Hier unsere Erfahrungen mit Geraderichtung Eins, und wie wir die Themen der Geraderichtung mit den nun nicht mehr jungen Pferden des Study-Horsemanship nach drei Jahren ohne Beritt und unregelmässiger Nutzung im Herbst 2009 erlebt haben. Gehen wir noch einmal zum Anfang.
Das Beweglichkeit des Pferdes beginnt mit der Beweglichkeit des Halses, Unterkiefers und Genicks. Wir setzen dafür eine allgemein verträgliche Variante der Biegungen von Baucher ein, die diesem "Rasiermesser in den Händen eines Affen" seine Schärfe nimmt. Alle Wirkungen bleiben erhalten und lassen sich fein steuern, wenn man mit einigen Krümeln Hafer in der Handfläche arbeitet.
Das Pferd lernt, den Hals mit aufrechtem Nasenrücken und dem Genick als höchsten Punkt seitwärts zu biegen. Es beginnt die Nasenspitze in den Himmel zu recken, den Hals in alle Richtungen zu senken und bei gebeugtem Genick die Halsbasis zu heben (sich also beizuzäumen und aufzurichten). Häufig gähnen die Pferde im Laufe dieser Übungen und erledigen so das weite Öffnen des Unterkiefers von selbst.
Hals, Unterkiefer und Genick werden beweglich wenn man diese Biegungen regelmäßig und mäßig einsetzt. Unsere Erfahrung: Pferde, die im Rücken lang und empfindlich sind, die Nasenspitze nur langsam und Schritt weise heben. Gerade solche Pferde brauchen diese Übung. Sie stellt eine Verbindung zwischen Vor- und Hinterhand her und aktiviert die Funktionen der Vorhand.
Was ist mäßig? Einmal und nur so hoch wie es gut geht. Hinkucken. Reaktionen wahrnehmen. Am nächsten Tag wieder... Einmal, vielleicht zweimal... Und dann die weitere Vorgehensweise der Befindlichkeit des Pferdes anpassen.
Anna hat sich just zu der Zeit eine Variante ausgedacht, die es ihr auf eigene Weise ermöglicht hat, unter dem Sattel wieder zu funktionieren.
Der zweite Schritt ist zusammen laufen und die Führung übernehmen. Woher weiss ich, ob ich führe oder das Pferd? Wenn sich das Pferd in offenem Gelände am Reiter orientiert und, egal was ohne Wenn und Aber an seiner Seite bleibt ist alles paletti. Wenn nicht, dran bleiben und Freundschaft schliessen. Keine faulen Kompromisse eingehen. Das Pferd weiss genau was los ist. Es wünscht sich nichts mehr als Einen, dem es sicher folgen kann.
Dann kommt die Vorhandwendung an der Hand. Und, erst wenn alles tadellos klappt, stehen, aufsitzen und - nun unter dem Reiter - um die Vorhand wenden. Dabei findet die Feinabstimmung im Pferd statt, die es braucht um den Reiter zu tragen. Es schliesst die Kruppe, hebt die Wirbelbrücke, aktiviert die Funktionen der Vorhand, löst den Unterkiefer und lockert das Genick. Die Hand des Reiters führt.
Was wenn mein Pferd vorläuft, nicht wenden will, mit dem Kopf schlägt, den Rücken fallen lässt, sich meine Hilfen entzieht, tut was es will...? Zurück zum Anfang. Maul, Genick und Hals lösen, die Fragen der Führung klären, die Vorhandwendung am Boden erklären. Dem Pferd die Chancen geben ihre Wirkungen zu entdecken. Vorsichtig aufsitzen. Stehen.
Wie gehe ich vor? Wenig, langsam, loben. Ganz langsam und ganz richtig ist die schnellste Art ein Pferd auszubilden.
Auch der Reiter hat Vorbereitungen zu treffen. Ist er sich der fundamentalen Zusammenhänge seines Körpers bewusst, die ihm die Kommunikation mit dem Pferd ermöglichen? Kann er das Pferd mit lockeren Beinen am Platz halten? Hat er sanfte Hände, die das Maul begleiten und im rechten Moment nachzugeben wissen. Wenn nicht braucht er Zeit und die Gelegenheit die klassische Zügelführung mit dem Pferd am Boden zu üben. Tai Chi und verwandte Übungen bringen ihn ins Gleichgewicht. Die Arbeit am Boden hält ihn fit.
Richtig wenden an einer Hand. Richtungswechsel im Schultervor. Dazu haben wir die Untersuchungen des latissimus dorsi und seiner Rolle in der Reiterei begonnen. Einzelheiten... Eines is klar: Der angebobene Rücken, das tragende innere Hinterbein und der prompte Wechsel des Gewichts von einem auf das andere Hinterbeine sind die Schlüssel.
Immer wieder rühren wir an körperliche Schwierigkeiten und dann muss beigearbeitet und die Ursache erkannt werden. Die Pferde arbeiten am Boden. Der Reiter macht die passenden Übungen. Beide verbessern Bewegung und Bewusstsein.
Wenn es dem Pferd an Losgelassenheit fehlt ist am Zügel im Schultervor führen eine bewährte Übung. Wann weiss ich ob es richtig ist? Wenn das Pferd genüsslich kaut, in Schultervor-Stellung anhält sobald ich halte und antritt, wenn ich wieder loslaufe. Eine andere ist die Übung Eins, "Vier Ecken auf vier immer kleiner werdenden Vierecken", begonnen auf der rechten Hand. Manche Pferde kauen schon nach der vierten Ecke ab, andere erst nach der zwölfen. Aber abkauen tun sie alle.
Die Kombination der Übungen an der Hand und unter dem Sattel muss stimmen. Solange das Pferde nicht prompt im Schultervor die Richtung wechselt ist Übung Eins unter dem Sattel verfrüht. Sie eignet sich aber vielleicht, um das Pferd an der Hand zu lösen. Immer wieder lohnt es sich die Ergebnisse der Schrittarbeit im Trab zu überprüfen. Blieb das Gleichgewicht in den Bewegungen der Hinterhand erhalten? Wurde es verbessert? Wie tritt das Pferd an und wie pariert es?
Routine ja, aber das Pferd langweilen nein. Das heisst, immer soviel wagen wie möglich, aber so wenig wie nötig, um das Pferd nicht durcheinander zu bringen. Sich selbst und das Pferd fordern, die kleinen und kleinsten Schritte mit enormer Wirkung dieser Ausbildung erfolgreich zu bewältigen.