Heute habe ich mit nur dem rechten führenden Zügel (primary rein) die Vorhandwendung und ein paar Runden später auch die Hinterhandwendung geritten. Beide gut.
Nicht klappen wollte hingegen die Führung am linken Zügel. Pinochio nahm den Kopf auf die Brust und wollte sich nicht an den Zügel strecken. Dazu beigetragen hat wahrscheinlich, dass ich nach nur einigen Runden im Schritt am hängenden Zügel den rechten und den linken biegendenen Zügel als den unterstützenden (den nicht führenden Zügel (secondary rein)) ausprobiert habe.
Das lästige Abtauchen habe ich im Schritt auf der Geraden und dem Zirkel mit häufigem Anhalten am linken führenden Zügel korrigiert. Immer wenn der Kopf zu tief kam habe ich mit der führenden Hand vorwärts-aufwärts gezupft. Nach und nach bleib der Kopf oben. Er hat eine ganz zarte Fühlung aufgenommen und in seinem Rücken hat sich unter meinem Sitz etwas konsolidiert.
Beim anschliessenden Freilaufen auf dem kleinen Viereck (14x14m, 3% Gefälle) trat im abgekürzten Trab das rechte Hinterbein kürzer. Warum und was daraus wurde kommt im nächsten Bericht.
Schlussfolgerung:
Solange beide Hinterbeine nicht gleich stark sind das Pferd nur an einem führenden Zügel reiten. An dem Zügel führen, den das Pferd anbietet. Keinen unterstützenden biegenden Zügel einsetzen, das Pferd nicht biegen.
Weiter denkend komme ich zu folgenden Überlegungen. Vielleicht sollte man das Pferd nie an beiden, sondern immer nur an einem Zügel geführen. Vielleicht sollte man auf den unterstützenden biegenden Zügel ganz verzichten, so sehr der sich zum Beispiel beim Verkleinern des Zirkels bewährt. Und statt dessen die biegende Einwirkung des inneren Schenkels am Gurt einsetzen.
Wenn man dann die stellende Wirkung des inneren Ringfingers hinzunimmt hat man, solange der führende Zügel der äussere ist die deutsche Reiterei. Und mit jedem Richtungswechsel wechselt man dann die führende Hand. Man folgt dann dem Prinzip: Der äussere Zügel am Hals führt. Der innere Ringfinger stellt das Genick in die Bewegungsrichtung. Der innere Zügel vom Hals treibt die Hinterhand heraus. Das innere Bein bewirkt die Rippenbiegung.
Nun aber noch einmal zurück zu Craigs Rat das junge Pferd zunächst nur an einer Hand zu führen und nichts anderes als diese Hand einzusetzten. Dabei bewegt sich der führende innere Zügel weg vom Hals und der führende äussere Zügel hin zum Hals. Beide Einwirkungen biegen das Pferd. Im ersten Fall durch das Eindrehen des Handgelenks. Im zweiten Fall durch das Weichen des Halses. Die vom Pferd weg seitwärtskreisende Hand lässt das Pferd seitwärts treten. Die zurückkreisende Hand wirkt setzend auf die Hanken. Die vorwärtskreisende Hand lädt zum Vorwärts ein
So gesehen wird ein biegender unterstützender Zügel im Prinzip nie nötig. Der Reiter kann alle Wendungen und Seitengänge mit einer entsprechend kreisenden Hand reiten. Was ist der Vorteil einer solch bedingslos einhändigen Führung? Es tut sich hier ein alles entscheidender Unterschied auf. Die deutsche Methode umrahmt das Pferd und wirkt von aussen auf das Pferd ein. Die von Craig vorgeschlagene Methode, die er dem Studium der klassischen, vor-industriellen französischen Reiterei entnommen hat (obwohl meiner Beobachtung nach auch moderne Elemente eigener Erfahrung einfliessen), spricht das Pferd in seinem Innersten an. Die erste unterstützt das Pferd, die letztere erzieht das Pferd zur Selbstverantwortung.
Ungenannt bleibt zunächst die Voraussetzung für den Erfolg seiner Methode: die Sitzübungen. Erst sie ermöglichen dem Reiterkörper die Hand spontan zu begleiten und folgerichtig zu unterstützen. Man ahnt wie Craigs Vorgehensweise schnell einer Zügelführung wird, in der beide Zügel in einer Hand gehalten werden. Was genau dabei vorgeht, und warum die einhändige Führung die der Physiologie des Pferdes entsprechende ist folgt. In diesem Zusammenhang bietet es sich an die Wirkung der Reiterhände in der Geraderichtung zu untersuchen. Warum hat Pinochio so verweifelt auf meine Experimente mit führendem und gleichzeitigem biegend/unterstützendem Zügel reagiert? Es hat zwei Gründe.
Zum einen sind die zwei Hände des Reiters wie schon genannt nie ganz synchron. Zum anderen ist das nicht gerade gerichtetet Pferd mit sich selbst nicht im Einklang. Dazu siehe Kapitel III.c. von Die Elemente der Reiterei . Zu diesem Thema gilt es weitere wissenschaftliche Untersuchungen anzustellen. Schon jetzt ist jedoch klar, dass bei der Entdeckung der energetischen Mittellinie, welche der Geraderichtung vorausgeht, auch nur andeutungsweiser Zwang völlig fehl am Platze ist. Schon nur die Möglichkeit, dass Zwang ausgeübt werden könnte ist dem freiheitsliebenden Pferdes ganz und gar zuwider. Es muss seine Optionen optimaler Mobilität unter dem Sattel im eigenen Körper entdecken und muss selbst die Verantwortung dafür übernehmen. Die einhändige Führung bietet dem Pferd die Gelegenheit für beides. Das Pferd wählt die Geraderichtung, genau wie schon bald danach den zweiten Gang. Dabei ist es frei von der Bevormundung und, was die doppelte Zügelführung betrifft, fast unvermeidlich störenden Einwirkung des Reiters. Und - auch der Reiter ist befreit. Er bedient eine Steuerung und sitzt ansonsten still.