Können Sie sich vorstellen kompetent, penibel genau und immer gleich vorzugehen ohne dabei die Lust zu verlieren? Wie ein Musiker, der seine Fingerübungen macht, ein Sänger, der Koloraturen singt, ein Tänzer beim Aufwärmen oder ein Maler, wenn er seine Farben mischt.
Von wegen keine Lust. Ganz im Gegenteil. Denn nur die Beherrschung der Grundlagen bringt ja Ergebnisse. Das Brausen eines Orchesters. Der Atem beraubende Klang einer Stimme, der schwerelos wirkende Tanz. Die Eindringlichkeit eines Bildes. Beim Reiten ist das nicht anders. Tadelloser Takt, Harmonie und Leichtigkeit sind nur durch die Beherrschung der Grundlagen zu haben.
Seien Sie also darauf vorbereitet Ihr Pferd zu begrüßen, ihm nach den Regeln der Kunst das Halfter anzulegen, es zum Putzplatz zu führen, dort anzubinden und zu putzen. Machen Sie sich klar, dass diese Ihnen wie selbstverständlich erscheinenden Schritte das Pferd erst kennen- und liebenlernen musste.
Die Vorhandwendung auf dem Putzplatz, führen, zusammen stehen und wieder antreten. Die Genicksteuerung und die Längsbiegung an der halblangen Longe, der Freilauf im kleinen Viereck oder auf dem großen Reitplatz und das Laufen an der langen Longe. Alles nach den Regeln der Kunst. Denn jede einzelne Übung hat einen genau definierten, unverzichtbaren Wert für die Ertüchtigung des Pferdes. Nur wer den Wert dieser Übungen durchschaut wird sie richtig einsetzten und dann auch durch andere, vergleichbare Übungen ersetzten können.
Wer denkt Reiten habe nichts mit Denken zu tun hat weit gefehlt. Alleine deshalb schon, weil das Pferd die Gedanken des Menschen lesen kann. Was Sie nicht wissen kann es im Umkehrschluß daher auch nicht können.
Und dann das A-B-C.
A. Schritt am langen Zügel. Sitz einrichten und/oder korrigieren. Antrieb in Besitz nehmen. Auf der kleine Acht die Steuerung einrichten.
B. Schritt am halblangen, halbgespannten Zügel. Das Pferd geraderichten. Gleichseitigkeit auf der langen Schlangenlinie anvisieren. Das geht ganz nebenbei gesagt rechts herum anders als links herum.
C. Anhalten und antreten. Das Abkauen sicher stellen. Auf einer mittelgroßen Acht im kleinen Trab das innere Hinterbein zum Tragen bringen. Im Gleichgewicht.
Gut. Und damit beherrschen Sie schon das Alphabet und können im übertragenen Sinn Worte und kleine Sätze formulieren. Und nun im perfekt gestreckten Sitz freie Figuren reiten und die volle Kontrolle übernehmen. Das junge gesunde Pferd geht dabei in Haltung und ist von nun an leistungswillig und unter des Reiters vollen Kontrolle. Ohne Üben. Bei weiterem der Physiologie entsprechenden Vorgehen wird es zusehens geschickter und brauchbarer. Dabei bereitet der Schritt den Trab und der Trab den Galopp vor.
Erst danach beginnen die ‘Verbesserungen’ des Pferdes. Wenn alles soweit gut klappt galoppieren Sie einige Male an und beginnen dann mit dem Vorwärts auf der großen Acht. Tritte verlängern und verkürzen. Den Takt des Pferdes finden und festigen. Im Wechsel Leichttraben und Aussitzen. Die halbe Parade einführen. Und so schreiben sie bildlich gesprochen schon kleine Geschichten. Wie immer gilt es auch hier den Misserfolg vordenken! Wenn alles noch nicht so recht klappen will steigen Sie nach spätestens 20 Minuten ab. Ein paar Stunden später sitzen sie noch einmal auf und machen weiter.
Beim Reiten immer auf die Regeln der Kunst achten. Die Reiterei ist in der Physiologie festgeschrieben. Berücksichtigen Sie auch die kleinsten Kleinigkeiten. Stellen Sie sich eine Perlenkette vor. Jede Perle ist schön und trägt das ihre zur Pracht eines Schmuckstücks bei. Ein Haus ist zu nichts Nutze, wenn das Fundament nicht trägt.
Und nun noch ein paar Tricks.
Im Spiegel beobachten und sicher stellen, dass beide Bügel gleich hoch sind. Denn nimmt der Reiter die Schiefe des Pferdes erst einmal an, so justieren seine Nervensystem schief als gerade und er kann sich auf sein Gefühl nicht mehr verlassen. Es gibt ihm keine Auskunft mehr darüber, ob er eine Seite des Pferdes vermehrt belastet und ob das Pferd unter ihm gerade ist.
Im Spiegel den Sitz beobachten und falsche Haltungen und/oder Gewichtsverteilungen immer sofort korrigieren. Oder andere bitten hinzusehen und zu kommentieren. Oder gegenseitige Video-Aufnahmen machen.
Bleiben Fortschritte aus und oder zeigt das Pferd Widersätzlichkeiten, so liegt dies häufig an eben diesen Sitz- und Haltungsmängeln des Reiters. Ebenso häufig liegt es an zu schnellem und/oder falschem Vorgehen des Reiters. Und manchmal liegt es auch an der mangelnden Qualität eines Pferdes. Doch verdient nicht gerade ein solches Pferd des Reiters Aufmerksamkeit?
Erst wenn das Pferd flüssig geht, gerade ist und alles leicht fällt schreiten Sie zum nächsten Ausbildungspunkt fort. Pferde, die unter dem Sattel noch hauptsächlich Schritt gehen, dürfen sich nach dem Reiten im Freilauf oder an der langen Longe im Vorwärts noch einmal durchdehnen und Bewegung schaffen. Sie bauen dabei Spannungen ab und Muskelkraft auf. Pferde mit an Krankheit grenzenden Befunden brauchen länger und bedürfen der Rücksicht. Häufig normalisieren auch sie sich bei diesem Vorgehen. Dasselbe gilt für den Reiter.
Er nutzt diese Anfangsphase um seine Schwächen erst kennzulernen und dann zu überwinden. Er nutzt dieses Phase ebenso um genaue Absprachen mit dem Pferd zu treffen. Er bereitet sich und sein Pferd auf diese Weise sicher und erfolgversprechend auf weitere Schritte vor.
Das genannte Vorgehen gilt für jeden einzelnen Ritt. Es gleicht einem Hochfahren des Pferdes von 0 auf 100. Ganz egal, wie weit das Pferd an einem Tag kommt, der nächste Tag beginnt wieder bei 0. Erinnern Sie sich der Fingerübungen. Je geschickter ein Pferd wird und je kraftvoller, umso weniger Zeit werden die vorbereitenden Schritte in Anspruch nehmen, umso ausgedehnter können Sie sich neuen Schritten widmen.
Gewalt. Welchen Grund gäbe es zu Pferd Gewalt auszuüben? Nur einen, das Pferd darf sich nicht verhalten. Ohne Vorwärts gibt es keine Reiterei. Nicht Gewalt jedoch, sondern täglich ausreichende Zeit an der Hand und unter dem Sattel eines entsprechend qualidizierten Reiters kräftigen das Pferd. Zeit (dieses knappste aller Güter) und richtiges Vorgehen erzeugen die Qualität der Reiterei. Das Verständnis der retroaktiven Wirkungen auf die Funktionstüchigkeit des Körpers sind ein Teil davon.
Damit Sie nun nicht denken, Genanntes sei doch selbstverständlich und deshalb quasi nicht erwähnenswert, werde ich alles im folgenden Text noch einmal darstellen. Mit mehr Detail und dem entsprechenden Hintergrundwissen. Denn auch wenn ich Ihnen im Prinzip zustimme (ein Blick sagt mehr als tausend Worte) so sind doch gerade ganz einfache Zusammenhänge häufig betrügerisch und erweisen sich bei genauerem Hinsehen als hochkomplex. In der Reiterei werden sie gelegentlich deshalb gar nicht wahrgenommen. Die Diskrepanz zwischen ohne weiteres Zutun einleuchtend und nicht mehr wahrnehmbar kam häufig erst in den Fragen der Teilnehmer des Study-Horsemanship zum Ausdruck. Und dabei stellte sich das Thema Haltung immer wieder als der sprichwörtliche Wald heraus, den man vor lauter Bäumen nicht sehen kann. So nahe ist der Mensch dem eigenen Körper. Erst aus dem Erkennen kann jedoch das Richtigmachen entstehen. Wurde schon klar, dass adäquate Haltung nicht nur die Grundlage des Wohlbefinden ganz allgemein, sondern beim Reiten auch der Zugang zum zweiten Gang ist. Zu dem also, was der Reiter vom Pferd wirklich will und braucht. Und der Begriff “Haltung” erweist sich auch im auf die Pferdehaltung erweiterten Sinn als Grundlage equider Leistung.
Vor Jahren schon war mir eine weitere Diskrepanz aufgefallen. Nach vielen Jahren körperlicher und geistiger Entfremdung vom Pferd richtete ich zu der Zeit meine erste eigene Weide für das Pferd ein, welches meinem Leben damals eine neue Richtung gab. Nach dem Ankauf des Pferdes ging es um Einzelheiten eines Weidepachtvertrags. Den Einkauf des Materials für den Zaun und einen Unterstand. Um die Zufuhr frischen Wassers. Den Transport der Stute zur Wiese, ihre Gewöhnung ans Gras. Die Beschaffung des Strohs, die regelmäßige Reinigung des Matrazenlagers. Die Abfuhr des Stallmistes und der von der Wiese gesammelten Pferdeäpfel. Es ging auch um die Unterbringung der Geräte und einen Stellplatz für mein Fahrzeug. Just zu dieser Zeit kamen die ersten Elektrozäune für Pferde auf den Markt. Auch Recherche, Einkauf, Installation und erste Erfahrungen mit einer neuen Weidezauntechnik war deshalb Thema.
All die weil ging es mir jedoch um etwas ganz anderes. Ich wollte verstehen, was diese Stute, der nun diese ganze Aufmerksamkeit galt, in meinem Körper bewirkt hatte. Warum war ich nicht mehr niedergeschlagen, immerzu müde und mutlos? Was gab mir die Kraft die beschriebenen Schritte in die Praxis umzusetzen? Und diesen folgten weitere, die mich dahin führten, wo ich heute bin. Dort draussen, auf der Weide, umpfing mich in schlechtem Wetter wie in gutem das Habitat der Pferde – die Natur. Und schon bald präsentierte sich dort die Zweiseitigkeit aller Erscheinungen, die sich mit Psyche und Physis als der zwei Seiten eines Seins wieder melden sollten. Die Pferdeweide, mit alle ihren Vorzügen und praktischen Problemen. Die Pferdeweide, das ethos der alten Griechen. Sinnbild und Lebensgrundlage menschlichen und equiden Zusammenlebens.
Diese Stute war weder Aufmerksamkeit erregend, noch gesund. Sie hatte gravierende Exterieurfehler, die sie hingegen durch eine gute Hinterhand und ein ungewöhnliches Interieur wett zu machen wusste. Sie hätte auf keiner Auktion und in keinem renomierten Stall einen Hahn zum Krähen gebracht. Und doch hatte sie mein Leben verändert. Dem wollte ich nachgehen. Das wollte ich verstehen.









