Grundlage der in dieser ersten Veröffentlichung des Study-Horsemanship gezeigten Abbildungen ist das Skelett einer Vollblutstute, die auf den Weiden des Haras de la Boulaye genau zu dem Zeitpunkt verstarb, als wir uns um den Ankauf eines Pferdeskeletts für Studienzwecke bemühten. Es sollte das Skelett eines Pferdes sein, dessen Abstammung und Lebensgeschichte bekannt ist. An ihm sollten die im Sattel und beim Studieren anatomischer Textbücher gewonnenen Erkenntnisse weiter verifiziert werden.
Die Überlegung war, dass nur ein Skelett bekannter Herkunft angemessene Auskunft über die Natur des Reitens geben kann. Denn ein Pferdeskelett ist nicht nur genetisch von seinen Vorfahren, sondern auch von seiner Aufzucht und seinen Reitern geprägt. Nur an Hand der Auskunft über Abstammung und Nutzung – so die Überlegung - würden sich mögliche Eigenarten eines Skeletts hinsichtlich seines ursprünglichen Zustandes und erworbenen Folgezuständen unterscheiden lassen. Zur Zeit dieser Überlegungen hatte ich keine Vorstellung davon, wie sehr sich diese gerade in dem Skelett bestätigen würde, welches wir nun selbst präparieren liessen.
Sinja, deren Skelett die Grundlage der Illustrationen dieser Studie wurde, war eine elegante dunkelbraune Vollblutstute, die ich 38-jährig zur Fortsetzung meines früheren Lebens im Sattel kaufte. Sinja begann ihre Ausbildung als Rennpferd mit einundeinhalb Jahren. Drei- bis sechsjährig gewann und plazierte sie sich in Rennen des Ausgleichs III und IV und wurde siebenjährig in den Ruhestand geschickt. Versuche sie in der Zucht einzusetzen waren erfolglos und nur aus diesem Grund konnte ich sie elfjährig kaufen.
Bis zu ihrem entgültigen Ruhestand im Alter von achtzehn Jahren war Sinja mein liebstes Reitpferd. Sie verstarb fünfunfzwanzigjährig im Kreise ihrer kleinen Herde. Der Grund ihres Todes war ein Splitterbruch des linken Oberarms, der die Hauptschlagader durchbohrte.
Sinja zu reiten war ein Vergnügen. Sie im Gleichgewicht und ruhig zu halten war Konzentration pur und - die Angst ritt immer mit.
Auf ausgedehnten Ritten kam mir gelegentlich die Überlegung, dass es möglicherweise vielversprechender sein könnte ein gutgezogenes deutsches Warmblutpferd zu reiten. Und doch, etwas an ihrer kraftvollen Art praktisch zu fliegen, ihre Fairness und ihre Leichtigkeit liessen mich nicht los.
Erst nachdem ich ihr Skelett als Präparat gesehen hatte verstand ich endlich ihrer Eigenarten. Die kissing spines, Arthrosen und Deformationen ihres Rückgrats erklären ihre Bodenscheu. Ihr Unwillen wie ein normales Pferd in der Reitbahn zu arbeiten, die Angst vor fremden Reitern und die immer drohenden Gefahr, sich in Stressmomenten fallen zu lassen, geben Auskunft über das in Retrospekt ausserordentliches Angebot mich überhaupt auf ihrem Rücken zu tragen.
Sinjas Skelett kehrte in Einzelteilen zu uns zurück. Nach der Ankunft betrachtete ich es immer wieder, aber erst mit der Entscheidung, die Knochen als Grundlage für ein virtuelles Skelett heranzuziehen, kam es im Zuge der Modellierung in einer hierfür spezialisierten Software (XSI) zu ganz genauen Untersuchungen. Die virtuellen Knochen wurden auf dem Bildschirm zusammengesetzt, verbunden und für die Animation vorbereitet.
Der 3D-Prozesses bewies sich in den Untersuchungen, wie denn nun das Pferd zum Reiten gemacht ist als ausserordentlich aussagekräftig. Die glasklar dagestellte Form der einzelnen ‘Bauteile’ des Skeletts, die Möglichkeit, diese im richtigen Größenverhältnis zueinander hin und her zu schieben und dabei ihre Funktionen ausgiebig und im Detail zu studieren bewährte sich als unersetzliches Mittel der Recherche des equiden Bewegungsapparats.
Schnell wurde klar, dass eine Säuberung des uns vorliegenden Skeletts notwendig und angemessen war. Das frühe Renntraining hat nicht nur zahlreiche Artrosen, Deformierungen und kissing spines in Sinjas Skelett hinterlassen. Nein, das ganze Skelett ist zu Gunsten des grossen Galoppsprungs verzogen, den auch schon ganz junge Rennpferde hinlegen müssen, um überhaupt eine Aussicht aufs Gewinnen zu haben.
Die Säuberungsarbeit wurde im Rahmen kinetischer und ästhetischer Parameter mit gesundem Menschenverstand und unter Aufsicht unseres Tierarztes vorgenommen. Auch dieser Forschungsaspekt stand im Gesamtzusammenhang fortgesetzten Ausprobierens und Prüfens der Haltungen und Bewegungsabläufe des Pferdes. Immer weiter ging es dabei darum, herauszufinden und sichtbar zu machen, wie das Skelett des Pferdes fürs Reiten vorgerichtet ist. Die gesäuberte Version trägt den Namen ‘Ideal’.
In dieser Veröffentlichung gezeigte Abbildungen wurden zum grösseren Teil dem gesäuberten Skelett (Ideal) entnommen. Nur einige entstammen dem Skelett (Real), welches wir wie vorgefunden modelliert haben. Letztere sind entsprechend gekennzeichnet. In einzelnen Fällen haben wir eine Gegenüberstellung der Versionen Ideal und Real vorgenommen.
Comments