Und hier nun der verbleibende Bestandteil der Hinterhand: das Zwerchfell. Mit ihm soll auch der Solarplexus zur Sprache kommen.
Das Zwerchfell ist ein kräftiger, flacher Muskel, der sich durch den ganzen Brustraum des Pferdes erstreckt. Es verläuft von den zwei hinteren Brustwirbeln, T18 und T17, vorwärts-abwärts zum Sternum und ist dort an der neunten Rippe befestigt. Das Zwerchfell trennt den Verdauungs- und Reproduktionstrakt des Pferdes vom Herzen und der Lunge. Es trennt die Vorhand von der Hinterhand.

Abb.23 Herz, Zwerchfell und der langer Bauchmuskel
Beim Kruppenschluss wird der Verdauungstrakt vorwärts in Richtung des Zwerchfells geschoben und übt auf diese Weise Druck aus. Die Reaktion des Zwerchfells auf diesen Druck und das als direktes mechanisches Resultat des Kruppenschlusses entstehende Heben des Pferderückens haben eine Wirkung auf den Solarplexus. Diese Wirkung charakterisiert des Pferdes Leichtigkeit.
Der Solarplexus ist ein Bündel autonomer Nerven, dass im Menschen direkt unter dem Zwerchfell zwischen Magen und Wirbelsäule gelagert ist. Es schlingt sich im Übergangsbereich des obersten Lendenwirbels zum untersten Brustwirbel um die Aorta und befindet sich also in genau in der Gegend des Körpers, von der auch des Reiters zentrale Schaltstelle wirkt.
Im Pferd befindet sich der Solarplexus unmittelbar hinter dem Zwerchfell zwischen Magen und Rückgrat. Er korrespondiert mit den Abschnitten des zentralen Nervensystems T16/17, die sich mittig zwischen T9, dem ersten Wirbel des flexiblen mittleren Rückenabschnitts und dem Sakralgelenk befindet; der Mitte des Abschnitts der freitragenden Wirbelbrücke also, der sich beim Schließen der Kruppe hebt.
Das Zwerchfell ist der Hauptatmungsmuskel. Im Menschen steigt es von der neunten Rippe auf wie ein Dom. Dieser ‘Motor des Atems’ wird vom sogenannten phrenischen Nerv innerviert, der im Menschen vom Zwerchfell zu den Halswirbeln C5/6 verläuft. Im Pferd verläuft er vom Zwerchfell zu den Wirbeln C5/6 des unteren Halses. Die Haltungen des Halses und die Spannung des Zwerchfells stehen durch den phrenischen Nerv in einer näher zu untersuchenden Wechselwirkung.
* Hier nun stellt sich die Frage, ob es auch zwischen Zwerchfell und Solarplexus eine Wechselwirkung gibt. Vor einigen Jahren stellte ich fast zufällig eine erstaunliche Verbesserung meines Selbstbewußtseins an mir fest, die das Resultat eines schlichten Hebens des Brustkorbs war. Ohne diesen Gedanken zunächst weiter zu vertiefen, schrieb ich diese Wirkung spontan Zwerchfell und Solarplexus zu.
Erst im Mai 2006 begann ich, mich systematisch mit den Bewegungen meiner Wirbelsäule, ihrer Reflexe und deren Auswirkungen auf Schultern, Rippen und Kreuzbein zu beschäftigen. Dabei ging ich von der Information aus, die das Skelett des Pferdes vermittelt, von der Vermutung nervlicher Übertragungen und struktureller Parallelen zwischen Mensch und Pferd und davon, dass möglicherweise ähnliche oder vielleicht sogar identische physiologische Faktoren die Bewegungungen dieser zwei so verschiedenen Wesen regeln.
Zu Beginn dieser Untersuchungen konzentrierte ich mich auf das Heben des zweiten Halswirbels, C2. Der Grund, gerade diese Übung als ersten Forschungsgegenstand der Physiologie des Reitens zu wählen, war die zentrale Rolle, die der zweite Halswirbel in den Haltungen des Pferdes spielt. In einer Doppelfunktion ist er, als Umlenker des langen Bandes und muskulärer Anker für das Heben der Vorhand für die Aufwärtsbewegung des equiden Bewegungsablaufs zuständig. Als weitere Übung kam das systematische Zurücklehnen der Wirbel C7 und T1 im Zusammenspiel mit dem Heben des zweiten Halswirbels hinzu, welches sich – so die Idee - natürlich auch auf den Nervenabschnitt C8 zwischen diesen beiden Wirbeln auswirken würde.
Schnell stellte sich heraus, dass die Kombination dieser beiden Übungen eine Reorientierung der menschlichen Wirbelsäule um L1 veranlasst. Sie bewirkt ein automatisches Schließen der Schultern. Im unteren Rumpf lässt sie das Kreuzbein nach vorne schwingen und bringt damit das Becken ins Gleichgewicht. Die Ellenbogen und Hüften bewegen sich dadurch quasi aufeinander zu. Der Leser wird unschwer erkennen, dass all diese Anpassungen im Skelett des Menschen typisch für die Haltungen des Reiters sind. Es sei erwähnt, dass sie auch die Ausgangsstellung des Tai Chi charakterisieren.
Das Pferd neigt dazu, diese Veränderung in der Wirbelsäule seines Reiters nachzuahmen. Sie sprechen das Heben des zweiten Wirbels im oberen Hals des Pferdes und das Senken des Kreuzbeins an. Eine im Sakralgelenk entstehende Verbesserung der Innervierung aktiviert die Hanken. Das Anheben des zweiten Halswirbels hebt die Halsbasis und bewirkt in Korrespondenz mit der Aktivierung der Hanken das Heben der Vorhand. Das Pferd mobilisiert sich und wechselt in den zweiten Gang.
Dieser komplexe Ablauf ist die equide Reaktion auf die zwei genannten, nur minimalen Veränderungen der reiterlichen Haltung: dem Heben des zweiten Halswirbels und dem Zurücklehnen von C8. Reiten ist Bewegung in der nicht selten Geschwindigkeit und Gleichgewicht die Hauptrollen spielen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass des Reiters eingeborene Anleitungen an sein Pferd unkompliziert und offensichtlich sind. Wie sonst könnte er das Pferd sicher, schnell und eindeutig anweisen?