Wenden wir uns noch einmal der Beobachtung des Bewegungsablaufs zu. Eine schrittweise, allen Aspekten Rechnung tragende Beschreibung wird es ermöglichen die Bewegung des Pferdes zu verstehen. Eine solche Darstellung lässt auch die Rolle des Nervensystems in der Reiterei verständlicher werden.
Das freilaufende Pferd bewegt sich im natürlichen Gleichgewicht. In diesem wechselt es zügig zwischen offener und geschlossener Kruppe. In diesem Gleichgewicht bewältigt es die Anforderungen seines täglichen Lebens, wie zum Beispiel unterschiedlichste Böden. In diesem natürlichen Gleichgewicht verleiht es auch seinen Stimmungen Ausdruck.

Abb.24 Der Kruppen schliessende Bauchmuskel des Pferdes
Unter dem Sattel wird aus dem natürlichen zunächst das horizontale Gleichgewicht. Dieses ist durch ein beständiges Schließen der Kruppe gekennzeichnet. Zum Zwecke der Eindeutigkeit und Abgrenzung vom zweiten Gang bezeichne ich das horizontale Gleichgewicht auch als ersten Gang.
Die Kruppe des Pferdes schliesst sich in Reaktion auf das Gewicht des Reiters und den Druck der reiterlichen Oberschenkel auf die obere elfte Rippe. Das Pferd gewinnt unter dem Reiter im ersten Gang Erfahrung mit dem Schließen des Sakralgelenks und dem Heben des Rückens. Dabei achtet der Reiter auf die Erhaltung der Leichtigkeit und auf des Pferdes Bewegungsfreude.
Der Reiter bedient sich dieses ersten Ganges auch um das Pferd geradezurichten. Zu diesem Zweck verteilt er das Gewicht des Pferdes gleichmäßig auf alle vier Beine und reitet es vorwärts. Der beständige Kruppenschluss garantiert das fortgesetzte Heben der freitragenden Wirbelbrücke. Dabei unterstützen die unter den Schwerpunkt tretenden Hinterbeine die Masse des Pferdes. Das Senken des Kreuzbeins und die zunehmende Elastizität der Hanken bereiten das Pferd auf den zweiten Gang vor.
Aufgrund der Geraderichtung im ersten Ganges entdeckt das Pferd seine Befähigung zum zweiten Gang auch unter dem Sattel wieder. Es kennt den zweiten Gang nur zu gut von den vielen, wenn auch immer nur kurzen Momenten erhöhter Erregung und an sich selbst gestellter Aufgaben im Freilauf auf der Wiese. Und - unter dem Reiter erkennt es nun eine neue Möglichkeit. Es merkt nämlich, dass es mittels eines ständigen Drucks auf das lange Band und eines fortgesetzten Einsatzes des zweiten Halswirbels den zweiten Gang immer länger beibehalten kann.
Die ununterbrochene Spannung des langen Bandes spricht die Muskulaturen der Leistungshaltung in des Pferdes Oberlinie an. Mit ihr verbesserte sich die Innervation der Hinterbeine im Sakralgelenk. Die genannten Faktoren bezeichnen die Hochleistung. Sie gehen mit der für den zweiten Gang typischen Verbessererung der Mobilität und Selbstkontrolle einher und bewirken eine Veränderung in der inneren Haltung des Pferdes, die auch seine Einstellung zum Reiter verwandelt.
An dieser Stelle scheint mir eine Definition und Abgrenzung der Begriffe Gang und Haltung angebracht. Sie sind Ausdruck zweier verschiedener physiologischer Funktionen:
- Der Begriff Gang bezieht sich auf die Innervierung des Pferdes. Diese wird durch den Einsatz des langen Bandes, und jenes andere schon genannte Kommunikationssystems im Pferd reguliert, welches wir noch genauer betrachten werden.
- Der Begriff Haltung kennzeichnet die muskuläre Tätigkeit des Pferdes. Denn jede einzelne Haltung, die Reise-, Dehnungs-, Arbeits- und Leistungshaltung, ist typisch für den vermehrten Einsatz klar unterschiedener Muskelgruppen.
Zum Übergang zwischen Haltungen und Gängen lässt sich Folgendes sagen: Reise- und Leistungshaltung eignen sich für den Wechsel zum zweiten Gang. Auch aus der Arbeitshaltung kann das Pferd in den zweiten Gang gehen, jedoch nur, wenn es Kopf und Hals frei tragen darf. Die Dehnungshaltung eignet sich nicht für den zweiten Gang. Der für diese Haltung typische gesenkte Kopf und seine Tendenz vorwärts-abwärts verhindern den zweiten Gang. Gleiches gilt auch für die im modernen Reitsport weit verbreitete Zwangshaltung mit der typischen Überbiegung von Hals und Genick.
Dieses also sind in aller Kürze die Veränderungen, die im Körper des Pferdes beim Wechsel vom natürlichen zum horizontalen Gleichgewicht und vom ersten zum zweiten Gang vor sich gehen. Sie betreffen Skelett und Nerven und zeugen von einem Kraftzuwachs. Aber das ist nicht alles. Diese Veränderungen hinterlassen auch einen tiefen Eindruck auf des Pferdes Psyche.
Ähnlich einem Kinde, welches mit dem Erlernen des Lesens und Schreibens seine intellektuellen Fähigkeiten entdeckt und in den Raum der Kultur tritt, erlebt auch das Pferd einen Wandel der Sphären. Wenn es sich unter dem Sattel gerade richtet und den zweiten Gang entdeckt, erlernt es die uneingeschränkte Kontrolle seiner eigenen Kräfte. Dieses erfährt das Pferd nicht draußen in der freien Natur, alleine und auf sich selbst gestellt, sondern unter Kontrolle und Anleitung des Reiters. Der Reiter führt es von der Natur zur Kultur. Das Pferd reagiert auf diesen Wandel und auf den, der ihn bewirkt, mit den Emotionen einer ersten großen Liebe.