Wir beginnen mit einer Art zentriertem panoramischen Blick. Und - alle Elemente der Reiterei sind gleich hier!
Sieht man sich ein Pferdeskelett an, so treten bei genauerem Hinsehen eine ganze Reihe von Einzelnheiten zutage, die zuallererst von einem Gleichgewicht im Pferdekörper sprechen. Am bemerkenswertesten daran ist, dass die Gesäßknochen des Reiters den Pferderücken an den Wirbeln T12/13 genau im Zentrum des Pferderückgrats belasten. In anderen Worten, der Reiter nimmt im Gleichgewicht des Pferdes einen zentralen Platz ein. Von seinem Sitz führt und leitet er das Pferd in vollkommener nervlicher Übereinstimmung.
Sieht man sich die äußersten Enden dieses Gleichgewichts an, dann nimmt man wahr, dass dem Kopf des Pferdes vom Schweif das Gleichgewicht getragen wird. Und, nach längerem Ausprobieren und Testen im Sattel merkt man, dass weder der Kopf noch der Schweif an den direkten nervlichen Übertragungen, von denen hier noch häufig die Rede sein wird, einen Anteil haben. Im Gegenteil, im oberen Hals, da wo Kopf und Hals verbunden sind, treffen sich zwei Kommunikationssysteme. Auch von diesem zweiten System wird die Rede sein.
Das Gelenk zwischen dem Hinterhaupt und dem ersten Halswirbel setzt das Pferd beim Richtungswechsel ein. Dabei folgt es der Richtung seiner Augen. In diesem Gelenk beugt es das Genick. Im ersten Fall wendet es den Kopf in diesem Gelenk seitwärts. Im zweiten schiebt es das Hinterhaupt vor und spannt in diesem Zuge das lange Band. (Abb.2).
Den ganz anders gearteten zweiten Halswirbel setzt es zur Feinabstimmung der Spannung des langen Bandes ein. Die Spannung des langen Bandes wird vorn vom erwähnte Beugen des Genicks und von hinten vom Senken des Kreuzbeins erzeugt (Abb.3). Das Pferd hebt den zweiten Halswirbel, um die Vorhand zu entlasten und den Spielraum seiner Vorderbeine zu erweitern.
Der große zweite Halswirbel korrepondiert mit vier kleinen Wirbeln, die das Kreuzbein mit dem Schweif verbinden. Diese werden in academia dem Schweif zugeordnet. Tatsächlich jedoch sind sie - ganz anders als die freitragenden Schweifwirbel - die Basis des Beckenzwerchfells und spielen eine Rolle in der Steuerung der Leichtigkeit (Abb.4).
Bewegt man sich weiter Richtung Zentrum, dann sieht man, dass das Kreuzbein den fünf unteren Wirbeln des Halses das Gleichgewicht trägt. Das Kreuzbein selbst besteht ursprünglich aus ebenfalls fünf Wirbeln, die erst im Laufe der ersten Lebensjahre des Pferdes zu einem Knochen zusammenwachsen (Abb.5).
Die sieben Halswirbel des Pferdes haben folgende Aufgaben: Die zwei obersten sind, wie schon genannt, Teil einer gesonderten Funktionseinheit. Die vier unteren bestimmen die Spannung des langen und des oberen Rückenmuskels. Der verbleibende dritte Halswirbel trägt die Steuerungs- und Motivationseinheit im oberen Pferdehals- und Kopf.
Zwischen Hals und Kreuzbein erstreckt sich das Rückgrat des Pferdes.

Abb.6 Eine Gegenüberstellung Ideal/Real: Das Rückgrat im bereinigten (oben) und im vorgefundenenen Skelett (unten)
Es besteht aus achtzehn Brust- und sechs Lendenwirbeln. Diese vierundzwanzig Wirbel bilden drei Abschnitte von je acht Wirbeln. Jeder Abschnitt hat seine ganz eigene Form und Funktion. Zusammen bilden sie die freitragende Brücke, die genau in ihrem Zentrum den Reiter trägt. Diese Brücke wird vorne von Schultern und Vorderbeinen des Pferdes gestützt. Sie wird hinten von den Hinterbeinen des Pferdes angehoben und fortgetragen.
Lendengegend und Kreuzbein sind im Sakralgelenk verbunden. Ganz anders als die straffe Verbindung zwischen Lendenbereich und Kreuzbein im Menschen, hat dieses Gelenk im Pferd einen gewissen Spielraum. Dieser Raum spielt eine entscheidende Rolle im Bewegungsablauf des Pferdes. Er betrifft auch das Heben und Stützen der freitragenden Pferdewirbelbrücke.

Abb.7 Das Sakralgelenk in Ausgangsstellung (links) und in geschlossener Stellung (rechts)
Im Sakralgelenk kommt es zu einem Zusammenspiel der Bewegungen und der Haltungen des Pferdes. Die Reiterei verstehen heißt deshalb das Sakralgelenk verstehen und seine Rolle in dem fortgesetzten Akt des Pferdes, sein eigenes und das Gewicht des Reiters auszubalancieren und vorwärts zu schnellen.
* Hier endete dieser Text ursprünglich. In den Nachforschungen des Jahres 2005 und weiter im Jahre 2006 stellte sich die korrespondierende Rolle des Nervenabschnitts C8 im equiden zentralen Nervensystem heraus. Dieser Nervenabschnitt ohne Wirbel befindet sich zwischen T1, dem ersten Wirbel der freitragenden Wirbelbrücke und dem untersten Halswirbel, C7.
Von C8 senkt das Pferd den Kopf und Hals um zu grasen. Von hier hebt es den Kopf um zum Beispiel einen Apfel vom Baum zu pflücken. Von C8 aus geht es in Haltung. Von C8 aus wendet und biegt es sich.
Der Nervenabschnitt C8 am vorderen Ende der freitragenden Wirbelbrücke befindet sich in der Mitte der Vorhand. Er funktioniert nur dann richtig, wenn er gerade auf das Sakralgelenk L6/S1 am hinteren Ende der freitragenden Wirbelbrücke ausgerichtet ist. Der Grund für mögliche Störungen ist fast immer des Pferdes Schiefe.
Der Ursprung der Schiefe ist der vorderste Wirbel des flexiblen mittleren Teils, T9. Die Schiefe beginnt hier mit einer Neigung der Dornfortsätze dieses und der umgebenden Wirbel nach rechts.
Zum Ausgleich eines so entstehenden Ungleichgewichts ist die untere Halsbasis des Pferdes häufig nach links verschoben. Das rechte Hinterbein läuft aus der Spur und ist demzufolge schwächer und weniger geschickt als das linke.
Die so in fast allen Pferden vorgefundene, mehr oder weniger stark ausgeprägte Schiefe schränkt die Bewegungsfreiheit des Pferdes ein. Sie hindert den freien Fluss der Nervenimpulse vom zentralen zum peripheren Nervensystem….