So weit so gut. Von den fünf Vorrichtungen der Hinterhand, die gemeinsam den Bewegungsablauf des Pferdes ausmachen, sind drei besprochen: die Funktionen der Hinterbeine, die Wirkung der Hanken und das Schließen der Kruppe. Zu besprechen bleiben das Sakralgelenk und das Zwerchfell. Das Sakralgelenk wurde schon einige Male erwähnt. Deshalb hier zunächst eine Zusammenfassung und dann Weiteres über seine Aufgabe in der reiterlichen Praxis.
Das Sakralgelenk im höchsten Punkt der Kruppe befindet sich zwischen den zwei oberen Enden des Beckengürtels und besteht aus dem letzten Lendenwirbel und dem ehemals einzelnen ersten Wirbel des Kreuzbeins, L6/S1. Das Kreuzbein des Pferdes ist, ähnlich wie die Schulten den längsten Dornfortsätzen, dem Becken durch Bänder und Muskeln fest verbunden. Bewegungen im Sakralgelenk werden durch die Vorwärtsbewegung des Beckens beim Schließen der Kruppe ausgelöst.
Das Sakralgelenk hat einen kleinen, genau definierten Bewegungsspielraum, durch den es sich nach vorne öffnen und nach hinten schließen kann (Abb.7). Jede noch so kleine Bewegung in diesem Gelenk wirkt sich auf das zentrale Nervensystem und die peripheren Nerven der Hinterbeine aus. Sein Schließen mobilisiert den Bewegungsablauf. Diese Mobilisation ist die Grundlage equider Leistung.
Es gilt dieses Sakralgelenk und seine Wirkungen im reiterlichen Gesamtzusammenhang zu verstehen. Deshalb folgt an dieser Stelle eine Darstellung relevanter begleitender Einzelheiten.
Ähnlich der Verkürzung des Rückenmarkstamms in der menschlichen Wirbelsäule, gibt es eine solche auch im Rückgrat des Pferdes. Durch diese Verkürzung reicht der Rückenmarkstamm im Menschen nur bis zum ersten Lendenwirbel. Das heisst er endet ungefähr in der Mitte des menschlichen Rückens. Die Lenden- und Sakralabschnitte des zentralen Nervensystems finden in den Wirbeln T10-12 ihren Platz, in den Wirbeln der menschlichen Wirbelsäule also, die sich gleich oberhalb des ersten Lendenwirbels befinden. Die Verkürzung des Rückenmarkstamms im Pferd ist vergleichsweise weit weniger ausgeprägt. Durch diese Verkürzung befinden sich die Abschnitte S2/3 des equiden zentralen Nervensystems nicht in der Mitte des Kreuzbeins, sondern genau im Zentrum des Sakralgelenks.
Als Folge dieser Verkürzungen des Rückenmarksstamms in Mensch und Pferd kommt es zu Sammelpunkten, in denen sich die nervlichen Übertragungen zwischen diesen beiden Wesen verdichten. Sammelpunkt in der aufrechten menschlichen Wirbelsäule sind die Brustwirbel T10-12. In ihnen lagern die Abschnitte L1-5 und S1-5 des zentralen Nervensystems. Der Sammelpunkt im horizontalen Rückgrat des Pferdes ist das Sakralgelenk, in dessen Zentrum sich die Nervenabschnitte S2 und S3 befinden.
Zu Letzterem gilt es auf einen bemerkenswerten Zusammenhang hinzuweisen, der deutlich zur Nahtlosigkeit menschlich/equiden Designs aussagt. Im Menschen innervieren die Dermatome S2/3 Gesäß und Beininnenseiten. Dem Pferd stehen im Sakralgelenk jederzeit die Nervenabschnitte S2/3 für eine aktivierende Einwirkung zur Verfügung. Was aber bedeutet das? Es heißt, dass Vorwärts und Leistung, diese ureigensten Bestandteile equider Natur, sowie Gesäß und Beine des Reiters, diese ganz vordergründigen Grundlagen des Reitens, nervlich direkt korrespondieren. Es heisst auch, dass hier wie schon anderswo im Pferd beobachtet, Leistungsfunktionen des Pferdes und Kontrollfunktionen des Reiters in einem Punkt vereint sind.
Wenn sich die Pferdekruppe schließt wird sie flach. Diese Abflachung wird durch das Vorwärts des Pferdes schnell wieder aufgehoben, weil das Abschieben der Hinterbeine das Kreuzbein und den Beckengürtel in ihre Ausgangsposition zurück ziehen. Die Kruppe des Pferdes rundet sich, wenn ein Pferd Wasser lässt oder die Stute Wehen hat. Beides sind stationäre Bewegungen, deren deutliche Kruppenrundung auf ein Öffnen des Sakralgelenks hindeuten. In beiden Fällen stellt das Öffnen des Sakralgelenks keine Gefahr für den Bewegungsapparat des Pferdes dar.
Das Sakralgelenk öffnet sich jedoch zum Schaden des Pferdes, wenn es ohne Schließen der Kruppe geritten wird. Denn ohne das entschiedene Heben des Pferderückens und eine deutliche Verbesserung des Vorwärtsschubs, die beide das Ergebnis des Kruppenschlusses sind, senkt sich die freitragende Wirbelbrücke.

Abb.21 Der gehobene (oben) und der fallengelassene Rücken (unten)
Ein Öffnen des Sakralgelenks, welches die Funktionstüchtigkeit der Hinterbeine bedroht, ist die Folge

Abb.22 Das Sakralgelenk in Ausgangsstellung (links) und geöffnet (rechts)
* Die Entfaltung des equiden Bewegungsablaufs hat viel mit stukturellen und nervlichen Vermittlungen im Sakralgelenk zu tun. In dem Maße, in dem das Pferd das Tragen des Reiters kennen lernt, findet es heraus, wie es den Grad des Sakralgelenkschlusses und des Rückenhebens mit dem Beugen der Hanken in Einklang bringen kann. Es lernt, sich im Sakrakgelenk entsprechend der Wünsche des Reiters und bevorstehender Aufgaben auszubalancieren.
Der Reiter setzt die zentrale Schaltstelle seines Rückens, sein Gesäß, Beine und Ringfinger ein, um sich dem Pferd mitzuteilen. Er wirkt, häufig ohne sich dessen bewusst zu sein, auf Grund eines Impulsaustauschs zwischen menschlichen und equiden Nervensystemen auf das Pferd ein. Diese vermitteln dem Pferd die Wünsche des Reiters und informieren ihn über den aktuellen Zustand des Pferdes. Im Rahmen dieses Vorgangs sprechen seine Ringfinger jedoch ein weiteres Kommunikationssystem im Pferd an…