdkörpers zu befinden. Irgendwo zwischen den oberen Oberschenkeln und unter den Gesäßknochen des Reiters. Die möglichst senkrechte Lage der Oberschenkel hat damit etwas zu tun. Es ist also nicht nur von einer energetischen Mittellinie die Rede, sondern auch von einem Kern, den auch Baucher ausdrücklich erwähnt. Dieser Mittelpunkt hat etwas mit der Bewegungssteuerung zu tun. Das Pferd reagiert von dort prompt auf die kleinen kreisenden Bewegung der Reiterhand, die Craig in seinem Unterricht und auf seinem Video vorstellt. Was hat das alles mit dem Schulterherein zu tun?
Die Stellung des Schulterherein wirkt ebenfall auf dieses Bewegungszentrum ein. Die nervlichen Übertragungen der Hand und die durch die biegende Stellung des Pferdekörpers ausgelöste mechanische Wirkung treffen sich dort. Es steht zu vermuten, dass die diagonal durch den Pferdekörper verlaufenden Faszienketten von beiden Einwirkungen betroffen sind. Tatsache ist, dass nicht nur de la Guérinière, sondern auch noch 200 Jahre später Nuno Oliveira die unübertroffen therapeutische Wirkung des Schulterherein preist. "Schulterherein heilt alles", sagt er. Dem Schulterherein folgt das Travers auf dem Fuße. Warum kommt später (2).