Die Qualität der Nervenimpulse hängt ganz wesentlich von den Haltungen der Wirbelsäule ab. Dieses Ergebnis als Resultat der diesjährigen Forschung des Study-Horsemanship birgt keine Überraschung, denn die Reaktion des Pferdes auf die Haltung des Reiters hat diese Erkenntnis schon immer nahe gelegt. Die Haltung des Reiters und daraus resultierender Reaktion des Pferdes bestimmt deshalb in großem Maße die Qualität des Reitens. Des Reiters Haltung und wie diese zu verbessern ist, präsentiert sich als das derzeitige Thema des Study-Horsemanship und steht im Zentrum kommender Untersuchung.
Das Pferd versteht die menschlichen Nervenimpulse gemäß ihrer Verteilung in den Dermatomen der Haut seines Reiters. Diese These wird unten dargestellt und sollte durch weitere klinisch-wissenschaftliche Nachforschungen weiter untersucht werden. Die bereits vorliegenden empirischen Nachweise bestätigen dieses physiologische Phänomen und der oben beschriebene Zusammenhang erweist sich schon jetzt, vor und neben weiteren Verifikationen und Einsichten in Ursachen und Wirkungen, als hilfreich in Theorie und Praxis des Reitenlehrens und -lernens.
Das periphäre Nervensystem geht vom zentralen Nervensystem aus und innerviert Körper und Haut. Jedes der periphären Nervenpaare besteht aus vier Strängen. Drei dieser Stränge mischen sich in den schon erwähnten Nervenbündeln neu und verteilen sich im Körper, um unter anderem Bewegung hervorzubringen. Der vierte Strang jedoch verläuft vom zentralen Nervensystem direkt zu den Dermatomen. Das heißt, das zentrale Nervensystem ist automatisch und ständig über alles informiert, was im und um den Menschen herum vor sich geht. Das Innerste des Menschen steht so mit dem Äusseren in Verbindung.
Die genannten Dermatome verlaufen nahezu horizontal im Körper und annähernd vertikal in Armen und Beinen. Zeichnete man sie auf der Körperoberfläche ein, so würde man schnell erkennen, dass sie die Hülle des Menschen in vier verschiedenen Regionen innervieren:
- die Nervenabschnitte des Halses den Kopf und Hals, die Schultern, Arme und Hände
- die Brustabschnitte den Brustkorb und die Innenseiten der Arme
- die Lendenabschnitte die Lendengegend, die Vorderseiten der Beine und einen Teil des Fußes
- die Kreuzbeinabschnitte das Gesäß, die Außenseiten der Beine und den anderen Teil des Fußes
Auf die gründliche Untersuchung der einzelnen Dermatome, ihrer Gruppierungen und deren Wechselwirkungen mit dem zentralen Nervensystem des Pferdes wird im zweiten Teil dieser Studie näher eingangen.
Schon jetzt lässt sich Folgendes festhalten: Die Verkürzung des zentralen Nervensystems im Menschen und die resultierende Positionierung der Nervenabschnitte L1-S5 in den Brustwirbeln T10-12 stellen eine zentrale Steuerungseinheit im Rücken des Reiters dar. Mit Hilfe dieser Steuerung reitet der aufrechte, gleichseitige Reiter das Pferd ohne jede Mühe. Seine Grenzen sind des Pferdes Möglichkeiten, dessen Gesundheit und Kondition und sein persönlicher Erfahrungsschatz in Bezug auf den Einsatz seines Körpers zu Pferd. Reiten ist selbstverständlich. Es erklärt sich von selbst, weil das Pferd nicht anders kann, als die Haltungen seines Reiters nachzuahmen und unter dem Sattel quasi als eine kraftvolle Verlängerung des Menschen zu funktionieren.
Die zentrale Steuerung im Rücken des Reiters, wie auch alle anderen nervlichen Übertragungen zwischen Reiter und Pferd, vollzieht sich mit vollkommener Präzision. Dies hat Licht- und Schattenseiten. Pferd und Reiter können den nervlichen Übertragungen nicht entgehen, da sie unwiderruflich sind. Des Reiters Gleichseitigkeit und eine gute Lesbarkeit seiner Nervenimpulse stehen für gute Resultate. Jeder Mangel verstärkt die Tendenz zur Schiefe und verschlechtert die Resultate.
Das Pferd liest den Menschen über die merkwürdige Verteilung periphärer Nervenimpulse in dessen Haut. Davon ist auszugehen. Und doch ist diese bemerkenswerte Tatsache am Ende nicht mehr als ein technisches Detail. Wirklich erstaunlich ist, dass in der Reiterei zwei ganz verschiedene Wesen, von einem Willen vereint, ihre strukturellen Beschaffenheiten und Nervensysteme teilen. Das Tier Pferd kann so den Menschen Mensch auf seinem Rücken verstehen. Es liest dessen Stimmungen, Absichten und Willen. Es nimmt seinen guten Willen wahr und erkennt, wenn dieser fehlt. Das Pferd weiß um des Reiters Kenntnis und sein Können in Sachen Reiterei.
Der Reiter hingegen kann sich auf solch detaillierte Informationen nicht verlassen. Er setzt auf Erfahrung und hat nur eine Chance, die nämlich - als Steuermann und Helfer - des Pferdes Vertrauen zu gewinnen und seine Kräfte abzurufen.
Was heißt das alles praktisch? Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass hinsichtlich der Physiologie die Haltung und hinsichtlich des reiterlichen Könnens das Wissen Grundlagen der Reiterei sind. Haltung und Wissen treffen einander in des Menschen sensorisch-motorischem System. Diesem vertraut sich das Pferd an und wird mit dem Reiter eins.
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