So weit also zur Darstellung der Nervensysteme im Säugetier. Der folgende Abschnitt mag wie ein Themenwechsel erscheinen, ist es aber nicht. Er befasst sich mit den Einzelheiten des schon angedeuteten zweiten Kommunikationssystems im Pferdekörper und dessen Bezug zum autonomen Nervensystem. Anschließend werden in den letzten zwei Kapiteln dieser Studie das zentrale und das periphäre Nervensystem sowie ihre Auswirkungen auf die Reiterei weiter beleuchtet.
Zur Darstellung der Rolle des autonomen Nervensystems in der Reiterei beginne ich mit einigen Beobachtungen, deren Bedeutung sich mir selbst erst nach Jahren der Unsicherheit erschlossen haben, wie denn nun mit der Hand des Reiters umzugehen sei, damit das Pferd sie spontan verstehen kann.
Haben Sie je die Veränderung wahrgenommen, die in einem jungen Pferd vor sich geht, wenn es beginnt sich voll und ganz für den Reiter einzusetzen? Sein Gesicht drückt Erstaunen, Zustimmung, ja Wohlbefinden aus. Es scheint nicht mehr die Welt um sich herum wahrzunehmen, sondern in sich selbst hineinzuschauen, als konzentriere es sich auf etwas dort, in seinem Inneren.
Haben Sie je das unvermeidliche Abtauchen des jungen Pferdes beobachtet, welches es vornimmt, um die Seite seiner Nase genüsslich am geschwind und eigens hierfür vorgesetzten Vorderbein zu reiben?
Haben Sie je bemerkt, wie schnell das junge Pferd sich in seine Arbeit fügt? Wie rasch es ununterbrochen Runde um Runde in der Reitbahn zieht? Wie es in wohl regulierten Tritten für immer längere Reprisen fleißig ausschreitet, nachdem es doch auf der Wiese aufgewachsen ist und sich dort nur in gelegentlichen, spielerischen Spurts bewegt hat?
Erst als ich im schon erwähnten Buch John Goodys ‘Die Anatomie des Pferdes’ zum ersten Mal auf eine Darstellung autonomer Nerven im Pferd stieß, beschlich mich eine Ahnung, dass die genannten Phänomene tatsächlich auf einer gemeinsamen Grundlage beruhen.
Um es kurz zu machen, alles deutet darauf hin, dass Dank des Parasympathikus des Reiters Ringfinger direkt auf des Pferdes Kreuzbein einwirkt. Und das nicht, ohne auf dem Weg dorthin Einfluss auszuüben. Rein strukturell ist dieser Einfluss nur auf Grund von Gebiss und Zügeln möglich. Im Pferd beruht er auf der Gestalt und Wirkungsweise des Parasympathikus. Noch einmal zur Erinnerung, der Parasympathikus ist als Gegenspieler des Sympathikus für Ruhe und Erneuerung der Kräfte zuständig. Er verläuft vom Genick zum Kreuzbein und im Pferdekopf bis ungefähr zur Höhe des Nasenriemens. Im Kreuzbein verbindet er sich mit vier Abschnitten des zentralen Nervensystems, den Abschnitten S1-4.
Der Leser wird diesen Rückschluss verstehen, wenn er sich die zu Grunde liegenden Zusammenhänge der Physiologie noch einmal vor Augen führt. Lassen Sie mich deshalb als allererstes noch einmal die Nervenabschnitte S2 und S3 erwähnen, die beim Reiter das Gesäß und die Innenseiten der Beine und beim Pferd die Hinterbeine innervieren. Zu genau diesen nämlich, sowie zu den umgebenden Nervenabschnitten, nimmt der Parasympathikus im Sakralgelenk des Pferdes Kontakt auf.
Nervenfasern des Sympathikus und des Parasympathikus mischen sich in mehreren Nervenbündeln. Zwei dieser Bündel befinden sich in der Gegend des letzten Brust- und des ersten Lendenwirbels zwischen Magen und Rückgrat. Sie entsprechen denen, die im Menschen Solarplexus genannt werden. Dann gibt es einen Plexus in der Nähe des Kraftzentrums an L4, der einen Bezug zu den Reproduktionsorganen des Pferdes hat und ein weiteres Nervenbündel, den Pelvisplexus, der auf das Beckenzwerchfell einwirkt, welches durch sein Nachgeben das Heben der Schweifrübe bewirkt.
Der Reiter wirkt mir seinen Ringfingern auf das Pferd ein. Nicht überraschend, mag man hinzufügen, wenn meine Vermutung zutrifft. Seine Ringfinger teilen sich dem Solarplexus, einem weiteren Plexus, der die Kraftzentrale des Pferdes anspricht und dem Pelvisplexus in der Kruppe des Pferdes mit, bevor sie genau jene Nervenabschnitte kontaktieren, die die Hinterbeine des Pferdes innervieren. Genau diese korrespondieren, wie schon gezeigt, auch mit des Reiters Gesäß und seinen Beinen. Und als sein dies nicht genug: Die Impulsübertragung der Nervenabschnitte S2/3 zwschen den Hinterbeine des Pferde und dem Gesäß sowie den Beinen des Reiters öffnet sich im Sakralgelenk auch der Wirkung des reiterlichen Ringfingers.
Darf ich den Leser noch einmal an die drei Hinweise zu Beginn dieses Abschnittes erinnern. Was sie bedeuten erscheint nun in klarem Licht. Sie bezeugen die Überraschung des Pferdes angesichts der Einflussnahme des Reiters auf sein Allerinnerstes. Sie weisen darauf hin, dass der Parasysmpathikus auch das Maul des Pferdes innerviert und sie illustrieren die allereigenste Fähigkeit des Parasympatikus, die Kräfte des Pferdes fortlaufend zu erneuern und die Beständigkeit des equiden Bewegungsablaufs zu erhalten.
Eine solch köstliche und wertvolle Möglichkeit des Reiters auf das Pferd Einfluss zu nehmen fordert einen entsprechenden Zugang, mag sich der Leser denken. Und so ist es auch. Es stellt sich nämlich heraus, dass das Pferd nicht auf Gedeih und Verderb der Hand des Reiters ausgeliefert ist. Es kann den Zugang zu seinem Allerinnersten verschließen. Denn zwischen des Reiters Hand und dem Parasympathikus des Pferdes befindet sich der Unterkiefer des Pferdes, der, wenn das Pferd es so will, fest verschlossen bleibt.
Der Kiefer des Pferdes wird von kraftvollen Muskeln zum Aufschließen der Nahrung eingesetzt. Er ist am Kopf in zwei einfachen Gelenken direkt unter des Pferdes Ohren aufgehängt. Ohne dass es einer weiteren Erklärung bedarf, ist klar, dass für Wohlbefinden und Erhaltung eines jeden Säugetieres der Unterkiefer eine entscheidende Rolle spielt.
Der Unterkiefer, aber auch die Zunge haben eine wichtige Funktion beim Reiten. Die klassische französische Reiterei stellt einen Bezug der Zungenbewegungen zum Sympathikus und einen Bezug des Parasympathikus zu den Bewegungen des Kiefers her. Und richtig, der Kiefer regelt nicht nur die Wechselwirkungen des reiterlichen Ringfingers auf das Kreuzbein. Er reflektiert auch die Wirkungen des Sypmathikus, wie zum Beispiel das Hochfahren der Energie, welches sich im schäumenden Maul des Pferdes anzeigt.
Die Einwirkung des Reiters auf Kiefer und/oder Zunge des Pferdes beruht jedoch auf einem weiteren Aspekt. Sie ist auch auf die Anlehnung des Pferdes an die Hand des Reiters angewiesen. Diese Anlehnung wählt das Pferd. Es kann sich für oder gegen sie entscheiden. Das Pferd bewahrt sich damit einen weiteren Schlüssel zur wundersamen Einwirkung des Reiters auf sein Allerinnerstes.