Das zentrale Nervensystem und mehr noch dessen Kern, das sensorisch-motorische System, ist das Zentrum des Lebens. Von ihm fließen motorische Impulse zum Körper. Zu ihm kehren sensorische Impulse vom Körper zurück. Diese Impulse regeln die Bewegungen des Lebewesens. Sie implementieren seine Absichten.
Richtig, nicht alle der genannten Impulse erreichen das Gehirn, noch bedürfen sie genau genommen dessen Beteiligung. Viele Impulse schließen sich im zentralen Nervensystem kurz und regeln Bewegung in Reaktion auf die Absichten eigenständig. Ein einfaches Beispiel mag dies erläutern: Wenn Sie sich vom Stuhl erheben um zum Fenster zu gehen, setzen Sie selten Ihr Gehirn zur Ausführung dieses Vorgangs ein. Im Gegenteil, Sie stehen auf und laufen los. Diese Kurzschlüsse oder Reflexe sind es, die auch das Reiten ausmachen.
In anderen Worten, das Pferd liest die Absichten des Reiters und führt diese in einer klar angelegten Arbeitsteilung aus. In der Arbeitsteilung des Reitens sitzt der Reiter und setzt seine sensorischen Fähigkeiten ein. Das Pferd setzt seine motorischen Fähigkeiten ein und bewegt sich.
Im Rahmen dieser Arbeitsteilung sei auf drei bemerkenswerte, strukturelle Faktoren verwiesen. Es sind dies die Harmonie der ganz unterschiedlichen equiden und humanen Knochenstrukturen, die Verkürzung der zentralen Nervensysteme und deren Auswirkungen auf die Verteilung der periphären Nerven, sowie die Innervierung der Haut in merkwürdigen Streifen, den Dermatomen.
Während die Nerven in Mensch und Pferd im Prinzip deutliche Parallellen aufweisen, zeigen sich im Skelettbau wesentliche Unterschiede. Das Pferd bewegt sich auf vier Beinen. Der größte Teil seines Rückgrats, die freitragende Wirbelbrücke nämlich, befindet sich in horizontaler Stellung. Die S-förmige Halswirbelsäule trägt den Kopf mit seinen Sinnesorganen. Sie erlaubt dem Pferd auch den Kopf zu senken. Ein strukturell und nervlich genau definiertes Sakralgelenk ist Grundlage seiner motorischen Leistungen.
Der Mensch bewegt sich auf zwei Beinen. Seine Wirbelsäule ist aufrecht. Sie wird von unten vom Kreuzbein unterstützt und kann sich biegen und drehen. Auf ihrem oberen Ende ruht der Kopf mit seinen Sinnesorganen.
Aus der Gestalt der aufrechten Wirbelsäule des Menschen und dem vielförmigen Rückgrat des Pferdes ergeben sich stark abweichende Bewegungsabläufe. Und doch harmonieren die Haltungen des zweibeinigen Menschen und des vierbeinigen Pferdes verblüffend genau. Gleiches gilt für die Verteilung ihrer Dermatome, beziehungsweise der Wurzeln ihrer periphären Nerven.
Die starke Verkürzung des zentralen Nervensystems im Menschen, das nur bis zum obersten Lendenwirbel (L1) reicht, bewirkt eine Verteilung der periphären Nerven, die auf den ersten Blick merkwürdig erscheint. Eigentlich, so würde man erwarten, sollte jedes dieser Nervenpaare des zentralen Nervensystems die Wirbelsäule an genau korrespondieren Ausgängen zwischen den Wirbeln verlassen, so wie es zum Beispiel im Rückgrat des Pferdes weitestgehend der Fall ist.
Im Menschen jedoch geht diese Systematik wegen der genannten Verkürzung verloren. Schon vom dritten Halswirbel an stimmen die periphären Nervenwurzeln nicht mehr mit den korrespondieren Zwischenwirbelausgängen überein. Statt dessen ziehen sich die Nerven im Wirbelkanal abwärts, bis sie nach immer länger werdenden Abständen austreten können. Es existiert eine klare Austrittsordnung, doch können die periphären Nerven eben nicht direkt an ihrer Wurzel austreten, sondern müssen dazu nach unten wandern.
Als Resultat verlaufen unterhalb des Rückenmarkstamms im Wirbelkanal nur noch periphäre Nerven. Dieses Phänomen der menschlichen Physiologie wird ‘Pferdeschwanz’ genannt. Die den unteren Teil des menschlichen Körpers innervierenden Nervenabschnitte L1 bis S5 befinden sich dadurch, wie schon erwähnt, oberhalb in den Wirbeln T10-12. Und genau diese Wirbel weisen interessanterweise auch die größte Beweglichkeit in der Wirbelsäule des Menschen auf.
Die beschriebene Verkürzung und resultierende Anordnung wirkt auf den ersten Blick befremdlich und doch scheinen hier Sinn und Verstand am Werk. Zunächst sei fest gestellt, dass eine solche Anordnung in einer der ständigen Erdanziehungskraft ausgesetzten Welt nur in einer aufrechten Wirbelsäule möglich ist. Nur so kann schädigender Druck auf die periphären Nerven im Wirbelkanal vermieden werden.
Hinzu kommt die Tatsache, dass der Mensch mit einem Rückenmarkstamm voller Länge geboren wird. Die Verkürzung entsteht erst im Zuge menschlichen Wachstums. In anderen Worten, die Wirbelsäule wächst. Das zentrale Nervensystem jedoch vergrössert sich nach der Geburt nicht mehr oder nur unwesentlich. Die Verkürzung des Rückenmarkstamms in der menschlichen Wirbelsäule scheint also mit den ausgedehnten Lernphasen der ersten Lebenjahre des Menschen zu tun zu haben, in denen auch die intellektuellen Fähigkeiten wie Selbsterkenntnis, Bewusstsein und abstraktes Denken entstehen. Ein Pferd steht nach der Geburt auf und kann, wenn es nötig sein sollte, gleich loslaufen. Der Mensch hingegen nimmt sich Zeit um krabbeln, stehen, sitzen, laufen und rennen zu lernen.
Als dritten Punkt, auf den sich zudem der Fokus dieser Abhandlung richtet, gestattet die Verkürzung des zentralen Nervensystems auch die Übereinstimmung nervlicher Übertragung zwischen Mensch und Pferd. Die Positionierung der den Unterkörper innerverierenden Nervenabschnitte im Oberkörper des Menschen, genau in dem Abschnitt der menschlichen Wirbelsäule, der auch die größte Flexibilität aufweist, bildet die Grundlage der zentralen Steuerung des Reitens.
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