Im dritten Abschnitt des freitragenden Pferderückens ist die Kraft des Pferdes verankert. In diesem Abschnitt wird der Schub der Hinterhand auf die Vorhand übertragen.
Der Kraft übertragende Abschnitt umfasst die zwei letzten Brustwirbel, T17 und T18, und sechs Lendenwirbel, L1-6. Alle Wirbel sind mit einem aufrechten Dornfortsatz, ähnlichen denen auf denen das Gesäß des Reiters ruht ausgestattet. Zusätzlich zu diesen relativ kurzen und breiten Dornfortsätzen, erstrecken sich zwölf weitere flach und ausgedehnte Dornfortsätze seitwärts, von jedem Lendenwirbel einer nach links und einer nach rechts .

Abb.15 Der Lendenbereich bereinigt (links) und wie vorgefunden (rechts)
Den Brustwirbeln T17/18 des Kraft übertragenden Abschnitts ist der obere Rand des Zwerchfells verbunden. Sie gehören dem Teil des Pferdekörpers an, der im Menschen keine Entsprechung findet. Dieser Zusammenhang wird unten im Detail weiter besprochen. Zwischen L2 und L3 gibt es eine muskuläre Anordnung, die einem Kraftschalter gleichkommt und an L4 befindet sich das Zentrum der Kraft.
Im Kraftschalter kommen die wichtigsten Bewegungsmuskulaturen des Pferdes zusammen. Diese sind
- die langen Rückenmuskeln, die vom Kreuzbein zu den Wirbeln C7-4 des unteren Halses verlaufen
- die unteren Rückenmuskeln, die sich vom Kraftschalter bei L2/3 vorwärts zur ersten Rippe erstrecken
- Bauchmuskulaturen, die von der unteren Mittellinie aufwärts verlaufen und diese mit dem Lendenbereich verbinden
- Bewegungsmuskulaturen, die des Pferdes Oberschenkel und Oberarme mit dem Kraftschalter verbinden und
- eine Fortsetzung des oberen Rückenmuskels, der sich von den unteren Halswirbel zu T12 und darüber hinaus zum Kraftschalter ersteckt und in diesem verankert ist.
Der Kraftschalter des Pferdes korrespondiert mit den Dermatomen L2 und L3 des Menschen. Wie zuvor erwähnt sind Dermatome streifenartige Regionen der menschlichen Haut, die von jeweils einem Abschnitt des zentralen Nervensystems direkt innerviert werden.
Die Dermatome L2/3 im Menschen erstrecken sich von den Abschnitten L2 und L3 des zentralen Nervensystems über seine Lendenpartie, zur Vorderseite der Oberschenkel, bis hinunter zur Innenseite der Knöchel. Im klassischen aufrechten Sitz wirkt der Reiter mit Lenden und Unterschenkeln auf das Pferd ein. Im Vorwärtssitz, dieser völlig neuen Art das Pferd zu reiten, die der italienische Offizier F. Caprilli gegen Ende des 19. Jahrhunderts für das Reiten des modernen rechteckigen Pferdes entdeckte, wirkt der Reiter mit Oberschenkeln und Waden ein. Beide Einwirkungskombinationen, Lendengegend und unteres Bein oder Oberschenkel und Waden, sind - auch wenn sie ganz unterschiedlichen Auffassungen der Reiterei entspringen - das Resultat der selben nervlichen Übertragungen, L2/3.
Auf der Suche nach geeigneten Übungen für eine Schulung des modernen Reiters überraschte mich eine Feststellung des Physikers und Physiologen Moshe Feldenkrais’: “…die Kraft entspringt der Mitte des Körpers, ihr Zentrum sind die Geschlechtsorgane…” Bei genauerem Hinsehen fand sich die Gebärmutter der Stute verborgen und gut beschützt an L4 unter dem Lendenbereich des Pferdes. Die schiere Anzahl von Quadratzentimeter, die für die Anheftung von Muskulaturen in und um den vierten Lendenwirbel zur Verfügung stehen, spricht für Feldenkrais' Theorie auch im Pferd.

Abb.16 Die Gesäßknochen des Reiters und das Pferd hinter ihnen
Und noch ein weiteres interessantes Detail.
In der menschlichen Wirbelsäule folgt dem zwölften Brustwirbel der erste Lendenwirbel. Im Pferd gibt es sechs weitere Brustwirbel, T13-18, zu denen es auf Grund ihres Fehlens im Menschen keine Übertragungen aus dem menschlichen Nervensystem geben kann. Das Pferd kann sich in diesem Abschnitt in eine oder beide von zwei Richtungen bewegen. Es hebt diesen Rückenabschnitt beim Schliessen der Hinterhand. Es kann in diesem Bereich seitwärts nachgeben. Das Pferd hebt diesen Abschnitt auch in Vorfreude auf das Springen, einen großen Galopp oder einen bevorstehenden Ausritt. Und es hebt diese Wirbel beim Wiehern.
Bewegungsfeude und Kommunikation von Pferd zu Pferd sind also genau in dem Rückenabschnitt angesiedlt, zu dem der Mensch keine körperliche Korrespondenz aufnehmen kann. Lässt das Pferd diese Wirbel los und senkt sie ab, so hat er kein körpereigenes Mittel, um sie wieder zu heben. Dieser physiologische Zusammenhang erklärt, warum des Pferdes Beteiligung und seine Zufriedenheit unter dem Sattel Grundvoraussetzungen des Reitens sind.
*Als ich im Jahre 2003 die Anatomie des Pferdes zum ersten Mal genauer unter die Lupe nahm und begann ihre mögliche Relevanz für die Reiterei zu erforschen, fiel mir eine Neuerscheinung in die Hände, die in den darauf folgenden Monaten und Jahren zum zuverlässigen Begleiter wurde. “Die Anatomie des Pferdes” von Peter Goody, mit 250 Zeichnungen von John Goody hat sich als unersetzlich für das Verständnis des equiden Bewegungsapparats und die Art und Weise, wie das Pferd den Reiter trägt erwiesen. Und noch immer ist der Vorgang nicht abgeschlossen, aus Text und Bildern eine Vorstellung von Wesen und Bewegungsabläufen des Pferdes zu entwickeln, die im Umkehrschluss reiterliche Sensibilität informiert.
Von besonderem Interesse waren zu Beginn die Illustrationen 20.1 und 20.2, die die Muskelsysteme des Pferdes als Zugrichtungen darstellen. Die sich durch diese Zeichnungen ergebende Möglichkeit, die muskuläre Tätigkeit des Pferdes unabhängig von den Muskellagen zu studieren, ermöglichte ihre Zuordnung zu den Haltungen des Pferdes. Das Verständnis der vier typischen Haltungen des Reitpferdes hat die Erforschung des zweiten Gangs unterstützt und gibt heute in Schulung und Ausbildung wertvolle Hinweise auf das Fortschreiten des Pferdes und des Reiters zum zweiten Gang.