Vorbemerkungen zu Von da nach hier.
Ab 1. Mai setzte ich die Aufzeichnungen hier fort.
Heute habe ich mit nur dem rechten führenden Zügel (primary rein) die Vorhandwendung und ein paar Runden später auch die Hinterhandwendung geritten. Beide gut.
Nicht klappen wollte hingegen die Führung am linken Zügel. Pinochio nahm den Kopf auf die Brust und wollte sich nicht an den Zügel strecken. Dazu beigetragen hat wahrscheinlich, dass ich nach nur einigen Runden im Schritt am hängenden Zügel den rechten und den linken biegendenen Zügel als den unterstützenden (den nicht führenden Zügel (secondary rein)) ausprobiert habe.
Das lästige Abtauchen habe ich im Schritt auf der Geraden und dem Zirkel mit häufigem Anhalten am linken führenden Zügel korrigiert. Immer wenn der Kopf zu tief kam habe ich mit der führenden Hand vorwärts-aufwärts gezupft. Nach und nach bleib der Kopf oben. Er hat eine ganz zarte Fühlung aufgenommen und in seinem Rücken hat sich unter meinem Sitz etwas konsolidiert.
Beim anschliessenden Freilaufen auf dem kleinen Viereck (14x14m, 3% Gefälle) trat im abgekürzten Trab das rechte Hinterbein kürzer. Warum und was daraus wurde kommt im nächsten Bericht.
Schlussfolgerung:
Solange beide Hinterbeine nicht gleich stark sind das Pferd nur an einem führenden Zügel reiten. An dem Zügel führen, den das Pferd anbietet. Keinen unterstützenden biegenden Zügel einsetzen, das Pferd nicht biegen.
Weiter denkend komme ich zu folgenden Überlegungen. Vielleicht sollte man das Pferd nie an beiden, sondern immer nur an einem Zügel geführen. Vielleicht sollte man auf den unterstützenden biegenden Zügel ganz verzichten, so sehr der sich zum Beispiel beim Verkleinern des Zirkels bewährt. Und statt dessen die biegende Einwirkung des inneren Schenkels am Gurt einsetzen.
Wenn man dann die stellende Wirkung des inneren Ringfingers hinzunimmt hat man, solange der führende Zügel der äussere ist die deutsche Reiterei. Und mit jedem Richtungswechsel wechselt man dann die führende Hand. Man folgt dann dem Prinzip: Der äussere Zügel am Hals führt. Der innere Ringfinger stellt das Genick in die Bewegungsrichtung. Der innere Zügel vom Hals treibt die Hinterhand heraus. Das innere Bein bewirkt die Rippenbiegung.
Nun aber noch einmal zurück zu Craigs Rat das junge Pferd zunächst nur an einer Hand zu führen und nichts anderes als diese Hand einzusetzten. Dabei bewegt sich der führende innere Zügel weg vom Hals und der führende äussere Zügel hin zum Hals. Beide Einwirkungen biegen das Pferd. Im ersten Fall durch das Eindrehen des Handgelenks. Im zweiten Fall durch das Weichen des Halses. Die vom Pferd weg seitwärtskreisende Hand lässt das Pferd seitwärts treten. Die zurückkreisende Hand wirkt setzend auf die Hanken. Die vorwärtskreisende Hand lädt zum Vorwärts ein
So gesehen wird ein biegender unterstützender Zügel im Prinzip nie nötig. Der Reiter kann alle Wendungen und Seitengänge mit einer entsprechend kreisenden Hand reiten. Was ist der Vorteil einer solch bedingslos einhändigen Führung? Es tut sich hier ein alles entscheidender Unterschied auf. Die deutsche Methode umrahmt das Pferd und wirkt von aussen auf das Pferd ein. Die von Craig vorgeschlagene Methode, die er dem Studium der klassischen, vor-industriellen französischen Reiterei entnommen hat (obwohl meiner Beobachtung nach auch moderne Elemente eigener Erfahrung einfliessen), spricht das Pferd in seinem Innersten an. Die erste unterstützt das Pferd, die letztere erzieht das Pferd zur Selbstverantwortung.
Ungenannt bleibt zunächst die Voraussetzung für den Erfolg seiner Methode: die Sitzübungen. Erst sie ermöglichen dem Reiterkörper die Hand spontan zu begleiten und folgerichtig zu unterstützen. Man ahnt wie Craigs Vorgehensweise schnell einer Zügelführung wird, in der beide Zügel in einer Hand gehalten werden. Was genau dabei vorgeht, und warum die einhändige Führung die der Physiologie des Pferdes entsprechende ist folgt. In diesem Zusammenhang bietet es sich an die Wirkung der Reiterhände in der Geraderichtung zu untersuchen. Warum hat Pinochio so verweifelt auf meine Experimente mit führendem und gleichzeitigem biegend/unterstützendem Zügel reagiert? Es hat zwei Gründe.
Zum einen sind die zwei Hände des Reiters wie schon genannt nie ganz synchron. Zum anderen ist das nicht gerade gerichtetet Pferd mit sich selbst nicht im Einklang. Dazu siehe Kapitel III.c. von Die Elemente der Reiterei . Zu diesem Thema gilt es weitere wissenschaftliche Untersuchungen anzustellen. Schon jetzt ist jedoch klar, dass bei der Entdeckung der energetischen Mittellinie, welche der Geraderichtung vorausgeht, auch nur andeutungsweiser Zwang völlig fehl am Platze ist. Schon nur die Möglichkeit, dass Zwang ausgeübt werden könnte ist dem freiheitsliebenden Pferdes ganz und gar zuwider. Es muss seine Optionen optimaler Mobilität unter dem Sattel im eigenen Körper entdecken und muss selbst die Verantwortung dafür übernehmen. Die einhändige Führung bietet dem Pferd die Gelegenheit für beides. Das Pferd wählt die Geraderichtung, genau wie schon bald danach den zweiten Gang. Dabei ist es frei von der Bevormundung und, was die doppelte Zügelführung betrifft, fast unvermeidlich störenden Einwirkung des Reiters. Und - auch der Reiter ist befreit. Er bedient eine Steuerung und sitzt ansonsten still.
Der oben dargestellte Zusammenhand bedeutet allerdings nicht, dass der Reiter nicht auch einmal entweder die andere Hand einsetzen muss oder merkt, wie sein Bein die Hand unterstützt.
Und trotzdem: Auf Pinochio habe ich den nächsten Ritt mit einem führenden linken Zügel begonnen und so Vor- und Hinterhandwendung geritten. Zuvor noch hatte ich ihn auf Wendungen mit dem inneren führenden Zügel weg von Hals und mit dem führenden äusseren Zügel zum Hals gebogen (also beim Handwechsel nicht den führenden Zügel gewechselt).
Beim Reiten der Hinterhandwendung ergab sich die Gelegenheit die Wendung auf der Stelle vorwärts-seitwärts zu verlassen und auf gerader Linie ohne Änderung der Stellung im Travers weiter zu reiten. Ganz von alleine wurde dabei aus dem führenden äusseren Zügel zum Hals ein führender äusserer Zügel weg vom Hals, während der andere als unterstützender Zügel die in der Hinterhandwendung entstandene Biegung erhielt.
Das Ganze kam fliessend und natürlich zustande, genau so wie Craig es mir in Seattle gezeigt hatte. Hätte ich statt des inneren biegenden Zügels ein inneres und statt der äusseren seitwärts weisenden Zügels ein äusseres Bein einsetzen sollen, wie es ja auch Nuno Oliveira vorschlägt? Es wäre mir in dem Augenblick nicht in den Sinn gekommen. Denn es ist deutlich einfacher für den Reiter und angenehmer für das Pferd, sich an der Hand des Reiters alleine zu orientieren. Die Reiterbein folgen automatisch und intuitiv dem, was die Hand vorgibt.
Mit dieser Traversale, und nachdem wir das Angaloppieren am vorrollenden inneren führenden Zügel ausprobiert haben, hat für Pinochio nun erst einmal das Ausprobieren ein Ende. Geduldig hat er auf die von Craig gelernten Einwirkungen reagiert, als sei er mit in Seattle gewesen. Er hat die ganze Progression von kleiner Acht zu Vorhandwendung, Seitwärtstreten, Schulterherein, Hinterhandwendung, Traversale und Angaloppieren mit der inneren führenden Hand brav mitgemacht. Nicht nur hatte Craig genau das vorausgesagt. Ich selber habe etliche Male mit jeder neuen Erkenntnis erneut erlebt, wie genau das Pferd den Reiter liest und schon weiss, was er gerade erst begriffen hat. Und man braucht nicht erwähnen, dass sie alles über den equiden Bewegungsablauf wissen.
Inzwischen hat sich Pinochios Schiefe und fehlende Geraderichtung als vorläufig limitierender Faktor eingeschlichen. Auch nach diesem Ritt trat das rechte Hinterbein im Freilauf nicht frei zum Schwerpunkt und etwas kürzer. Zwar nur noch nach dem Rechtsgalopp, aber eben doch. Es ist also mehr Schritt am halblangen Zügel im Schultervor angesagt. Dazu Anhalten, Stehen und wieder Anreiten. Vielleicht etwas halbes Schulterherein. Und Geduld.
Pinochio habe ich gestern nach diesem Plan nur einmal und, ohne groß darüber nachzudenken, mit einer anderen Zäumung geritten. Dabei ist der Hauptzügel am tiefen, weiten Nasenriemen und der Nebenzügel an einer leichten, sich zur Mitte verjüngenden Plastikstange ohne Anzüge verschnallt. Er war so zufriedener und hat sich bei der Führung an der linken Hand nicht mehr verworfen.
In der zweite Tour einige Stunden später hat er mit Sam auf seinem Rücken getragen. Geführt wurde er von Jitka. Sam hatte so die Gelegenheit sich bei weiteren Sitzübungen an Pinochio zu gewöhnen. Immer wieder stellen wir fest, dass Pferde die Sitzübungen der Reiter geniessen und dabei alleine schon besser werden.
Heute morgen konnte ich Pinochio sich auf der kleinen Weide freigelaufen sehen. Nachdem er gut anderthalb Stunden genüsslich gegrast hatte, packte ihn die Lebensfreude. Im rapiden Auf- und Ab hat er sich mit fröhlichem Bocken auf der Geraden und in schnellen Wendungen Luft gemacht.
Deutlich war zu sehen, wie das anfangs noch nicht gelöste rechte Hinterbein nicht ganz mitkam. Es wurde nicht klar, ob eine Verlangsamung der Nervenimpulse oder die Angst vor drohenden Schmerzen der Grund dafür waren? Erfahrungsgemäß haben solche Touren einen sehr viel höheren muskulären Trainingswert als fortgesetztes Wenden und Seitwärtstreten unter dem Sattel. Sie konsolidieren den Bewegungsablauf, stärken das Pferd und tun Wunder für seine Lebensfreude. Und - selbst wenn das schwächere Bein dann erst einmal schlimmer ist, laufen so Gesundung und Stärkung nach dem Überlebensprinzip der Natur ab. Dem Pferd wohnt ein Wissen um den Wert der Reiztherapie inne. Immer wieder erlebt wir, wie nicht sicher gerade gerichtete und noch schwache Pferde sich so ganz ohne Reiter positiv entwickeln.
Heute waren es für mich vier Pferde: Pinochio, Fallada, Fabian und Lacor. Jitka: Filly und Anna. Jana: Odessa(2x) und Fiona. Sam: Pinochio. Sams Sitz macht große Fortschritte. Für alle anderen ging es darum, die Pferde am halblangen Zügel im Schritt weiter zu kräftigen. Klassenziel: an einem Zügel führen, wenden und parieren. Schwierigkeit: noch sind die Hanken steif, die Rücken schwach, die Konzentration wackelig. Wert der Übungen: Die Pferde finden langsam in ihre letztjährige Form zurück und beginnen zugleich etwas Neues. Sie machen den diesjährigen start-up nicht am hängenden Zügel, sondern lernen die Führung an einer Hand kennen. Die Reiter haben die Gelegenheit, das Pferd zu fühlen. Wie führt der Reiter das Pferd an einem Zügel? Wie verständigt er sich? Wie setzt er sich durch? Was passiert eigentlich im Pferd? Langsam werden die Bewegungen glatter, die Hälse ruhiger, der Schritt schreitender. Die Pferde kauen ab, reagieren prompt auf die eine feine Hand, stehen in Haltung und treten geradeaus wieder an. Unter dem Sattel tut sich was. Die Reiter machen Sitzübungen immer so wie nötig.
Und ein paar Tage später wiederholt sich, was schon in Seattle Thema war. Kerstin Diacont bringt es in ihrem Artikel in "Piaffe/1/2008" so auf den Punkt: "... das Pferd durchaus nicht von Natur aus zäh und phlegmatisch (ist), sondern auf die fehlerhaften Einwirkungen des oft unzureichend ausbalancierten Reiters - (der mit) zuviel und zulange anhaltendem Druck (arbeitet) - (negativ) reagiert." Es kommt schon vor, dass ich - voll auf das was ich will konzentriert - Druck mache anstatt mich auf die ganz feinen und kleinen Hilfen zu konzentrieren, auf die das Pferd sofort und fein reagiert. Und bei einigen Pferden stehe ich mit dem Problem da, welches die Schüler der Leichtigkeit mit dem Einsatz der Gerte lösen. Sie werden dazu aufgefordert. Aber es muss eine andere Lösung geben.
Immer noch kommt es vor, dass ich mehr Druck mache als nötig. Oder eine Übung auswähle, die sich anschliessend als falsch herausstellt. Und dann schwingt manchmal der Rücken nicht mehr so frei wie vorher. Trotzdem möchte ich auf keinen Fall zurück zum Reiten auf langen Linien. Ich habe gespürt, dass man das Pferd an einer Hand führen und so jedes Bein einzeln beherrschen kann. Und nun möchte ich wissen wie.
Trotz dieser gelegentlichen Schwierigkeiten warten die Pferde mit erstaunliche Ergebnissen auf. Alle sind nun leicht an der Hand und reagieren fein, auch wenn vieles noch nicht geht. Ich finde heraus, wie einige Tritte Kruppeheraus im rechten Augenblick für die Aktivierung des rechten Hinterbeins Wunder wirken. Eine oder mehrere Wendung auf der Vorhand unter dem Sattel verspannt die Schultern eher, während einige langsame lockere Schulterherein artige Vorhandwendungen an der Hand eine ganz neue Phase einläuten können. Wie heute bei Anna, die dabei spontan sämtliche Widerstände im Bewegungsapparat aufgegeben hat. Vorallem Pinochio und Fiona profitieren neben dem Seitwärts- auch vom Rückwärtstreten. Nur Fabian gibt mir noch Rätsel aus. Erst wollte er nicht rückwärts und nun will er am liebsten rückwärts.
Hier angesprochen sind die Kardinalfehler: Das aufgrund der Schiefe schwächere rechte Hinterbein und die sich daraus ergebende fehlende Konsolidierung des Bewegungsablaufs. Steife, verhaltene Hanken und daraus resultierende latente Störungen des Bewegungsapparats. Und die Frage, ob neben der noch anstehenden Kräftigung der Muskulaturen nicht erst noch etwas heilen muss im Pferd.
Schon in der Kürze des diesjährigen start-ups zeigt es sich wieder, dass in der Pferdeausbildung mit einer Logik vorgegangen werden muss, die der Physiologie des Pferdes entspricht. Es nützt also gar nichts, wenn der Reiter bestimmte Dinge vom Pferd will. Und mit der neuen Zügelführung ist im Prinzip einfach. Er muss sich an die Abfolge der Übungen halten, die dem Körper des Pferdes gut tun.
Ich habe im study-horsemanship dieser Abfolge viel Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei hat mich immer wieder fasziniert, wie sehr sich die Reihenfolge der Übungen, die ich vor den Jahren meiner Sportreiterei in der klassischen deutschen Reiterei kennengelernt hatte, auch im study-horsemanship wieder bewährten. Nur ein Beispiel: die mit dem jeweiligen Außenzügel in der ersten Phase der Geraderichtung gerittene lange Schlangenlinie, bei dem das Pferd zwischen den beiden Zügeln am Hals geführt wird.
Gibt es nur eine Abfolge? Ich meine ja. Obwohl sie in der Praxis dem Pferd angepasst wird, je nach Begabung, Vorerfahrungen und körperlichen Schwierigkeiten, zu denen auch die Angst vor Schmerzen und Wiederholung schlechter Erfahrungen gehören. Gegenstand des study-horsemanship bleibt es deshalb, sich dieser idealen Abfolge zu nähern. Schon jetzt ist klar, dass sie sich aus Elementen der deutschen und der französischen Reiterei zusammensetzen wird. Hinzu kommen werden moderne Erkenntnisse zur tonischen und phasischen Muskulatur. Beim Pferd wird deutlich, was beim Menschen oft im Dunkeln bleibt: der Bewegungsapparat bestimmt die Bewegungsqualität. Und die Haltung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wahrscheinlich würde es sich lohnen die Wirkung der Übungen und Lektionen der Hohen Schule auf den Körper des Pferdes im Einzelnen zu untersuchen.
Noch ist viel Zeit für Sitzübungen. Alle Reiter machen die selbe Erfahrung. Beim Heben und Aufwärtsdehnen der Arme, einen nach dem anderen, schnauben die Pferde ab und finden ihren Takt. Es erinnert mich an das untere dieser zwei Videos.
Heute die ersten Versuche für die ideale Abfolge der Übungen und Lektionen in der Ausbildung des Pferdes. Vielleicht erklärt die Tatsachen, dass in unseren Breitengraden schon die Fohlen angebunden und am Halfter geführt werden, warum gerade die Vorhandwendung die erste Übung auf der Stelle ist, die das Pferd unter dem Sattel kennenlernt. Trotzdem gehen die Zusammenhänge weit darüber hinaus und machen letztendlich eine Aussage über die Natur der Schöpfung.
Die Vorhandwendung wird mit dem inneren führenden Zügel weg vom Hals geritten. Zuvor schon hat das Pferd erst die linke führende Hand auf der kleinen Acht kennengelernt und dann die rechte. Es versteht also, dass es einmal mit der Hinterhand dem Zügel weg vom Hals weichen und dann mit der Vorhand dem Zügel hin zum Hals weichen muss. Beide Bewegungen lernt das Fohlen schon beim korrekten Führen kennen. Es wendet nach links, indem es mit der Hinterhand weicht und es wendet nach rechts, indem seine Vorhand dem Führer weicht. Die Frage stellt sich hier, ob das Führen von links nicht die Ursache der Schiefe des Pferdes ist, oder - sie zumindest verstärkt. Beobachtungen zur Schiefe finden Sie im letzten Abschnitt dieses Kapitels.
Was genau passiert im Pferd bei der Vorhandwendung?
Die Hinterbeine des Pferdes treten seitwärts. Dadurch werden die Hanken gedehnt. Die Vorderbein treten auf der Stellen oder beschreiten einen kleinen Kreis. Reitet man die Vorhandwendung mit gestelltem Genick dann wird durch die resultierende Längsbiegung auch die äussere Seite gedehnt. Zum Unterschied zwischen Längs- und Rippenbiegung wird es noch einiges zu sagen zu geben. Bei einer langsam und taktvoll gerittenen Vorhandwendung erneuert sich häufig der Kruppenschluss. Der Reiter spürt, wie das Pferd ihn anhebt. Das Pferd schnaubt dabei ab. Zunge und Kiefer mobilisieren sich. Je ruhiger, taktvoller und für das Pferd überschaubarer der Reiter anfragt und vorgeht, umso sicherer treten diese gewünschten Ergebnisse ein.
Bei der einhändigen Zügelführung kann die Schiefe zur Herausforderung werden. Bis man heraus hat, wie man anfragt um mit einer kleinen, feinen Hilfe sofort durchzukommen, wenden die Pferde gerne links nur den Hals an der Basis statt herumzutreten. Rechtsherum biegen sie sich in Hals und Rippen. Die Hinterhand will dem Zügel weg vom Hals nicht weichen. Wenn man überhaupt nicht durchkommt wird man wohl oder übel den anderen Zügel zur Korrektur einsetzten. Trotzdem lohnt es sich, bei dem Konzept der Einhändigkeit zu bleiben und wenn nötig das Pferd zur Mitarbeit zu ermuntern. Nur so wird das Pferd seine Mittellinie entdecken und die Verantwortung für die Bestimmung auch der lateralen Bewegungen seines Bewegungsapparats übernehmen.
Bei langen, weichen, gestörten und von Körperangst bedrohten Pferden lohnt es sich, das einhändige Wenden auf der kleinen Acht und das Anhalten aus dem Schritt sicherzustellen, ehe man mit der Vorhandwendung beginnt.
Es ist schon irre, was alles in die Vorbereitung selbst eines so kleinen Videoclips einfliesst. Es bleiben die Atem- und Motorradgeräusche, die das Vogelgezwitcher stören. Einiges wirkt abgehackt. Und eigentlich sollten die Videos auf Dauer kommentiert sein. Trotzdem: hier ist das erste Video des study-horsemanship: Fallada, immer noch ganz 'jung' und unsicher.
Nach und nach werden auch alle anderen Pferde beim Filmen dran kommen. Einige werden sie aus den Ausbildungsnotizen des Jahres 2004 schon kennen. Es geht nun, 2008, um die Ausbildungsskala. Getestet wird zugleich die Zügelführung, die ich in der School of Academic Riding kennen gelernt habe. Folgenden Script verwende ich für meine Notizen:
A. S.a.l.Zü. + SÜb.
B. Gr.8/T + Tr.verl. + 1/2P. (l.Sl, kl.G)
C. Kl.8/S.a.1/2.l.Zü (h+a, iHb.b., SW/SH, VHW)
D. Zi/T-G-Ü
E. S-G-Ü (HHW, RW)
Dieses Konzept entspricht der Grundausbildung, die ich Anfang der 60iger Jahre im Domhof in Bonn kennengelernt habe und die sich auch im study-horsemanship bewährt hat. Allerdings ist inzwischen sehr viel klarer, warum sich die Hilfengebung und Ausbildungsschritt so und genauso bewähren. Und es gibt einiges zur Körpersprache des Reiters und inneren physiologischen Zusammenhängen zu berichten. Ich reite auf einem durch und durch elastischen Sattel. Das Pferd ist mit einem Pelham gezäumt, dass auch unsere Pferde gerne tragen. Warum, das ist einen gesonderten Eintrag wert.
A. S.a.l.Zü. + SÜb.
B. Gr.8/T + Tr.verl. + 1/2P. (l.Sl, kl.G)
C. Kl.8/S.a.1/2.l.Zü (h+a, iHb.b., SW/SH, VHW) ...+l.Sl, ...Kst./r.H
D. Zi/T-G-Ü
E. S-G-Ü (HHW, RW)
Alles mit ... davor und/oder fett gedruckte ist am Tag des Eintrags hinzugekommen. Das heisst, die jeweilige Übung hat sich in dem genannten Abschnitt (hier z.B. die lange Schlangenlinie und auf der rechten Hand die Konterstellung in der Schrittarbeit) bewährt.
Auf dem Videomaterial (clip kommt) ist zu sehen, dass das was sich im Sattel wie ein Seitwärtstreten der Hinterbeine in Reaktion auf den inneren Zügel weg vom Hals anfühlte in den meisten Fällen ein deutliches Treten des inneren Hinterbeins unter den Schwerpunkt ist. Das beruhigt mich. Denn das heisst: der Zügel weg vom Hals belastet das innere Hinterbein direkt, während der Zügel zum Hals die Schultern vor das innere Hinterbein schiebt und es so quasi indirekt belastet. Daher kommen wohl die Begriffe direct rein and indirect rein, die Craig Stevens benutzt.
Die kleine Acht mit der Führung an einer Hand belastet also das innere Hinterbein. Die Hände bleiben nebeneinander. Noch gibt es kein gezieltes Eindrehen der inneren Hand. Das Pferd ist in Längsbiegung. Je kleiner die Wendung, umso deutlicher hängt der innere Zügel durch. Wenn die innere Reiterschulter nicht weiter zurück kann muss der innere Zügel weg vom Hals kürzer genommen werden um durchzukommen. Das Eindrehen des Handgelenks hat dieselbe Wirkung und ist deshalb zu empfehlen. Später kann dann durch das Eindrehen des Handgelenks das Pferd auch auf der geraden Linie gebogen und so das Schulterherein begonnen werden. Im ersten Fall begleitet die Hand die Biegung, im zweiten stellt sie sie her. Ich ahne, dass das bei den komplexeren Seitengängen, wie z.B. dem Travers eine Rolle spielen wird. Dann wird man das Pferd wohl nicht nur mit einer Hand reiten, sondern führenden und unterstützenden Zügel einsetzen.
Etwas Geschicklichkeit erfordert es, mehr als nur das innere Hinterbein zu belasten. Die Kruppe herausschwingen zu lassen, in der Bewegung ebenso wie auf der Stelle, spricht Schwierigkeiten im Pferdkörper an. Gut ist es deshalb zunächst das gerade Pferd seitwärts treten zu lassen und das zuvor am Boden zu üben. Die Frage stellt sich, was genau denn schwierig ist? Darauf komme ich zurück, wenn ich es genauer untersucht habe.
In der Praxis beginne ich jeden Ritt mit A. Schon vorher noch auf dem Boden mache ich Übungen, um den Bewegungsspielraum meiner Hüftgelenke zu erweitern. Nach den Sitzübungen im Sattel nehme ich die Zügel auf, gehe zu C. über und versuche den besten Augenblick für eine B. Phase nicht zu verpassen. Die Trabphase ist am besten, wenn das Pferd auch schon kleine Galopps anbietet. Je nach der Qualität der B. Phase wähle ich noch einige C. Übungen aus, um den Bewegungsablauf gezielt positiv zu stimmen und dem Pferd mehr Bewegungsfreiheit zu schaffen. Ein erster Sieg ist es, wenn das Pferd bei den ersten Schritt/Galopp/Übergängen ruhig und unter mir bleibt.
Lange weiche Pferde beginnen besser mit einer munteren Trab/Galopp/Phase und machen die kleine Acht im Trab abgekürzten Trab. Sie sind dann besser auf einen abgekürzten Schritt mit gut gehobenem Rücken (Craig nennt dies den counted walk) vorbereitet. Bei steifen und von Körperangst bedrohten Pferden dran bleiben aber nichts erzwingen. Bei Schwierigkeiten immer erst den eigenen Sitz und die Hilfengebung überprüfen. Fehler schleichen sich häufig unbemerkt ein. Das Pferd meldet sie zuverlässig und verdient nicht, dafür unter Druck gesetzt zu werden.
Zum Wechsel von Reise- und Leistungshaltung und von Schulterherein bzw. Schultervor nächstes mal mehr.
Aber, worum geht es denn nun?
Hinzugekommen sind das Eindrehen des inneren Handgelenks, damit der innere Zügel nicht durchhängt. Und damit die Vorbereitung für den biegenden Zügel. Auch hinzugekommen sind die lange flache Schlangenlinie und das Reiten in Konterstellung auf der rechten Hand. Warum? Was soll das Ganze?
Diese Übungen nehme ich hinzu, weil ich nur so dem Pferd helfen kann, seine Mittellinie wiederzuentdecken. Alles deutet darauf hin, dass es sich bei der Geraderichtung des Pferdes weniger um eine wörtlich gerade Wirbelsäule, noch nur um eine Gleichseitigkeit der anderen Körperstrukturen, sondern um eine energetische Mittellinie handelt. Letzte Woche sprach ich mit einer Künstlerin, die herausragende Aktzeichnungen macht. Immer wieder erwähnte sie die Mittellinie. Erst hinterher stellt sich heraus, dass sie eine ausgeprägte Skoliose der Wirbelsäule hat.
Wenn das Pferd erst einmal richtig geht, wird es mit beiden Zügeln in einer Hand geführt. Was wird dann aus dem Biegen? Nein, alles geht darum, dass das Pferd seine energetische Mittellinie wiederfindet und in den zweiten Gang geht. Dann läuft alles wie von alleine, weil dann das Pferd alle Bewegungsrichtungen aus der Hinterhand heraus regelt und sein Kraftströme nicht unterbrochen werden. Bis es soweit ist, und um es dazu überhaupt kommen lassen zu können, lohnt es sich die hier beschriebenen absolut machtfreien Mittel einzusetzen. Ja, manchmal muss man sich durchsetzten. Dazu reicht die Aufforderung mit einer kleinen Gerte auf der Schulter. Wichtiger ist es, das Vermögen und die Schwierigkeiten eines Pferdes richtig einzuschätzen. Und seine Seele zu kennen.
Am Abend:
A. S.a.l.Zü. + SÜb.
B. Gr.8/T + Tr.verl. + 1/2P. (l.Sl, kl.G)
C. Kl.8/S.a.1/2.l.Zü (h+a, iHb.b., l.Sl.,Kst/r.H., SW/SH: ... definiert, VHW ... u.Sa. gestrichen)
D. Zi/T-G-Ü
E. S-G-Ü (HHW, RW)
Ich habe im Zuge der Zügelführung an einer Hand auf allen Pferden die Vorhandwendung und - auf einem Kreis - den Kopf einwärts und die Kruppe hinaus (was dasselbe ist wie Seitwärtstreten oder auch Schenkelweichen genannt) ausprobiert. Beide Übungen haben sich als häufig zwanghaft und letztendlich störend erwiesen. Bis auf kurze Momente um konkret etwas zu lösen (was bleibt zu untersuchen) bringen sie keine Verbesserung des Bewegungsapparats, sondern verspannen ihn eher.
An der Hand und auf dem Putzplatz bleibt die Vorhandwendung jedoch eine nützliche Übung, um die Hanken seitwärts zu dehnen und das junge Pferd auf sein neues Leben als Reitpferd vorzubereiten. Es muss sich konzentrieren, eine Bewegung ausführen, die seinem Selbstverständnis nicht entspricht und wird dafür gelobt. Sie bleibt geeignet um das gerittene Pferd auf das Tragen des Reiters vorzubereiten, weil sie den Rücken hebt. Unter dem Sattel blockiert sie jedoch leicht die Schultern. Dasselbe gilt für Seitwärtstreten. De la Guérinière bestätigt genau diesen Befund und erzählt, dass ja gerade die Schwierigkeiten mit dieser Übung ihn auf das Schulterherein gebracht haben. Stand der Dinge, ich finde es gut, dass ich das Herausschwingen der Kruppe bei Bedarf mit einer kleinen Bewegung meiner Hand weg vom Pferdehals anfordern kann. Trotzdem streiche ich es von der Systematik des Ausbildungsplans.
Das Schulterherein habe ich heute wieder so geritten, wie es sich in vergangenen Jahren im study-horsemanship bewährt hat: ohne Einsatz der Beine führt der äussere Zügel zum Hals die Schultern der Pferdes herein. Fast gleichzeitig übernimmt die innere Hand zum Hals die Führung. Der äussere Zügel wirkt durch das Wender der Reiterschultern an Halsmitte ein, während der innere Zügel den Hals eher im vermuteten Bereich des Dermatomes C8 berührt. Die Pferde fühlen sich mit eingerahmtem Hals wohl und reagieren prompt. Rechts fällt alles leicht. Links helfe ich durch das Eindrehen des Handgelenks nach, mache wenn nötig eine knappe Zügeleinwirkung weg vom Hals oder - und das verspricht den größten Erfolg - reite eine gelegentliche Volte. Bei dieser Art das Schulterherein zu reiten umrahmt der Reiter das Pferd mit den Zügeln. Die innere Hand führt. Nach ausführlicher Lekture de la Guérinières ist mir wieder eingefallen, dass die vermehrten Schwierigkeiten daran liegen könnten, dass im schiefen Pferd die Halsbasis häufig nicht genau in der Mitte, sondern nach links geneigt ist. Werde dazu im einzelnen berichten (1).
Was tut sich bei der einhändigen Zügelführung im Pferdekörper?
Die eine führende Hand des Reiters nimmt mit dem Innersten des Pferdes Kontakt auf. Dieses Innerste scheint sich genau im Zentrum des Pferdkörpers zu befinden. Irgendwo zwischen den oberen Oberschenkeln und unter den Gesäßknochen des Reiters. Die möglichst senkrechte Lage der Oberschenkel hat damit etwas zu tun. Es ist also nicht nur von einer energetischen Mittellinie die Rede, sondern auch von einem Kern, den auch Baucher ausdrücklich erwähnt. Dieser Mittelpunkt hat etwas mit der Bewegungssteuerung zu tun. Das Pferd reagiert von dort prompt auf die kleinen kreisenden Bewegung der Reiterhand, die Craig in seinem Unterricht und auf seinem Video vorstellt. Was hat das alles mit dem Schulterherein zu tun?
Die Stellung des Schulterherein wirkt ebenfall auf dieses Bewegungszentrum ein. Die nervlichen Übertragungen der Hand und die durch die biegende Stellung des Pferdekörpers ausgelöste mechanische Wirkung treffen sich dort. Es steht zu vermuten, dass die diagonal durch den Pferdekörper verlaufenden Faszienketten von beiden Einwirkungen betroffen sind. Tatsache ist, dass nicht nur de la Guérinière, sondern auch noch 200 Jahre später Nuno Oliveira die unübertroffen therapeutische Wirkung des Schulterherein preist. "Schulterherein heilt alles", sagt er. Dem Schulterherein folgt das Travers auf dem Fuße. Warum kommt später (2).
Diese zehn Einträge repräsentieren die typischen Abläufe des start-ups. Das Meiste findet im Schritt statt. Die gut gehobene, regelmäßig und weit zirkulierende Hinterhand des Pferdes im Trab dient der Überprüfung der Schrittarbeit. Fabian will nach am liebsten rückwärts nun nur noch galoppieren, kann oder will sich dabei jedoch nicht auf die Hanken setzten. Ersten Ausritte erinnern mich wieder daran, dass es beim Reiten nicht nur um Technik, sondern um Kraft und Leben geht. Körperliche Probleme stellen sich inzwischen deutlich dar. Sie bedürfen der Sonderbehandlung, die ich nach und nach im einzelnen darstellen werde (3).
Die Pferde sind leicht an der Hand, willig und gelehrig. Solange sie in der Reisehaltung bleiben entwickeln sie sich gut weiter. Schwiergikeiten haben Pferde, die in jungen Jahren tief eingestellt wurden und nun immer wieder ihr Heil im fallengelassenen Hals suchen. Sie tragen ihren Kopf wie ein Stück Hartholz vor sich her und scheinen den Zusammenhang zwischen den Funktionen des oberen Halses und Kopfes und der Hinterhand vergessen zu haben.
Der fallengelassene Hals bietet zu Beginn jeden Rittes eine willkommene Dehnung der Rückenmuskulatur. Nach Zügelaufnehmen gehen die Pferde am halb-langen Zügel mit gehobenem Haupt und halb geöffnetem Genick. In dieser Ausgangshaltung lösen und kräftigen sie sich. Sie belasten in der Reisehaltung das innere Hinterbein und dehnen in der Längsbiegung die äussere Seite. Pferde, die sich dieser Normalität entziehen haben körperliche Probleme.
Die Lekture von de la Guérinère und Baucher am Wochenende hat mich ermutigt Pinochios Schiefe konkret anzugehen. Und es stellt sich heraus, dass Schulterherein heute nur am rechten Zügel möglich war. Nur so konnte ich das Verwerfen den Genicks bzw. das Ausweichen des Mauls nach links verhindern. Heisst das, dass wenn er erst einmal - wie jetzt am rechten - auf beiden Händen das Schulterherein am linken Zügel gehen kann, er dann gerade sein wird? Was wird aus den Schäden, die durch falsche Vorgehensweisen bei der Geraderichtung entstanden sind. Das Verwerfen des Genicks, plötzliches auf einen kleinen Kreis abbiegen wollen, Verdrehen des Halses, Rucken im Rücken, Ungleichmässigkeiten im Gang und die verzweifelten Versuche durch Verschieben des Unterkiefers Spannungen zu lösen. Eine genau Analyse seiner Schiefe bietet sich an (4).
Ich erinnere mich daran, wie der muntere drei- und vierjährige Pinochio mit engverschnalltem Nasenriemen, fester Hand und kurzem Hals geritten wurde. Damals habe ich wütend, aber ohne die passenden Argumente zugeschaut. Ich erinnere mich daran, wie schwer ihm bei gelegentlichen Ritten das Wenden und die Leichtigkeit fielen. Ich konnte ihn sehr wohl auch mit hoher Nase kontrollieren, sein Temperament war also kein schlüssiger Grund für diese Interpretation der Reiterhand. Er war ungeschickt, fest in Muskeln, Sehnen und Bändern und ging mächtig voran. Heute weiss ich, dass Elastizität und Gleichseitigkeit der Hanken fehlten. Hätte man damals einen klassischen Weg beschritten würde er heute wahrscheinlich die Kapriole springen. Mal sehen wie weit wir nun, zehn Jahre später kommen werden.
Es wird Zeit, Bauchers Einsichten hinsichtlich Pferdemaul und -hals auf den Grund zu gehen. Wenn ich es richtig verstehe spricht er von vier verschiedenen Einwirkungen: das Stellen des Genicks, das Öffnen des Unterkiefers, wenden des Halses und beizäumen. Ihm ging es um die Beizäumung, alles andere sind Vorbereitungen. Ein paar Seiten weiter finde ich eine Darstellung seines Ziel: das Pferd im horizontalen Gleichgewicht. So gesehen brauche ich eigentlich nicht weiter lesen, denn das Pferd hat einen zweiten Gang, der der Gewichtsverteilung der alten Schule, wie Baucher sie nennt sehr viel ähnlicher ist.
Trotzdem gibt es hier etwas zu lernen. Baucher sagt, dass das Pferd seinen Bewegungablauf mit dem Genick beherrscht und der Hals entspannt sein muss. De la Guérinière sagt dasselbe auf andere Weise: die Wirkung der Reiterhand geht allen anderen Einwirkungen voraus. Craig Stevens fügt hinzu, dass die Hand alleine ausreicht, um das Pferd zu reiten und es die Hohe Schule zu lehren. Das allerdings geht nicht ohne des Reiters unerschütterliches Gleichgewicht.
Nach zwei und wegen anhaltenden Regens einem dritten Stehtag waren die Pferde heute alles von zu munter, frustriert, verärgert bis steif. Am hilfreichsten war letztendlich der Einsatz die kreisende Hand, ein Konzept, welches mich in Seattle zuerst überrascht und dann regelrecht verwirrt hatte. Aber es stimmt, wenn die Zügelhand (oder Hände) die Bewegungen des Pferdes kreisend begleiten geht alles besser. Nicht auf allen Pferden waren heute Sitzübungen angesagt, auf einigen noch nicht einmal die Füße aus den Bügeln nehmen. Die Überraschung: wenn ich mich an meiner Beine erinnere und das Gefühl an den Augenblick, in dem ich sie aus den Bügeln nehme, reagieren sie entsprechend. Hüftgelenke und Knie öffnen und senken sich. Spontan federn nun die Absätze tief durch. Die Pferde sind danach ganz anders gegangen. Ich habe heute zum ersten Mal sechs Pferde geritten. In Pinochios Jugend war daran kein Denken. Diese Mühelosigkeit ist auch das Resultat einer Rolfing-Behandlung, die ich kurz vor meinem Besuch in Seattle begonnen habe. Während die Pferde Stehtag hatten waren für mich Hüftgelenke, Beine und Füße dran.
Also - die Reihenfolge der Übungen muss eingehalten werden. Nur davon, dass meine Hüftgelenke nun befreit sind und die Impulsübertragungen meiner Beine wieder funktioniert, sind Pinochios Hüftgelenke noch nicht frei oder seine Hanken elastisch.
0. Hb.a.d.1/2l.L. (VHW+SW+SH)
A. S.a.l.Zü. + SiÜb.
B/1. Kl.8/S.a.1/2.l.Zü (h+a)
C/1. Gr.8/T + Tr.verl. + 1/2P?
B/2. g.B. + f.F./S (SH, erste Traverstritte)
C/2. g.B. + f.F/T (l.Sl !!!, kl.G)
D.Hb.a.d.kl.Viereck: Zi/T-G-Ü
E. noch nicht: E. S-G-Ü (HHW, RW)
Deshalb heute dieser Aufbau. Die Vorbereitung an der Hand habe ich ausgelassen und dann die Vorhandwendung und das Seitwärtstreten an der Hand vergessen. Das Resultat war deutlich spürbar. Die Hanken wollten nicht elastisch werden. Es war kein Denken an halbe Paraden, deshalb ging der Übergang vom Galopp zum Schritt nur im Auslaufen. Die ersten Traverstritte klappten von der Verständigung, waren aber nicht angebracht. Die Lösung des Tages waren die langen Schlangenlinie im Trab.
Nur schon einmal erwähnen möchte ich die absolut erstaunliche Wirkung des vorrollenden inneren Zügels als Galopphilfe. Pinochio hat einen Tritt im Schritt lang nachgedacht und sich dann prompt und ohne jedes weitere Zutun auf gesetzten Hanken (die, wie sich herausstellte, für eine schönen getragene Reprise nicht stark genug waren) in der Galopp versetzt.
Das ist, was bisher passiert:
1. Seitwärtsdehnen der Hinterbeine (Vorhandwendung)
2. Beim Wenden das innere Hinterbein belasten (kleinen Acht)
3. Im Trab den Bewegungsapparat aktivieren (große Acht)
4. Die Hinterbein zur Gleichseitigkeit anregen (lange Schlangenlinie)
5. Den Bewegungsapparat lösen und harmonisieren (Schulterherein)
6. In kleinen Galopps die Hinterhand belasten (auf der Geraden)
In Vorbereitung:
- Rückwärts
- Hinterhandwendungen
- Travers
Keine Rede ist vom Biegen. Die Pferde stellen das Genick und wenden in Längsbiegung. Über Rippen- und Längsbiegung habe ich in Teil II von Haltungen ausführlich geschrieben. Noch fehlen die Links zu den einzelnen Kapiteln. Im Klartext: es sieht so aus, als ob die Rippenbiegung dem Pferd zwar möglich ist, sie aber in der Reiterei nichts zu suchen hat. Etwas ganz anderes geht in der Längsbiegung vor. Wenn der Kreis zu klein wird treten sie mit der Hinterhand heraus und bewältigen so zügig auch die kleinsten Volten. Meine Beine bleiben inaktiv und mit größtmöglichem Kontakt immer am selben Platz.
Eine ganz neue Aufgabe ergibt sich in diesem Zusammenhang für die Reiterbeine. Sie begleiten den Pferdekörper ohne jede Eigenbewegung. Alexander Nevzorov hat das raus. Pinochio hingegen weiss noch, wie er die Reiterbeine abstoßen kann. Oder habe ich mich austricksen lassen. Alle Bemühungen gelten der Losgelassenheit meiner Beine und meiner Begleitung des Pferdeleibes. Weil es ja sonst keinen guten Grund hat, sich loszulassen und elastisch zu werden. Hier also ist nun zum ersten Mal der Begriff Losgelassenheit, den nur die deutsche Reiterei kennt. Es gilt seine Entstehung und die physiologische Realität, die er benennt zu erforschen.
Zum Thema Sonderbehandlung (3).
Gestörte Pferde erfordern mehr Aufmerksamkeit. Ob eine Sonderbehandlung im Sinne einer veränderten Ausbildung ihnen hilft ist die Frage, die sich zu den älteren und zum Teil gestörten Pferden stellt, unter ihnen auch Fiona.
An Hand meiner Erinnerung, des Videos und Nachlesens bei de la Guérinière habe ich eine ausführliche Diagnose gemacht. Wenn man dem Autor glauben darf sind es genau diese Übungen, die den Bewegungsapparat des Pferd gesund erhalten.
Weicht man von ihnen ab, ist früher oder später mit Störungen zu rechnen. Werden sie das gestörte Pferd auch gesunden? Genau das gilt es zu erforschen. Die Darstellung ist ein Teil davon.
Hier geht es nun weiter. Das nächste Tagebuch ist der Erhaltung von Gesundheit und Beweglichkeit der study-horsemanship Pferde gewidmet. Und ihrer Reaktion auf meine neuen Vorgehensweisen. Mit jedem Sprachwechsel kommt die Notwendigkeit vorhergehende Zusammenhänge noch einmal zusammenfassend darzustellen, was sich für die neue Veröffentlichung "Die Elemente der Reiterei/2" als hilfreich erweisen dürfte. Wie auf leisen Füßen finden die Themen der Reiterei und das Wissen darum, wie die Schöpfung erdacht und gemacht ist zusammen.