Was bisher als die Elemente der Reiterei erschien, wird nun in Bewegung zu sehen sein.
Im modernen Pferd lassen sich zwei Formen der Bewegung beobachten: Sprints und schnelle Wendungen eines freilaufenden Pferdes und die gleichförmige Vorwärtbewegung eines Pferdes ‘bei der Arbeit’. Ersteres umfasst Tempo- und Richtungswechsel, letzteres ein konstantes Tempo und nur eine Richtung, die Vorwärtsrichtung nämlich.
Eine solch klare Trennung der equiden Bewegungsformen gab es nicht immer. Im Krieg, im Umgang mit Rindern und Schafen und im Reisen über unübersichtliches Terrain setzte das Pferd wenigstens zwei lokomotive Fähigkeiten ein. Es ging gleichmäßig vorwärts und bewegte sich wenn nötig in lateralen Richtungen. In Gefechtssituationen war es sogar in der Lage rückwärts auszuweichen.
Der Anlass für das heute fast ausschließliche Vorwärts des Pferdes war das schnellere, kraftvollere Pferd, welches in England seit dem 18. Jahrhundert in Reaktion auf die Entdeckung der Geschwindigkeit gezüchtet wurde. Dieses neue Pferd wurde im 19. und 20. Jahrhundert weltweit zur Veredlung bestehender Zuchten eingesetzt und hat diese genetisch in vielen Fällen bis zum point of no return verändert. Eine neue Genetik und ein neues Selbstverständnis sind die Gründe für das, was heute zählt: Vorwärts.
Eine unerwartete Zugabe zur Geschwindigkeit und Kraft dieses neuen Pferdes war sein Sprungvermögen. Die zunächst unerkannte Fähigkeit, selbst Sprünge über die eigene Körpergröße hinaus zu bewerkstelligen, wurde von dem zuvor erwähnten F. Caprilli erst im späten 19. Jahrhundert entdeckt. Und interessanterweise ist Springen für dieses neue rechteckige Pferd die geeignetste Bewegungsart. Sie erleichtert den von der Schiefe im flexiblen mittleren Rückenabschnitt des Pferdes erzeugten Stress.
Heute setzen Springpferde die equide Doppelbegabung Geschwindigkeit und Beweglichkeit beim Springen anspruchsvoller Parcours in kleinen Arenen ein. Diese originellen Begabungen des Pferdes sind hierbei jedoch zu einem Zerrbild der Reiterei verkommen. Das Pferd bewältigt den Parcour als Resultat eines mechanisch-repetitiven Trainingsansatzes. Seine Beweglichkeit ist nicht mehr Resultat direkter nervlicher Übertragungen des Reiters, sondern Ergebnis seines Wissens um den nächsten Sprung, den zu nehmen es gilt.
Geschätzte neunzig Prozent aller Pferde gehen heute ausschließlich vorwärts. Von den verbleibenden zehn setzen nur geschätzte ein Prozent die volle Bandbreite equider lokomotiver Fähigkeiten ein. Es sind dieses die wenigen, wahrhaftig klassisch ausgebildeten Reitpferde. Daraus folgt, dass jeder, der heute die lokomotiven Fähigkeiten des Pferd beobachten möchte, auf die Informationen zurückgreifen wird, die das Bewegungspotential des Pferdes im Freilauf liefert.
Genau deshalb habe ich, anfangs durchaus ohne festes Ziel, viele Stunden meines Lebens damit zugebracht Pferde zu beobachten. Ich habe mir genau angesehen, wie sie sich, miteinander spielend und auf ständig verändernde Wetter- und Bodenverhältnisse reagierend, auf den Wiesen und in den Ausläufen bewegen. Ich habe aufmerksam registriert, wie sie unter dem Sattel ihr Gleichgewicht und ihre Haltungen verändern. Und ich habe ihre Wechselwirkung mit den Haltungen und Einwirkungen des Reiters studiert.
Diese Beobachtungen bilden die Grundlage meiner Arbeit. Und doch dauerte es Jahre, bis ich die folgenden Fragen formulieren konnte. Heute halte ich sie für den unabdingbaren Ausgangspunkt jeder Erforschung des Reitpferdes und seiner Leistungen.
- Aus welchem Repertoire an Haltungen und Gleichgewichtsformen bedient ein Pferd sich, wenn es seinen eigenen Zielen und Beweggründen folgt?
- Was charakterisiert diese einzelnen Haltungen und Gleichgewichtsformen?
- Wie erzeugt das Pferd die kraftvollen, fast übernatürlich erscheinenden Gangarten, Wendungen und Sprünge, die es so häufig auf der Weide ausführt?
- Warum bietet das Pferd diese vollkommenen Bewegungen dem Reiter nicht an? Und wenn, warum hätte der Reiter wahrscheinlich Angst vor eben diesem Bewegungspotential?