Als Nächstes werden wir uns den vorderen Abschnitt der freitragenden Wirbelbrücke ansehen und seine Funktionen im Bewegungsablauf des Pferdes. Diese Untersuchung endet mit der Darstellung eines heute in der Reiterei weit verbreiteten Missverständnisses, das weit reichende Folgen hat.
Der erste Abschnitt des Pferderückgrats (T1-8) verleiht dem Pferdekörper Stabilität in der Bewegung. Die Wirbel dieses Abschnitts setzen sich, wie alle anderen Wirbel des Pferderückgrats, auf der Oberseite in sogenannten Dornfortsätzen fort. Beginnend mit einem kurzen an T1 wachsen sie gen Mitte dieses Abschnitts zu beträchtlicher Länge heran. Die Art, wie diese Dornfortsätze aufwärts und nach hinten quasi aus dem Wirbelkörper herausschießen, wirkt zunächst merkwürdig. Erst auf den zweiten Blick offenbahrt sich ihre zweckmäßige Konstruktion und Statik.

Abb.8 Die zwei Dornfortsatztypen
Die längsten Dornfortsätze (T5-8) stützen die Schultern des Pferdes. Der equide Schultermechanismus besteht aus aerodynamisch geformten Schulterblättern und starken Bandscheiben, die durch mehrere Muskel- und Bindegewebslagen am Platz gehalten werden. Dieser Mechanismus federt den Schwung ab, der mittels dreier genau aufeinander abgestimmten Hebelwirkungen in der Hinterhand des Pferdes entsteht. Sie stützen die Vorderbeine, die das Gewicht des Pferdes lediglich periodisch und nur für Sekundenbruchteile im genauen Takt der Bewegungen tragen.

Abb.9 Die Schultern des Pferdes
Der Hohlraum zwischen den ersten acht Brustwirbeln, den ihnen verbundenen Rippen und dem Sternum bieten dem Herzen des Pferdes bei plötzlichen Richtungs- und Gangartwechseln Schutz. Diese acht Rippen sind die einzig voll ausgebildeten im Pferd. Sie sind mit dem Sternum zwischen den Vorderbeinen verbunden.

Abb.10 Das Herz des Pferdes
Die Rippen des Pferdes sind, wie die zugehörigen Wirbel und deren Dornfortsätze, in Vierergruppen gegliedert. Die ersten vier Rippen sind relativ kurz und bilden den vorderen Brustkorb. Die vier anschliessenden sind die starken Rippen, auf denen der Schultermechanismus ruht. Vier Rippen gestatten dem Pferd, sich ‘in den Rippen zu biegen’. Vier weitere unterstützen das Gesäß des Reiters. Die verbleibenden zwei Rippen sind dem Becken und den Oberschenkeln muskulär verbunden. Des Reiters Gesäßknochen werden von den zwei längsten Rippen T12 und T13 unterstützt.

Abb.11 Die Rippen des Pferdes
Zum Thema Vor-, Mittel- und Hinterhand des Pferdes gibt es eine weitere Beobachtung, die mit den Dornfortsätzen T9-12 des flexiblen Mittelteils in Zusammenhang steht. Auch diese Dornfortsätze schießen quasi aufwärts und nach hinten aus dem Wirbelkörper heraus, wobei sich deren Winkel und Längen zusehends verringern.
Die zwölf Dornfortsätze vor des Reiters Gesäßknochen haben eine andere Aufgabe als die, auf denen das Gesäß des Reiters ruht. Sie sind der Anker des oberen Rückenmuskels, mittels dessen das Pferd seine Vorhand hebt. Sie sind auch der vordere Anker des langen Bandes, das sich vom Hinterhaupt über den zweiten Halswirbel zum Dornfortsatz T5 erstreckt und von dort auf den verbleibenden Dornfortsätzen bis zum Ende des Kreuzbeins verläuft. Die Dornfortsätze, auf denen der Mensch sitzt, sind hingegen kürzer und breiter. Sie sind zudem an der Kraftübertragung von der Hinterhand auf die Vorhand beteiligt.
Das Vorhandensein zweier unterschiedlicher Dornfortsatztypen weist darauf hin, dass es trotz der drei eindeutig verschiedenen Rückgratsabschnitte – dem stabilisierenden, dem flexiblen und dem Kraft übertragenden – so etwas wie eine Mittelhand im Pferd nicht gibt.
* Im nächsten Textabschnitt beginne ich mit der Darstellung nervlicher Übereinstimmungen von menschlichen und equiden Dermatomen. Eine Erläuterung mag deshalb an dieser Stelle angebracht sein. Dermatome sind Hautregionen. Diese einzelnen Regionen der menschlichen Oberfläche werden von jeweils einem bestimmten Abschnitt des zentralen Nervensystems unmittelbar innerviert. Die Übertragung dieser Innervierungen auf das Pferd und deren Funktionsweise sind Gegenstand des zweiten Teils dieser Studie und werden dort detailliert im Einzelnen behandelt.
Die Untersuchung der Verteilung der Dermatome im menschlichen Körper und ihrer Funktion beim Reiten geht auf eine erstaunliche Entdeckung zurück, die ich Anfang 2004 beim Betrachten eines anatomischen Textbuches machte. War es eine Intuition, die mich eine Osmose zwischen Dermatomen und den Einwirkungen des Reiters erahnen ließ? Wie auch immer, ich bewahrte diese Intuition nah am Herzen und begann in den darauf folgenden Monaten die Funktionen der Dermatome im Sattel auszuprobieren und systematisch zu verifizieren.
Soweit mein Vorgehen. Nun aber zum Pferd. Die Annahme ist berechtigt, dass auch das Pferd über Dermatome verfügt. Ihr Verlauf im Pferdekörper ist mir jedoch trotz Recherche nicht bekannt und so steht zu vermuten, dass die Dermatome des Pferdes bisher nicht schlüssig erforscht wurden. Ich beschreibe deshalb die Wirkung der menschlichen Dermatome nicht auf die Dermatome des Pferdes, sondern auf die Abschnitte des zentralen Nervensystems, die diese Dermatome (unabhängig von deren exaktem Verlauf) innervieren. Dieser Ansatz erscheint mir auch deshalb richtig, weil des Reiters aufrechte Wirbelsäule auf dem horizontalen Rückgrat des Pferdes ruht und somit direkt auf das Rückgrat des Pferdes und das zentrale Nervensystem in diesem Rückgrat einwirkt.
Die Aufwärtsdehnung des reiterlichen Rückenmarkstamms durch das Anheben des zweiten Halswirbels (C2) aktiviert das Pferd. Das Heben des Kinns stabilisiert den oberen Hals und Kopf des Pferdes (C3). Das Wenden des Reiterkopfes von der Mitte des Halses aus (C4) wendet den Pferdehals. Das Herausdrehen der Reiterhand, dem ein Drehen des Unterarms zwangsweise folgt, unterstützt den Richtungswechsel des Pferdes. Diese Wirkung entsteht durch die Dermatome C5 und T1, die parallel den inneren Arm des Menschen hinunter verlaufen. Das Schließen der Daumen bringt das gleichgewichtete Pferd zum Halten (C6). Ein Wenden der Reiterschultern initiiert und begleitet des Pferdes Richtungswechsel (C7).
Alle hier dargestellten Einwirkungen des Reiters auf sein Pferd gehören zum Repertoire klassischer Reitkunst, wenn auch nicht immer der deutschen (so ist zum Beispiel das Herausdrehen der Reiterhand typisch für die französische Reiterei). Das Bemerkenswerteste an der Verteilung der Dermatome im menschlichen Körper jedoch ist die Tatsache, dass der Ringfinger vom Dermatom C8 innerviert wird. Von diesem Nervenabschnitt C8 also, der sich ohne korrespondierenden Wirbel im Zentrum der Vorhand befindet.
Mancher mag argumentieren, es habe lediglich den Anschein, als ob die reiterlichen Einwirkungen den einzelnen Abschnitten des zentralen Nervensystems entsprängen. In Wirklichkeit sei nicht das sensorisch-motorische System des Reiters Grundlage der Kommunikation, sondern eine Kombination muskulärer Einwirkungen. Dieses Argument werden voraussichtlich diejenigen Reiter wählen, die ihre Pferde mit Muskeleinsatz reiten und, wenn sie im Gegeneinander zwischen Pferd und Reiter nicht mehr zurecht kommen, diese muskuläre Einwirkung durch den Einsatz mechanischer Hilfsmittel verstärken. Die Reiter jedoch, die im Miteinander die Reaktion des Pferdes auf des Menschen Gedanken und Willen erlebt haben, werden mir zustimmen, dass wir es hier mit einem Phänomen zu tun haben, das der weiteren Erforschung wert ist.
Selbst wenn die nervlichen Übereinstimmungen und die Übertragung von Nervenimpulsen zwischen Reiter und Pferd bisher nicht wissenschaftlich erforscht wurden und sich vielleicht nie stichhaltig werden nachweisen lassen, so ist ihre Systematik doch die physiologische Grundlage der Reiterei.











