Vorwort
Reiten an sich ist kinderleicht. Nur wenn man Fehler macht, kann es unendlich schwer werden. Und dann drohen die Unfälle. Hält man sich an die Regeln der Kunst und schenkt den Fragen der Körperlichkeit die gebührende Beachtung so bereiten weder das Temperament noch selbst die Schiefe des modernen Pferdes Schwierigkeiten. Deutlich ist, dass die Regeln der Reiterei in der Physiologie des Reiter und Pferdes festgeschrieben sind.
Reiten kann schwierig sein, weil es neben der durchschaubaren und verlässlichen Kraft der Schöpfung einer Macht ausgesetzt ist, die die Sache, jede Sache selbst stört. Zucht, Reiterei, ja die Summe hippologischen Denkens, sind - wie die ganze Schöpfung – Gegenstand ihrer Entstellungen. Ja …, ich weiss, hier sind wir wieder an diesem anderen Punkt, mit dem Reiten angeblich nichts zu tun hat … .
Der folgende Text dient der Darstellung schlichten reiterlichen Vorgehens, so wie es sich im Study-Horsemanship fortschreitend bewährt hat. Ergänzt wird dieser Bericht durch relevante Einzelheiten zur Sache. Im Anhang wird das Vorgehen noch einmal systematisch zusammengefasst. Mein Wunsch die Leichtigkeit der Reiterei als Grundlage moderner Reiterschulung systematisch darzustellen birgt die Notwendigkeit die ursprüngliche Art des Reitens in Abgrenzung zur heute üblichen darzustellen und auch die unvermeidlichen Grenzüberschreitungen (wie zum Beispiel den Entlastungssitz und die Dehnungshaltung) nicht zu verschweigen, die mit der Zucht des schnelleren rechteckigen Pferdes fällig wurden.
Grundlage der folgenden Darstellung sind die Ritte auf den Pferden eigener Zucht und Aufzucht Leporello und Fabian im Sommer und Herbst 2007. Diese Pferde wuchsen mit allen anderen auf den Weiden des Haras de la Boulaye auf und haben wie viele andere immer wieder an Untersuchungen des Study-Horsemanship teilgenommen.
1. Treiben
- Komisch, er will nicht. Es kommt keine Reaktion auf das Anlegen meiner Waden und/oder das Fallenlassen meiner Absätze. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Gerte einzusetzten.
- Die Gerte ist eher eine Patsche mit kleinem Knauf und zwei großen runden Lederstücken am unteren Ende. Selbst bei geringster Bewegung klatschen sie aufeinander und erzeugen ein Geräusch.
- Also, zum Antraben die Waden anlegen und mit der Klatsche direkt hinterm Unterschenkel nachhelfen. Laurig bewegt sich die Masse unter mir etwas schneller und versetzt sich endlich in Trab.
- Ich sitze und horche. Was ist los mit diesem Pferd? Es fühlt sich schwankend an und nicht sehr kraftvoll. Der Vorteil: er lässt mich sitzen. Die Bewegungen seines Rückens schubsen mich nicht aus dem Sattel.
- Eine Weile reiten wir. Im Trab. Im Schritt. Auf geraden und gebogenen Linien. Und halten an. In die höhere Gangart wechseln wir durch das Anlegen der Waden. Zum Anhalten lasse ich die Absätze fallen.
- Langsam beginnt er zu fliessen. Und schon bald läuft er unter mir daher wie auf Schienen. Das Wenden meiner Schultern bestimmt den Verlauf der Schienen.
- Während er sich löst und kräftigt tue ich nichts. Nur wenn nötig kommen die Waden erneut zum Einsatz. Zum Richtungswechsel wende ich die Schultern. Zeit zu sitzen und zu geniessen.
Der Nichtreiter wird dem hier Beschriebenen möglicherweise nicht spontan das Wesentliche entnehmen. Und selbst mancher erfahrene Reiter wird nicht wahrnehmen, dass hier vom Kern der Reiterei die Rede ist. Nur ein Pferd, dass ohne Anstrengungen, reiterliche Hilfen und/oder äussere Hilfsmittel willig und selbstständig in ruhigem Tempo seine Runden ziehen und dabei den Reiter sitzen lassen kann, verdient die Bezeichnung Reitpferd. Nur so sind die in der humanen und equiden Physiologie angelegten Funktionen des Reitens vollends wirksam, die auch in der Weiterentwicklung des Pferdes die Hauptrolle spielen. Den Laien mag es wundern: Die hier beschriebene Grundvoraussetzung der Reiterei trifft bei weitem nicht auf alle Pferde zu, die heute einen Reiter tragen. Nach wie vor prägt das Rodeo die Vorstellung des Menschen vom Pferd.
2. Leichttraben
- Und nun kann es losgehen. Auf der großen Acht geht es vorwärts. Reiten ist Bewegung. Gut sitzen kann ich ihn. Trotzdem trabe ich nun leicht.
- Ganze Bahn. Im Takt der Trabtritte hebt er mich vorwärts-aufwärts aus dem Sattel und setzt mich sanft wieder hin. Im Rythmus der Tritte öffne ich meine Knie und hebe ihn so quasi vorwärts.
- Bald bleibe ich einmal sitzen und wechsele damit die Diagonale. Nun trabe ich auf dem anderen Beinpaar der Trabfußfolge leicht. Und - wenn die sich nicht so anfühlt wie die eine, weiss ich was ich tun muss.
- Im Wechsel von Aussitzen und Leichttraben - auf einem und dem anderen Hinterbein - sorge ich dafür, dass er Rücken und Beine rechts und links gleich stark einsetzt.
- Wir legen eine große Acht an, auf der er bald wie von alleine läuft. Langsam erhöhen wir das Tempo. Ohne Änderungen des Taktes legen wir auf den Geraden noch einmal zu.
- Am Ende jeder Geraden nehmen wir das Tempo zurück und ich wechsele zum Aussitzen. Fliessend und ohne jede Anstrengung. Zum Zulegen die Waden anlegen, zum Bremsen die Absätze fallen lassen.
- Im Spiegel sehe ich mich durch die Wendung kommen. Sind die Bügel auf gleicher Höhe? Ist mein Oberkörper aufrecht? Sind die Beine gestreckt, die Absätze tief? Ohne Spiegel weiss ich das nicht sicher.
- Bald laufen diese Einzelheiten und ich vertraue mich dem Schwung, der Begeisterung, dem Erlebnis der gemeinsame Sache an. Reiten: In bewegter Höhe eins sein.
In den ersten kleinen Trabrunden aktiviert das Pferd sein Gleichgewicht. Erfahrene Pferde richten sich in diesem Zuge gerade und sammeln ihre Kraft. Auf der großen Acht befreien sie sich und gehen vorwärts.
Wird klar, dass vorwärts nicht gleichbedeutend ist mit schnell? Vorwärts geht ein Pferd, wenn seine Hinterbeine unter den Schwerpunkt treten. In der Reitbahn gilt vorallem dem tragenden inneren Hinterbein dabei gebührende Beachtung. Tritt es unter den Schwerpunkt? Oder wenigstens in seine Richtung? Nimmt es das Gewicht des Pferdes auf? Die Rolle gerade des inneren Hinterbein verdient weitere wissenschaftliche Untersuchungen. Hat die unersetzliche Funktion des tragenden inneren Hinterbeins etwas mit dem Sakralgelenk zu tun? Wenn ja, was? Und wie werden im selben Zuge auch des Pferdes Zusage und seine freiwillige Unterordnung davon angesprochen? Gleicht das equide Gleichgewicht dem humanen und wie beherrscht das Pferd seine Kräfte in den Kräftefeldern der Erde?
Selbst wenn diese Einzelheiten zunächst im Dunkeln verbleiben, so bestätigt doch die Praxis immer wieder: Mit und durch die Gelegenheit das innere Hinterbein zu belasten verwandelt sich das Weidepferd zum Reitpferd. Durch die Geraderichtung erkennt es unter der Anleitung des Reiters und durch dessen Gegenwart auf seinem Rücken die ihm innewohnenden Fähigkeiten und Kräfte wieder. Bald schon wird es brauchbar und zieht fortan des Menschen Nähe dem Leben in der Herde vor.
3. Links nachgeben
- Und nun das Nachgeben in den linken Rippen. Dazu muss das Pferd da wo mein linkes Bein auf ihm liegt nachgeben. Dies leuchtet dem Pferd auf Grund seiner Schiefe nicht unbedingt ein.
- Um mein Ziel prompt erreichen zu können prüfe ich meine Gerade- und Aufrichtung. Ich korrigiere meine rechte Hand, die gerne das vermehrte Tragen der rechten Schulter im schiefen Pferdes nachahmt.
- Ich dehne meine rechte Seite, die wie im Pferd eine Tendenz zur Verkürzung hat. Mein rechter Absatz federt und aktiviert das schwache rechte Hinterbein. All das überträgt sich prompt und eins zu eins.
- Für eine Weile bewache ich die Geraderichtung. Rechts herum im Schultervor und links herum im viertel Schulterherein. Und bereitete so die Linksbiegung der Rippen im Körper des Pferdes vor.
- Ansonsten geht alles weiter wie zuvor. Ich wende die Schultern, lege die Waden an und federe wie nötig in den Fesselgelenken. Die Dehnung meiner rechten Seite reicht, um den nötigen Schwung zu erzielen.
- Und die Anlehnung? Auf der großen Acht hat er Kontakt zu meiner Hand aufgenommen. Eine feder-leichte, vorwärts-aufwärts gerichtete Anlehnung, die Vertrauen in des Reiters Hand beweist.
- Rechts herum geht es weiter im Schultervor. Und dann, links herum, im viertel Schulterherein, bei gestrecktem linken Bein, gibt er durch ein Wenden meiner Rippen in seinen Rippen nach. Wie nebenbei.
Warum muss das Pferd im Zuge der vorläufigen Geraderichtung in den linken Rippen nachgeben? Warum nicht in den rechten? Und warum zunächst nur eine vorläufige Geraderichtung? Um das zu verstehen muss man sich die Schiefe des Pferdes vor Augen führen. Die Abbildung auf Seite …. gibt darüber Auskunft….
Was ist Längs-, was ist Rippenbiegung?
Ganz anders als die aufeinander geschichteten Rückenwirbel der aufrechten menschlichen Wirbel-säule können die waagerecht aneinander liegenden Wirbel des equiden Rückgrats im Bewegungsablauf lateral nachgeben. Der entstehende Seitwärtschwung des equiden Rückgrats ist die Längsbiegung. Sie kommt durch die Stellung des Genicks zustande, welches den Blickrichtungen der Augen folgt.
Das zentrale Nervensystem des Pferdes verläuft vom Gehirn im Schädel durch das Genick zum Rückgrat. Im Rückgrat setzt es sich bis zur Mitte des Kreuzbeins fort. Bewegungen im Genick wirken sich dadurch bis auf das hintere Ende des Pferdes aus. Es besteht eine Wechselwirkung zwischen der Blickrichtung der Augen, der Stellung des Genicks und der Längsbiegung. Letztere richtet sich zunächst nach der Linie, auf der das Pferd sich bewegt. Orientierung, Bewegungsrichtung und Positionierung im Raum sind also aufs Engste mit der Stellung des Genicks verbunden. Sie werden von ihr bewirkt und beherrscht.
Aber das Genick kann und tut noch viel mehr. Eine Vorwärtsdehnung des Hinterhaupts spannt das lange Bande von vorne und aktiviert die in der Oberlinie verankerten Muskulaturen der Leistungshaltung. Und in diesem Zusammenhang gilt es auch die Funktion des nächsten Gelenks im oberen Pferdehals zu verstehen. Dieses Gelenk zwischen erstem und zweitem Halswirbel verringert durch sein Schliessen die Spannung des langen Bandes. Immer wenn sich die Spannung des langen Bandes von vorne und oder von hinten verändert, bewirkt es einen Ausgleich.
Und selbst damit ist noch nicht alles gesagt. Die Stellung des Genicks ist auch die Grundlage der Losgelassenheit. Dazu möchte sich der Leser die auf Seite… im Kapitel .. …. angesprochenen Fragen zum Muskeltonus und seiner Rolle für die Losgelassenheit noch einmal vor Augen führen. Noch harren diese Fragen ihrer Antwort. Feldenkrais..... In der Praxis ist Losgelassenheit der Zustand des Körpers, in dem in Leistung wie von alleine fliesst.
4. Diagonal Hilfen
- Auf diese Weise haben wir eine neue Verabredung getroffen. Am folgenden Tag wiederholt er in der Linkswendung die Rippenbiegung links von sich aus und wendet dabei Kopf und Hals weit nach innen.
- Die Zügel in meiner rechten Hand berühren dadurch vermehrt die Aussenseite seines Halses. Mit dem linken Absatz aktiviere ich das innere Hinterbein. Und schon ist er an diagonalen Hilfen!
- Häufig will in Folge rechts herum die Halsbasis noch nicht in der Mitte bleiben. Das schwache, ungeschickte rechte Hinterbein will weg vom Schwerpunkt und nicht die Last der Körpermassen aufnehmen.
- Aber auch für diese Korrektur reichen die wenigen Einwirkungen. Der rechte Absatz federt. Das Wenden meiner Schultern legt den linken äussere Zügel an. Mit dem rechte Ringfinger stellt ich das Genick.
- Schultern und Halsbasis wenden prompt. Das sanfte Anziehen und Nachgeben des rechten Ringfingers unterstützt und befähigt das rechte Hinterbein. Und schon ist er auch rechts herum an diagonalen Hilfen.
- Einmalig schön fühlt sich das Pferd an diagonalen Hilfen und in sauberer Längsbiegung auf dem Zirkel an. Von Rippenbiegung ist noch nicht die Rede. Erst müssen sich die rechte Seite dehnen.
- In den Ringfingern verspüre ich die Hinterbeine. Unter mir fühle ich die Rückenmuskeln ihren Takt abstimmen und sich kräftigen Das Pferd fühlt sich wohl, losgelassen und kraftvoll an.
Durch das selbstständige Hereinwenden des Halses und damit auch des Kopfes entsteht ganz von selbst, zunächst links und dann auch rechts herum die Führung des Pferdes an diagonalen Hilfen. Genau dieses aus der Physiologie selbst hervorgehende Verhalten des Pferdes ist das offene Geheimnis der hier beschriebenen Reiterei. Es kommt ohne unverständliche Eingriffe und unbeantwortbare Fragen aus. Das Pferd vertraut sich dem Reiter an und entwickelt sich wie von selbst nach und nach hin zum zweiten Gang. Warum aber Durchkommen dessen ungeachtet auch zum Thema werden kann kommt gleich.
Den Laien mag es verwundern, aber Reiter und Pferd treffen Verabredungen. Diese regeln, wie zwischen Menschen auch, gemeinsames Wollen und Wirken. Immer wieder stellt sich heraus, dass das Pferd seine Zusagen einhält, der Mensch hingegen dazu neigt sie zu vergessen. Zusagen, mögliche Absagen und alles andere was zwischen beiden abläuft sind dem Reiter wie Schwingungen im gemeinsamen Gebäude laut und deutlich vernehmbar. Diese Schwingungen bleiben dem Zuschauer verborgen. Der richter sieht nicht, was dem Reiter mehr als klar ist.
5. Durchkommen
- Ihr Ausdruck spricht Bände. Das Pferd will nicht. Genick steif. Die Längsbiegung verloren. Schultern drängen nach aussen. Das innere Hinterbein trägt nicht. „Wie lange denn schon?“
- Das Pferd ist verunsichtert und bringt es zum Ausdruck: „Reiter, mein Meister, wo bist Du? Warum hilfst Du mir nicht?“ Die Zweifel und Verärgerungen der Reiterin tun ihr übriges.
- Frustrierte Reiterin. Widerwilliges Pferd. Was nun? Eine Politik kleiner und kleinster Schritte ist angesagt. Anhalten, stehen, die Longe ordnen, tief durchatmen, lächeln, dem Pferd ruhig zusprechen.
- Wie der Reiterin verdeutlichen, dass sie die Ursache des Problems ist? Und die Schiefe des modernen Pferdes. Wie vermitteln, dass das, was sie nun hoffentlich richtig macht der Zugang zum leichten Reiten ist.
- Das Pferd gerade richten ohne es dabei zu verletzen. Ihm die Geraderichtung in seiner Sprache Schritt für Schritt erklärt. Damit es sein Gleichgewicht finden, sich mobilisieren und los legen kann.
- Das Pferd weiss, dass ich es weiss. Es dauert nicht lange und ich komme durch. Das Genick stellen. Die Längsbiegung bewachen. Die Schultern hereinbringen. Das innere Hinterbein belasten.
- Und nun erinnert auch die Reiterin sich wieder. Sie übernimmt. Konzentriert sich. Kämpft ihren Frust runter. Nicht lange und das Pferd läuft tadellos. Sie erkennt den Unterschied und wundert sich.
- Am nächsten Tag klappt alles wie am Schnürchen. Die Reitein sitzt auf, spürt das Pferd und strahlt. Das Leben ist schön dort oben in bewegter Höhe. Und schon ist der Lösungsansatz von gestern vergessen.
Beim Reiten bereitet in der Regel nicht die Sache selbst, sondern der fehlende Fokus vieler Reiter Schwierigkeiten. Sie wollen das Pferd geniessen, ohne zu wissen wie und ohne die Regeln der Kunst zu beachten. Nicht selten stellt sich diesen Reitern im Zusammenhang der Beweglich- und Gleichseitigkeit eine persönliche Herausforderung. Und häufig erweist sich dann des Menschen Willen als sein Himmelreich. Gerade und aufrecht sein ist auf Dauer eine persönliche Entscheidung, auch und gerade wenn dazu im ersten Schritt Unterstützung notwendig war. Es ist das Ergebnis retroaktiver Wirkungen. Nur diese können den so häufig zwischen Ideal und Real klaffenden Graben schliessen und einen schlechten Ist- in den gewünschten Sollstatus verwandeln.
Und erinnern Sie sich: Keine Instrument klingt schön, wenn Finger und Handgelenke des Musikers steif und ungeschickt sind. In der Reiterei richten Sitzfehler, Nichtwissen und Vergessen verheerende Folge an. Schnell findet der Reiter sich in einem Labyrinth widersprüchlicher Merkmale und verwirrender Anzeichen wieder, dem er ohne Innehalten, Nachdenken und Erinnern nicht entgehen kann. Er braucht das Wissen um die Physiologie des Pferdes, um seine Haltungen, um bewährte Vorgehensweisen und dazu auch die tricks of the trade, die jedes Metier kennzeichnen. Wird dem Widerwillen eines Pferdes ohne Korrektur unter-liegender Reiterfehler mit dem Einsatz muskulärer oder gar mechanischer Kraft begegnet, dann haben wir die heute weit verbreitete Reiterei. Und das ganz ohne zwingenden Grund. Denn richtig ist auch hier einfacher als falsch vorgehen.
Dem Thema Durchkommen folgt die Frage nach der Durchlässigkeit auf dem Fuße. Wann ist ein Pferd durchlässig. Was macht es durchlässig? Was überhaupt ist Durchlässigkeit? Spielt sie auch im Körper des Reiters beim Reiten eine Rolle?
6. Meine Haltung
- Der Bauchnabel. Mühelos kann ich ihn nach oben und zurück bewegen. Das Ergebnis ist erstaunlich: Mein Becken kippt und ist und bleibt nun endlich in der Waage. Die Wirbelsäule richtet sich auf.
- Es ist eine weitere Wirkung des Dermatoms T9. Leoprello mag des Reiters falsche Haltungen gar nicht. Für ihn müssen Haltung, Sitz und Einwirkungen des Reiters genau übereinstimmen.
- Vor einigen Jahren, als er jung und ich noch ganz schief war, hat er mich einmal energisch richtig hingesetzt. Ein unvergessener Eindruck. Alles war auf einmal richtig, in der anderen Welt des Reitens.
- Andacht zog ein. Und ein Rückschluss auf den Begriff „Sakrum“. Was hat Reiten mit Wahrheit zu tun? Was mit „Heiligung“? Was mit heil sein? Mit etwas im menschlichen Körper?
- Waagerechtes Becken. Ausgedrehte Hüftgelenke. Anliegende, den Pferdekörper weich umfassende Beine. Und die fallengelassenen Absätze des Reiters. Sind für den Antrieb des Pferdes zuständig.
- Diese Elemente werden von Dermatomen wie von einer gestreiften Stumpfhose eng umspannt. Gesäß und Beininnenseiten des Reiters korrespondieren mit dem Antrieb des Pferdes.
- Die Dermatome des Lendenbereichs verlaufen über Oberschenkel, Knie und Schienenbeine und korrespondieren mit der Kraf des Pferdes. In den Füßen gleichen die Dermatome einem Harlekinkostüm.
Ich werde im Folgenden versuchen, die Wechselwirkungen der menschlichen Dermatome mit dem Pferd in Textform systematisch darzustellen. Mein Vorbehalt: bisher liegen keine mathematisch messbaren Beweise für die empirische allgegenwärtigen Übertragungen vor; weitere Erfahrungen in der reiterlichen Praxis stehen noch aus; der Verlauf der Dermatome im Körper des Pferdes ist nicht erforscht, gerade dieser gäbe jedoch weitere Hinweise zu den nervlichen Wechselwirkungen zwischen Reiter und Pferd; die Reflexe des sensorisch-motorischen Systems gilt es im Kontext der Dermatome weiter zu untersuchen. Die genannten Übertragungen sind und bleiben das Privileg des gebildeten, aufrechten und aufmerksamen Reiters. Auch wenn alles erforscht, gesagt und getan ist. Er braucht per so keinen wissenschaftlichen Nachweis für das, was ihm im Sattel offensichtlich ist.
Dies gesagt habe ich einen weiteren persönlichen Vorbehalt. Jede Idee hat ein Kleid. Das sind in diesem Fall die streifenförmigen Hautregionen (genannt Dermatome), die jede einzelne von jeweils einem Abschnitt des zentralen Nervensystems direkt innerviert werden. Könnte der Mensch diese Streifen mit bloßem Auge auf seiner Haut sehen würden sie ihn mit Sicherheit amüsieren. Was? Der Mensch hat Streifen wie das Zebra! Ebenso ist der Humor eines humunculus auf der Oberfläche des Gehirns nicht zu übersehen; der Vielzahl ganz individueller humunculi, von denen jeder Mensch einen, seinen ganz eigenen, in seinem Kopf trägt. Es geht also hier nicht nur um Funktionen und deren Wirkungsweisen. Nein, es geht auch um Kreativität und Humor von höchster Stelle. Der, der diese Ideen hatte, gab ihnen diese Kleider. Mir hingegen fehlen die Worte um diesen Ideen, ihrem Humor und der Komplexität ihrer Zusammenhänge einen würdigen und entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Zu Pferd ist das ganz anders. Da fügt sich die Kenntnis der Dermatome im Zusammenhang der Haltungen und Begewegungsabläufe zu meiner und der Freunde des Pferdes nahtlos und gleitend zusammen.
Versuche ich es trotzdem.
C1: Die Blickrichtung des Reiters überträgt sich aufs Pferd. Es stellt sein Genick und bewirkt so nicht nur die Längsbiegung und die Losgelassenheit, sondern auch die Bewegungsrichtung. Deshalb gilt auch: „Die Augen nicht auf das, sondern auf den Raum über dem Hindernis richten.“
C2: Das Heben des zweiten Halswirbels macht den Menschen größer. Dieses Heben aktiviert die Reflexe des sensorisch-motorischen und intensiviert die Impulse des zentralen Nervensystems. Das Pferd reagiert entsprechend: Es hebt des zweiten Halswirbel und mobilisiert sich.
C3: Das Zurückverlegen des Kinns richtet Hals, Kopf und Brustkorb auf. Es zieht das Kreuzbein unter die Wirbelsäule. Jeder einzelne Wirbel wird dadurch von einem darunter liegenden maximal unterstützt. Im Pferd trägt der dritte Halswirbel die Funktionseinheit Hinterhaupt, Kiefer, erster und zweiter Halswirbel. Wenn er sich zurück bewegt senkt das Pferd die Kruppe.
C4: Das Wenden des Reiterkopfes von der Halsmitte lässt den Pferdehals zur Seite schwingen. Beweglichlichkeit des Hals-, Schulter- und Brustbereich überträgt sich auf die Elastizität des Pferdehalses, seiner Schultern und Seiten. Deshalb: „Den Kopf locker wenden um den Hals des Pferdes zu biegen und das Pferd in Schwingung zu bringen“.
C5: Ein Reflex zwischen den Schlüsselbeinen bringt via Sternum, oberste Rippe und Schultern den Ober-körper ins Gleichgewicht. Das Pferd reagiert und hebt die Vorhand. Die kombinierte Wirkung der Dermatome C5/T1 im Unterarm des Menschen gilt es weiter zu beobachten. Sie leitet die Biegung des Pferdes ein.
C6: Ein Druck des Daumens (im Dermatom C6) bremst das Pferd. Er deaktiviert den langen Rückenmuskel, dessen Hauptzugrichtung am sechsten Halswirbel (C6) angewachsen ist. Der humunculus, dieses Ich-Bild auf der Gehirnrinde eines jeden Menschen, erläutert diesen Zusammenhang weiter: Der Daumen ist der von allen Körperteilen des Mensch bei weitem am häufigsten einsetzte. So wie der lange, vielfach gefächerte Rückenmuskel des Pferdes umfangreichstes und damit stärkstes Muskelsystem ist, so ist der Daumen des Menschen proportional kräftigste Teil. Auch deshalb versammelt die alternative Kandarenführung (Trensenzügel zwischen Daumen und Zeigefinger) das vorwärtsdrängende Pferd so zuverlässig.
C7: Das Vorwärtswenden einer Reiterschulter bewirkt bewirkt ein zu eins des Pferdes Richtungsänderung. Dazu sehen man sich den Verlauf des Dermatomes C7 im Schulter- und Armbereich des Menschen an. Die Mittelfinger der stehenden Hand führen den Kandarenzügel und bieten dem Pferd die Gelegenheit zur Anlehnung.
C8: Im Normalfall führen die Ringfinger den Trensenzügel. Sie unterstützen die Stellung des Genicks (siehe C1), die Längsbiegung und damit die Losgelassenheit des Pferdes. Alle anderen Übertragungen des körperlosen Nervenabschnitts C8 und seine Rolle für die Reflexe des sensorisch-motorischen Systems im Menschen kamen und kommen wieder zur Sprache. Es gibt einen inneren Kommunikationskreis um C8, den es weiter zu erforschen gilt.
Soweit die Darstellung der Dermatome im zervikalen Bereich des Menschen und ihre Wechselwirkungen mit Hals und Schultern des Pferdes. Thorax, Lenden und Sakrum folgen. War es sinnvoll die Deramtome in ihrer Reihenfolge von oben nach unten darzustellen? Wäre nicht eine Darstellung von unten nach oben (im Menschen) und von hinten nach vorne (im Pferd) sinnvoller gewesen? Die Frage stellt sich vorallem deshalb, weil der Reiter des modernen Pferdes die Wirkungen der Dermatome in der Regel von unten nach oben kennenlernt. Denn er bemächtigt sich ja zuerst des Antriebs. Nach Überlegungen jedoch erschien sinnvoll, wie gewählt vorzugehen. Nicht nur weil Kopf und Hals in der aufrechten gleichgewichteten Haltung des Menschen die Hauptrolle spielen, sondern auch weil sich das gesunde lebhafte Pferd durchaus auch nur durch den Einsatz der Dermatome C1-8 reiten lässt. Der Rest wird von der Anwesenheit des Reiters zu Pferd erledigt.
7. Die Haltung des Pferdes
- Wie auf Schienen, wie an Stangen, wie am Schnürchen gezogen. Die schwierige erste Phase des Ermunterns ist vorbei. Alles klappt nun und fühlt sich an wie von höherer Hand geführt.
- Ich sitze, er läuft. Meine Waden sind fürs Vorwärts zuständig. Tiefe Absätze erhalten die Geschlossenheit. Auf dem Zirkel unterstützt die herausgedrehte innere Hand das Wenden.
- Und dann an Haltung denken. Die Zügel auf Maß verkürzen, ruhig sitzen bleiben und auf gleichmäßig schwingendem Pferderücken freie Figuren und immer wieder andere Wendungen reiten.
- Und schon hebt er den Hals, zäumt sich bei und kaut zufrieden ohne Unterlass. Gelegentlich halte ich an und spüre beim erneuten Antreten, wie schwach er noch ist. Aber er will und sammelt seine Kräfte.
- Während wir reiten beginnt es zu regnen. Wir flüchten unter das Vordach. Da stehen wir zwischen den anderen Pferden und warten. Er möchte nicht abschalten und zappelt, als wolle er mir etwas sagen.
- Drängt zum Futtereiner, zu Fabian, zu einer Stute, die zum Abspecken dort im Stall steht. Beim Drehen, beim Rückwärts und beim Seitwärtstreten beruhigt er sich. Und schon geht es wieder los.
- Und nun lässt er sich auch auf die Wasserpfützen ein. Den Hals von Zügeln, den Körper von meinen Beinen umrahmt kann ich ihn nun sicher hindurch dirigieren. Gestern war das noch nicht möglich.
Das ist es, was ich vom Pferd wünsche. Die Leichtigkeit des Seins. Denn alles was ich ihm abringe erweist sich schnell als unbrauchbar. Es entfernt uns vom Ziel absoluter Mühelosigkeit. Warum? Weil es die Würde, den guten Willen und das Selbstverständnis des Pferdes Lügen straft. Es verliert seine Losgelassenheit und vertraut dem Reiter zu Recht nicht mehr. Jedes Nein eines Pferd hat seinen Grund. Und gerade diese Neins der Pferde sind es ja, die häufig den entscheidenden Hinweis zum Erfolg geben.
Wie schön wäre es, die Sache nun dabei bewenden zu lassen – aber das Leben geht weiter.
8. Rückschläge und Fortschritte
- Unüberlegt habe ich gestern einen Fehler gemacht: Ich habe Leporello beim Spaziergang die Zügel am Sattel verschnallt. Beim Reiten danach verhielt er sich wieder. Der Zauber des Vortages war verflogen.
- Wir haben weitergemacht, wie man dann weitermacht. Fragend, suchend, schadensbegrenzend. Auf Lösungssuche bin ich fast eine Stunde auf seinem Rücken geblieben und habe ihn auch gefordert. Sprechender Esel
- Erst danach wurden mir die Zusammenhänge klar. Am nächsten Tage Longe. Durch eine Pfütze über einen Sprung springen. Dann unser Ritt und nachher im Schritt ins Gelände. Und das war zuviel.
- Das Zurückrunden meiner Mittelpositur und das federnde Hoch- und Vorbringen meiner rechten Schulter haben ihm draussen zum freien Schritt ver-holfen. Und doch droht nun die Pathalogie ... !
- Seit einigen Jahren geht beim Reiten alles besser wenn ich alle vier Zügel in die linke Hand nehme. In der rechten halte ich die kurze Gerte. Und so reiten ich fröhlich einher.
- Die einhändige Zügelführung klappt nur, wenn das Pferd dem Zügel am Hals prompt weicht, es in den Rippen links nachgegeben und eine weiche Anlehnung eingenommen hat.
- Im Gelände spätestens trägt das einhändige Reiten ganz wesentlich zu Gelassenheit und Wohlbefinden des Pferdes bei. Es weiss sich sicher eingerahmt. Zufrieden kaut es und geht voran.
Und hier melden sich nun gleich eine ganz Reihe der eingangs erwähnten Ist-Zustände des Lebens, welche immer mal wieder seine gesunde Norm entstellen: Vergesslichkeit, Unaufmerksamkeit, Überstrengung. Der Körper, die ihm häufig fehlende Gleichseitigkeit und Aufrichtung ... .
Und es spielt nun keine Rolle mehr, dass die Zügel ganz lang verschnallt waren. Ich wolle verhindern, dass er unterwegs frisst. Schlimmer noch, ich hatte nur so eine Idee und dachte sie sei gut. Wie weit gefehlt das war, wurde mir erst durch Leporellos Reaktion klar. Einem Prinzen gebührt nicht die Behandlung der Gesetzlosen.
Noch etwas kommt jedoch hinzu. Leporello ist als Absetzer beim Raufen mit einem Kameraden gestürzt und hat sich dabei das Becken schief gezogen. Ostheopatische Behandlungen haben einen bleibenden Beckenschiefstand nicht verhindern können. Und da dieser vor dem Wachstum eintrat wurde sein rechtes Bein sozusagen zusammen gedrückt und ist heute leicht verbogen und kürzer als das linke. Er lahmt nicht und doch ist er in den Seiten oft nicht gleich. Unser Durchbruch kam, seit ich durch vermehrtes Sitzen auf der linken, höheren Seite Schwierigkeiten seines Bewegungsapparats einfach durchreiten kann. Es bedeutet, dass dieses Pferd mehr als jedes andere mit, von und in einer Sphäre des ‚good wills’ leben will und muss. Gerade für dieses Pferd möchte ich die Rolle der Faszien im gesunden Pferd verstehen und im gestörten Pferde beeinflussen lernen.
9. Im Gelände
- Und nun kann nur noch Weiterreiten und Geniessen dem Pferd weitere Fortschritt bescheren. Wie der englische Rasen: Anlegen, mähen, dreihundert Jahre lang. Dann ist er richtig schön.
- Alles läuft wie am Schnürchen, nur Kraft ist (noch) keine da. Zeit neue Böden kennenzulernen. Über Bodenstangen zu treten. Steigungen zu bewältigen. Landschaften zu erkunden.
- Für den Reiter die Elemente des zweiten Ausbil-dungsziels kennenzulernen. Was passiert eigentlich, wenn sich das Pferd hebt. In welcher Haltung fällt ihm das zügige Vorangehen am leichtesten?
- In welcher Haltung bleibt es im runden rollenden Galopp. Wie gelingt das Runterschalten. Anhalten, stehen, das Pferd sich umsehen lassen. Alles will aus probiert und optimiert sein.
- Die Spur wechseln. Auf der Stelle wenden. Rückwärts treten. Vom festen Boden auf weiches Gras wechseln. Haltungen gezielt wechseln. In raum-greifenden Galoppsprüngen das Land vermessen.
- Zurück zum Trab, zurück zum Schritt, Zügel lang. Absteigen, grasen lassen. Spazieren gehen. Sich Zeit nehmen. Dem Pferd zusammensein gewähren. Und es geniessen können.
- Während ich schreibe meldet mein mail Programm einen neuen Eingang. Der Bericht einer Reiterin von einer typischen deutschen Reitschule. Alle Pferd sind mit Schlaufzügel ausgebunden…..!…..?
Dieser Bericht ist der hier einzige, dem kein aktueller Ritt und keine tatsächliche Situation zu Grunde liegt. Er ist aus der Erinnerung geschrieben. Leoprello hat Pause. Ich beschäftige mich mit Datenbanken und Schulungsprogrammen, mit Werbemitteln und Anträgen. Wir haben einen Termin beim Pferdephysiotherapeuten und ich google Pferdeakupunktur. In diesen Aktivitäten treffen sich die Bedürfnisse nach adäquatem Wissen um Haltung, Bewegung und Heilung.
Es stimmt. Viele Reiter haben nicht die Gelegenheit ihre Pferde vor Beginn einer weiterführenden Ausbildung im Gelände kennenzulernen und sie dort zu kräftigen. Viele trauen sich nicht. Sie verpassen so die international, interdisziplinär und historisch fest verankerte Norm equiden und reiterlichen Daseins: Sich auf allen Arten von Böden zuversichtlich und zügig bewegen zu können.
10. Die innere Hand
- Mit Fabian habe ich die Rolle des biegenden inneren Zügels erneut ausprobiert. Kann ein Zügel biegen? Natürlich nicht. Es gibt einen Zusammenhang, der diese Bezeichnung trotzdem nahe legt.
- Es ist wahr, wenn man den Daumen nach aussen dreht beginnt das Pferd sich zu biegen und geht prompt in die Wendung. Das liegt zum einen an der rein mechanischen Verkürzung des Zügels.
- Diese erklärt aber die eintretende Wirkung nicht. Das Pferde fühlt sich wohl und wie eingerahmt an. Der Reiter braucht nichts weiter, um es zum Beispiel wie auf Schienen auf dem Zirkel gehen zu lassen.
- Dabei kann er durch ein schlichtes Öffnen des Ring-fingers am innen Zügel nachgeben. Und so das Pferd an diagonalen Hilfen oder am beidseitigen Zügel führen. Immer so, wie es zweckmäßig und sinnvoll ist.
- Was macht aber nun die Wirkung sowohl des fanzösischen offenen innerer Zügels, als auch des deutschen eingedrehten Handgelenks aus? Dazu muss man sich die Dermatome genauer ansehen.
- Das Dematom C5 verläuft vom Nervenabschnitt C5 im zentralen Nervensystem über Hals und die Schlüsselbeinen die Arminnenseiten zu einem Punkt im inneren Handgelenk.
- Das Dermatom T1 verläuft über Schultern und unter den Schlüsselbeinen die Arme hinab und endet mit dem Dermatom C5. Die gemeinsame Wirkung entfaltet sich durch das Drehen von Speiche und Elle.
Es gibt einen fließenden Übergang zwischen der Erhöhung der Längsbiegung und dem Einsetzen der Rippenbiegung. In anderen Worten, wenn die Wirbel des Rückgrats seitlich nicht mehr weiter nachgeben können, dann gibt das Pferd wie oben beschrieben in den Rippen nach. Die Muskulaturen des Halses, der Schultern und der Rippen werden tätig und biegen das Pferd. Dieser Übergang ist genauso fliessend wie der zwischem dem Stellen, dem Beugen und dem Überbeugen des Genicks.
Anders als die Längs- erfordert die Rippenbiegung einen einseitig-kontrahierenden Muskeleinsatz. Als solches entspricht sie dem natürlichen Bewegungsablauf des Pferdes nicht. Das Pferd ohne Reiter kennt keine Rippenbiegung. Rippenbiegung und Kraftentfaltungen schliessen einander aus. Sie ist hingegen das Mittel, um erfolgreich auf die durch Zucht entstandenen Nachteile des verlängerten mittleren Rückenabschnitts einzuwirken. Und schon de la Guérinière hatte Ende des 18. Jahrhunderts, noch vor der Zucht des englischen Vollbluts, die Rippenbiegung im Schulterherein als wohltuend für die Wiederherstellung des gestörten Bewegungsablaufs und als Mittel reiterlicher Macht nicht nur erkannt, sondern auch detailiert dargestellt.
In der Rippenbiegung geben die Rippen auf einer Seite des Pferdekörpers, da wo die Beinen des Rei-ters liegen nach und schieben sich zusammen. Auf der anderen Seite dehnen sie sich entsprechend. Diese Bewegungen des Brustkorbs wirken sich auch auf die Rückenwirbel T10-12, von denen die betroffenen Rippen ausgehen aus. Und genau diese Wirbel sind es auch, in denen das Pferd über dem Sprung seinen Rücken aufwölbt. Was bedeutet das im reiterlichen Zusammenhang?
Beim Schliessen der Kruppe hebt sich - ausgelöst vom Schliessen des Sakralgelenks – von hinten der Pferderücken. Unter dem Reiter erlernt das Pferd im Bewegungsablauf das Gleichgewicht zwischen den sich immer wieder ändernden Komponenten
(1) Heben der Wirbelbrücke (spricht dem Grad des Kruppen- bzw. Sakrakgelenkschlusses)
(2) Elastizität der Wirbelbrücke und
(3) Beugen der Hanken
zu erhalten. Genau dabei bleibt jedoch der dem Sakralgelenk und Motor in der Hinterhand des Pferdes weitest entfernte mittlere Rückenabschnitt häufig unberührt. Die hervorragende Wirkung des Springens zum Beispiel junger Pferde rührt unter anderem daher, dass es dabei eben diesen Rückenabschnitt hebt. Genau dasselbe Resultat veranlasst die einseitig-gymnastizierende Wirkung der Rippenbiegung auf die Rückenwirbel T10-12. Das Pferd hebt den durch sie gymanstizierten mittleren Rückenabschnitt und wird rund. Es wird beweglicher und seine Gangarten besser.
Das Pferd ohne Reiter kennt keine Rippenbiegung. Es ist sich seines Bewegungsapparats auch ohne sie sicher. Hingegen zäumt es sich auch ohne Reiter bei. Um zu imponieren, seiner Lebensfreude Ausdruck zu verleihen und zum Beispiel schwierige Böden zu bewältigen. Dabei spannt es in Sekundenschnelle das lange Band, aktiviert die Hinterhand und versetzt sich in den zweiten Gang, der de facto eine andere, eine verbesserte Innervierung des gesamten Bewegungsapparats bewirkt. Das Pferd ohne Reiter kennt jedoch keine Überzäumung. Und ganz sicher ist ihm das heute so beliebte Aufrollen des Pferdehalses völlig fremd. Es widerspricht dem Lebensgefühl des Pferd und ist dem Ablauf seiner Bewegungen fremd. Ganz im Gegenteil: „Das Pferd möchte tragen, fliegen, sich erheben ... .“
Längsbiegung und Beizäumung sind also Vorrichtungen, mittels derer das Pferd sich im Raum orientiert und seine Kraft entfaltet. Rippenbiegung und das Überbeugen des Genicks hingegen sind Machtmittel. Ja, es stimmt: Die Rippenbiegung kann adäquat und in Maßen bei der Geraderichtung und Gymnastizierung des Pferdes erfolgreich eingesetzt werden. Das Überbeugen des Pferdegenicks hingegen spricht von Verständnislosigkeit.
11. Die Sporen
- Gestern haben wir das alte Lager geräumt und nun nicht mehr nötige Gerätschaften wie steife Sättel und Hilfszügel ausrangiert. Nur die scharfen Sporen habe ich wieder probiert.
- Und siehe da! Ohne Anlegen haben beide Pferde spontan gewusst, dass ich sie trage. Ohne weiteres Zutun waren sie gut belebt. Die Klatsche und ihr Einsatz haben sich damit erübrigt.
- Die Hände genau nebeneinander. In der exakt selben Höhe und Stellung, so als wäre es nur eine. Die fallengelassenen Absätze mit den langen scharfen Sporen als Verlängerung.
- Ergeben eine ganz andere Geschlossenheit des Sitzes. Die Einwirkungen werden feiner und gleichmäßiger. Das Herausdrehen des Handgelenks in den Ecken. Und schon hat man ein Schulpferd.
- Trotzdem ist nun wieder vorwärts angesagt. Liebe Pferde werden leicht zu Marionetten. Talent und Ausstrahlung fallen in Tiefschlaf. Weckt man sie dann zeigt sich die wahre Qualität.
- Nichts ist schöner als ein kerngesundes, hochblütiges Pferd mit feurigem Temperament und guten Nerven. Ein solches Pferd ist wie die sprichwörtige Nadel im Heuhaufen finden.
- Nichts ist schöner als der zweite Gang. Den dieses Pferd einlegt, sobald es gerade gerichtet und gestärkt ist. Es kommt ohne Biegen und Dehnen aus. Und alles andere, was so leicht ins Abseits führt.
Scharfe Sporen wirken am Gurt auf gleich drei Muskulaturen ein, die im Bewegungsablauf des Pferdes und zur Kontrolle des Reiters dort strategisch plaziert übereinander gleiten. In der Reihenfolge vom Skelett zur Haut sind das
(1) der lange Bauchmuskel, welcher Sternum und Becken verbindet. Diesem benachbart ist der hintere schräge Bauchmuskel, wel-cher die Hinterhand schliesst.
(2) die vorderen Fächer des unteren schrägen Bauchmuskels, die am Runden und Biegen des Pferdes beteiligt sind und
(3) der Oberarmmuskel, welcher vom Schulter-gelenk zur Bauchmittellinie bis zur ... Rippe verläuft. Dieser setzt sich vorne in den Muskeln fort, welche die Schulterblätter heben.
Kein Wunder also, dass man meisterliche Reiter diese Gesamteinwirkung auf die untere Verspannung des Pferde mit scharfen Sporen an tiefen Absätzen geschickt und selten gleich am Gurt nutzen sieht.
12. Abwarten
- Leporellos physiotherpeutische Untersuchung ergab eine Überraschung. Nicht die schiefe Kruppe, noch sogar der ungleiche Rücken bedürfen spezieller Maßnahmen. Nein, nur sein Genick war steif.
- Zwei und zwei zusammengezählt habe ich ihn auf doppelte Zäumung umgestellt. Nun stelle ich sein Genick am gebrochenen Gebiss. Die Stange nutzt er für die Anlehnung. Er ist zufrieden.
- Ansonsten gilt es weitere Fortschritte abzuwarten. Meine Absicht: Täglich reiten. Wenig und immer wieder anderes tun. Häufig loben. Während wir so unsere Runden drehen träume ich.
- Von einer Forschungseinrichtung für Schüler. Werden sie auch in den anderen Fächer besser? Von Test-reihen mit den Haltungen des Pferdes? In welcher lernen sie am leichtesten sich zu beherrschen?
- Auch Fabian war im Genick nicht frei. Auch er stimmt der Umstellung auf zwei Gebisse und der Genickstellung am gebrochenen Gebiss zu. Und nun laboriert er nun wieder mit der Geraderichtung.
- Jeden Tag etwas weniger. Beim Antreten und Wenden, beim Anhalten und Angaloppieren träume ich von diesem blitzschnellen Pferd und was er alles können wird, wenn wir erst einmal so weit sind.
- Auch seine Untersuchung überrascht. Die Therapeutin konnte sich an der Qualität seines Rückens nicht genug erfreuen. Gerade diesen Fabian jedoch habe ich nie in Dehnungshaltung geritten.
Ausgedehnte Gespräche, das fortgesetzte Studium körperlicher Zusammenhänge und immer währende Testreihen haben in den letzten Wochen gleich eine ganze Reihe neuer Einsichten in die Reflexe des sensorisch-motorischen Systems und ihre Rolle beim Reiten gezeitigt.
13. Zeit für was Neues
- Aus dem Schritt anhalten mit C6 (dem Daumendruck). Unbewegt stehen. Nur kauen darf er. Wieder anreiten durch L4/S3 (anlegen der unteren Waden).
- Aus dem Schritt anhalten (C6). Unbeweglich stehen. Den Unterkiefer lösen mit C8 (Einsatz des Ringfingers). Wie zuvor wieder anreiten durch L4/S3 (den Einsatz der unteren Waden).
- Schritt-C6-Stehen-L4/S3-Schritt. C6–Stehen– einen Schritt rückwärtstreten–L4/S3. Diese Abfolge mehrmals jede Runde auf der linken und der rechten Hand.
In aller Ruhe im freien Schritt.
- Zu spüren ist, wie das Pferd sich mobilisiert, den Rücken hebt und aufmerksam wird. Wie die Hinterhand sich aktiviert. Nie lange stehen, nur kurz zurück gehen. Alles klein, lustig und zügig.
- Antraben durch L4/S3 (Anlegen der Waden). Anhalten durch C6 (Daumendruck). Stehen. Rückwärts. Antraben durch L4/S3. Links herum und rechtsherum.Immer wieder.
- L4/S3-Trab-C6-Stehen-Rückwärts(1)-L4/S3-Trab. Immer auf dem Schnittpunkt der großen Acht. Die Trabreprisen munter und vorwärts mit mehr Volumen und Spaß.
- L4/S3-Trab-L5/S4(Halten durchs Fallenlassen derAbsätze)-Stehen-Rückwärts (2) -L4/S3-Trab. Das Pferd bleibt so im Schwung und kann seine Rückentätigkeit besser erhalten.
Fabian wollte etwas Neues. Ich auch. Nichts ist schlimmer, als unsinnige Repetition. Die Übungen Stehen aus dem Schritt und Stehen aus dem Trab, Rückwärts und wieder antreten, waren ein einfacher Einstieg. Der ihn jedoch so gefordert haben, dass er bald aufs Gebiss drückte und sich immer wieder entschieden dehnen wollte. Da ich die nervlichen Übertragungen beim Reiten seit der Entdeckung der Dermatome und ihrer Verifikationen nun so am besten verstehe, stelle ich diese einfachen Übungen hier in neuen, den Dermatome und ihrem Verlauf im menschlichen Körper entsprechenden Begriffen dar. Der Einsatz der Hände und Beine des Reiters ordnet sich so automatisch richtig in die physiologischen Zusammenhänge des Reitens ein.
Also nicht das Anziehen der Zügel oder Bewegungen mit den Ringfingern bringen das Pferd zum Stehen, sondern der Daumendruck. Das Fallenlassen der Absätze bringt das Pferd ebenso zum Stehen und dabei bleibt es mehr auf den Hinterbeinen. Der Daumendruck (C6) wirkt auf den langen Rücken-muskel von vorne. Das Fallenlassen der Absätze (L5/S2) wirkt auf die Umgebung des Sakralgelenks (L6/S1).
Das heisst, das Anlegen der unteren Waden (L4/S3) lässt das Pferd abschieben. Das Fallenlassen der Absätze (L5/S2) lässt es sein Gewicht mit der Hinterhand aufnehmen. Möchte man mit einem zum Stürmen neigenden Pferd gesetzt antraben, kann man das erfolgreich durch ein ganz tiefes Durchtreten der Absätze, dessen Wirkung bis zum Gesäß durchdringt. Deutlich ist dann die plötzliche Wir-kung auf die Hanken zu spüren. Die Nervenabschnitt S2/3 innerviert im Menschen Gesäß und Beininnenseiten. Im Pferd sind sie im Zentrum des Sakralgelenks zu finden. Wird klar, dass halbe und ganze Parade durch das Fallenlassen der Absätzte zustande kommen? Und dass beide nur ganz entfernt und nur indirekt mit dem Einsatz des Ringfingers (C8) zu tun haben.
Die Ringfinger sind für die Beweglichkeit des Unterkiefers zuständig. Diese Beweglichkeit ist ein erstes Anzeichen der Durchlässigkeit und ihre Voraussetzung. Sie wird auch im Rückwärts angesprochen und beweist sich am prompten und fleissigen Zurücktreten des Pferdes.
14. Weiter
- Heute waren drei Pferde dran. Abends, nachdem die Gäste abgefahren und das Tageswerk vollbracht war. Gerne kamen sie herein um im Hof in der Dunkelheit mit mir zu arbeiten.
- Schön, dass Du wieder da bist. Lange geneigte Köpfe. Schön geformten Ohren. Die liebevollen Augen, treu und stolz zugleich. Keine Anklage, nur: Schön, dass Du da bist. Eine Last fällt von meinen Schultern.
- Die Schultern sind es, die ich dann auch gleich ausprobiere. Die äussere bis zum Anschlag am oberen Sternum vorneigen. Prompt wendet das Pferd. Immer wieder, rechts und links herum.
- Wunderbar, die Schulterfreiheit und die prompte Reaktion der Pferde. Noch einmal. Keine andere Bewegung ausser der einen: Die äussere Schulter vorbringen, bis es nicht mehr weiter geht.
- Die äussere Hand geht mit. Das Pferd folgt und füllt den Raum, der dabei im Zügel entsteht. Der Hals wendet in die Bewegungsrichtung, der äussere Zügel berührt den Hals, der innere lockert sich.
- Die gerade gerichtetete Pferde gehen dabei in Haltung. Nur eines möchte auf der rechten Hand weiterhin das rechte Hinterbein nicht belasten. Eine weitere Einwirkung bietet sich hier an.
- Ich schliesse meine äussere linke Hand und hebe so die Längsbiegung auf. Drehe den Oberkörper ein wenig und spüre das Pferd in die Bewegungsrichtung wenden und das rechte innere Hinterbein belasten.
Hier ist er also wieder: Der fliessende Übergang zwischen Längs- und Rippenbiegung. Diesmal im Zusammenhang der reiterlichen Schultern. Wenn die äussere Schulter bis zum Anschlag vorgeht, wenden die Schultern danach durch das Wenden im flexiblen mittleren Abschnitt des Reiters weiter und das Pferd biegt sich. Hier begleitet durch die Aufhebung der Längsbiegung. Im Zuge der Geraderichtung und Gymnastizierung geht also auch diese Kombination, wenn der Reiter weiss, was was ist und was was bewirkt. Ein gerades Pferd in sauberer Biegung, belebt und zufrieden zugleich, waren das Ergebnis.
Die oberste äusserste Ecke der Schultern befindet sich im Bereich des Dermatoms C7, welches im Menschen weiter zum Zeige- und Mittelfinger verläuft und im Pferd den untersten Halswirbel anspricht. Es ist eingerahmt von den Dermatomen C6 und C8. Die drei Dermatome (C6-8) verlaufen im Menschen nur über die Körperrückseite und innervieren Schultern, Arme und Hände. Im Pferd innervieren sie nicht nur die Halsbasis, sondern vermutlich auch die Vorderbeine. Obwohl wir das wahrscheinlich nie herausfinden werden. Denn wie soll das ohne die Möglichkeit der expliziten Rückmeldung erforscht werden?
Im Menschen werden die Dermatome C6-8 von den Dermatomen C5 und T1 eingerahmt, die auf der Vorderseite des Oberkörpers parallel ober und unterhalb des Schlüsselbeins verlaufen, und weiter den inneren Arm hinunter bis zu einem Punkt mitten im Handgelenk. Durch diese Anordnung überträgt sich ein Reflex zwischen den Schlüsselbeinen über das Sternum auf das Heben des Brustkorbs und via Schlüsselbeine auf Schultern, Armen und Hände.
Forscht man weiter, dann entdeckt man folgenden Zusammenhang. Der Reflex zwischen den Schlüsselbeinen, nennen wir ihn C5/T1, liegt im aufrechten Oberkörper dem Reflex C8 genau gegenüber. Der eine wirkt von vorne und der andere von hinten auf die selben Komponenten ein, jedoch mit anderer Zielvorgabe. Einer (C5/T1) stellt die aufrechte Haltung des Brustkorbs sicher, der anderer (C8) steuert Ring und kleine Finger. Sag man nicht, „ ...um den kleinen Finger wickeln“ (und meint damit einen Menschen) oder, „ ...den hab ich am Ringfinger“ (und spricht dabei vom Pferd).
Eine ähnliche Symmetrie besteht in der Mitte des Oberkörpers. Dem Bauchnabel (im Dermatom T9) liegt das Ende des zentralen Nervensystems im obersten ersten Lendenwirbel (L1) genau gegenüber. Die Bedeutung dieses Zusammenhangs probiert der Reiter am besten am eigenen Leib aus. Wenn er den Bauchnabel nach oben verlegt gleichgewichtet sich sein Becken und die Wirbelsäule wird zur Säule. Von L1 (via das vom obersten Lendenwirbel zu den Leisten verlaufende Dermatome L1) beherrscht er den Unterkörper.
Frage: Tun sich hier körpereigene Faktoren auf, mittels derer der Reiter nicht nur seine Haltung sondern zugleich das Pferd beherrscht? Für den Evolutionisten sind solche Zusammenhänge über Jahrmillionen rein zufällig entstanden. Er kennt keinen, dem er sein Erstaunen über ein solches Wunder funktionellen Designs ausdrücken und seinen Dank aussprechen könnte.
15. Routinen
- Folgende Lektionen bewähren sich für Fabian. Halten rückwärts antreten. Längsbiegung Rippenbiegung. Trab Galopp. Schritt unter dem Sattel, und an der Hand. Alle machen das Pferd besser.
- Er kommt für einen Wechsel von Übungen, die den Schub der Hinterhand kräftigen und die Hanken beugen drei- bis viermal die Woche dran. Ansonsten lebt er draussen in einer Gruppe nicht weit vom Haus.
- Es geht ihm ums Ritual. Schon am Nachmittag stallen wir ihn mit seiner Freundin und den anderen, die am selben Abend dran sind auf. Alle bekommen immer wieder kleine Mengen Heu. Und dann ist es soweit.
- Begrüßen, halftern, zum Putzplatz führen. Putzen, satteln, führen. Und dann endlich das ersehnt Ereignis des Tages: Sein Ritt ... . Nicht zu kurz und nicht zu lang. Absitzen, loben, danken. Absatteln, bürsten.
- Hals und Genick massieren und die Sporenlage, bis hin zu den Muskulaturen des Oberarms. Wenn nötig auch um den Kraftschalter im Lendenbereich. In die Box: Kraftfutter, Heu und sich wohl fühlen.
- Am nächsten Morgen erst geht es wieder hinaus. Auf der Weide leben sie in Wind und Wetter zusammen. Und denken über das nach was sie erlernt und am eigenen Leibe erfahren haben.
- Beim nächsten Hereinholen sind sie munter und voller Erwartung. Auch Leporello, der links nachgegeben hat und nun im Schultervor vorwärts gehen und sich kräftigen wird, bis er gleichseitig und mobil ist.
Der rolf movement practitioner Hubert Gordon spricht von einer Mittellinie des Leibes. Diese versteht er im Zusammenhang eines archaischen Gehirnanteils als zuständig für autonom gesteuerte intrinsische Muskelleistungen, die jeder sichtbaren Bewegung vorausgehen. Solche auch tonisch genannten Leistungen des Bewegungsapparats sind unbewußt und setzen ohne Aufforderung ein. Sie gehören quasi zur Grundausstattung des Lebens in den Kräftefeldern der Erde. Ihre Ergebnisse, die sichtbaren Bewegungen und oder Gesten eines Menschen, lassen sich durch Bewußtsein verbessern. Die tonische Muskulatur reagiert auf das Kräftefeld der Erde, die phasische untersteht dem menschlichen Willen. Fliessend-anmutig-effektive, scheinbar ohne jeden Kraftaufwand entstehende Bewegungen haben ihren Ursprung in der Mittellinie. Das vom archaischen Gehirn informierten, tonischen Muskelsystem hat Gefühl für Raum und Stellung in der Schwerkraft und steuert den Körper entsprechend auf Bahnen minimalsten Aufwands.
Ein Befund, der sich bei der Geraderichtung junger Pferde immer wieder ergibt bestätigt sich hier: Geraderichtung behindert zunächst die Mobilität. Die Motilität, das vom alpha motor informierte Lebens- und Bewegungsgefühl geht verloren. Deshalb also das junge Pferd nur langsam gerade richten und - nach Udo Bürger – schief fröhlich weiterreiten. Auch das Pferd scheint eine solche Mittellinie in sich zu tragen. Sie erklärt, warum es bei der Geraderichtung abschnaubt, obwohl die ungewohnte neue Stellung und Haltung seines Körpers zunächst fremd ist und seinem Lebensgefühl so gar nicht mehr entspricht. Und trotzdem schnaubt es ab! ... ? Es ist als erkenne es in der Geraderichtung seine wahre energetische Form und - wenn sein Körpers sich erst einmal mit dieser vertraut gemacht hat - entdeckt es den alpha motor wieder und – allez hopp – ist im zweiten Gang. Und dann ist alles richtig. Alles ist wahr.
16. Eine schöne Stute
- Schön war sie, die Fuchsstute. Elastisch und bewegt, mit stolz erhobenem Hals und frei getragenem Kopf. Noch von der Ferne überzeugte sie durch Ausdruck und Geschlossenheit.
- Aber schon bei der Arbeit an der Hand stellten sich die ersten Fragen. Sie wirkte merkwürdig steif und unkonzentriert. Als sei sie nicht ganz da und stimme nicht ganz zu.
- Unter dem Sattel strahlte sie dann wieder. Und nur langsam wurde deutlich, dass sie in und für sich schön und elegant, dabei aber wie getrennt vom Reiter daher lief.
- Zum ersten Mal verstand ich vollends die schwebenden Tritte. Die Beine hoben sich nicht einfach und setzten wieder auf, sondern bleiben Sekundenbruckteile in der Luft stehen.
- Und sie eilte. Daran änderte auch das immer weiter Voranreiten nichts. Die Geschwindigkeit ihrer wie gestochenen Bewegungen trug sie aus dem Zirkel. Immer weiter war sie zu flott.
- Immer enger wurde der Hals, immer tiefer kam die Nase. All die Weil war ihre Schweifrübe permanent nach rechts geneigt. Weder die Geraderichtung noch die Linksbiegung kamen zustande.
- Es war eine schöne Stute, aber nichts war schön daran, wie sie sich unter dem Reiter präsentierte. Wie sie ihre Reiterin mit Nichtachtung strafend nur tat was sie wollte (Fortsetzung folgt).
Denke ich beim Laufen an Größe und T4/5 (zwischen meinen Schulterblättern), ergreift mich ein Rückenwind und beflügelt meine Beine. Meine Augen erwachen und ziehen mich zum Horizont.
Beim Pferd ruhen auf dem vierten und fünften Rückenwirbel die Schulterpuffer, die den Schwung der Hinterhand aufnehmen. Sie werden von den längsten Dornfortsätzen gestützt. Um die vierte und fünfte Rippe setzt am Sternum die untere Verspannung des Pferdes an. An der Oberlinie beginnt an T4/5 der Hals. Die Muskulaturen der Oberlinie und des oberen Rückenmuskelsystems greifen hier.
Sucht man die Dermatome T4/5 im Menschen, so findet man sie mittig zwischen den genannten Reflexpunkten C8 und T1. Auf der Vorderseite des Körpers befinden sich in ihrem Verlauf die Brustwarzen. Frage: Tut sich hier eine ähnliche und gleichermaßen bezeichnende Korrelation auf, wie die zwischen Reiter und Pferd in S2/3. Gesäß und Beininnenseiten werden von den Dermatomen S2/3 innerviert. Der Nervenabschnitt S2/3 befindet sich genau im Sakralgelenk des Pferdes. Der Pferdes ureigenste Natur – vorwärts - und die offensichtliche Grundlage des Reitens, des Reiters Gesäß und Beininnenseiten sind in S2/3 vereint. T4/5 befindet sich am höchsten Punkt des Pferdeskörpers. Von hier erhebt es sich. An T4/5 erwachsen dem Menschen Flügel. Hier findet auch der Säugling seine Nahrung. War es nicht Gottes aller erstes Gebot? „Zieht aus und bevölkert die Erde“. Und dafür hat er den Menschen ausgestattet. Mit Transportmitteln und Nahrung? Ja, ich weiss. Der Evolutionist sieht hier nichts.
17. Die schöne Stute (Fortsetzung)
- Beim anschliessenden Korrekturberitt trat das Dilemma vollends zu Tage. Der Kommentar der nächsten Reiterin: „Ein kluges, williges Pferd. Bemüht, sensibel, aber auch verärgert“
- Zuerst, um dem Eilen ein Ende zu machen, versammelter Schritt mit hoch erhobenem Hals. Immer wieder Stehen und in der Genickstellung den Unterkiefer lösen. Sich langsam tastend wie auf Glatteis bewegen.
- Die Stute willigt ein und macht es. Trotzdem der kommt der Kommentar: „Hier oben gibt es keine Verabredungen. Es ist wie am Limit operieren. Alles kann passieren“.
- Es bleibt beim versammelten Schritt. Eine Volte rechts, bis sie bei hoch erhobenem Kopf in den Rippen rechts nachgibt. Der Schweif hebt sich. Stehen, den Unterkiefer wieder beweglich machen.
- Immer weiter Volten rechts bis es zur gewünschten Beweglichkeit des Pferdes kommt und es beginnt zu zustimmen. Dann erst der erste Versuch links herum.
- Das Genick links gestellt, der Hals nach links gebogen geht es auf die Linksvolte. Die Stute hebt den Kopf und man hört es fast Knirschen, als die Kruppe zum ersten mal nach links schwingt.
- Nun ist die locker gehobene Schweifrübe in der Mitte. Sie gibt links in den Rippen links nach und richtet sich gerade. Warum konnte ihre ständige Reiterin dies nicht bewirken? Warum hat sie nichts gefühlt?
Der Mensch hat also einen Bewegungsapparat. Das sind Skelett und Muskel, das was sie verbindet und innerviert. Er hat einen Stoffwechsel, der von den Organe und weitere Kommunikationssystemen bedient wird. Hinzu kommt die lebende Matrix, in die alles eingebettet ist, samt der Haut, die alles umhüllt. Bewegungsapparat, Organe, Kommunikationssysteme und sogar der Matrix sind muskulär gestützt. Werden diese Muskulaturen bewußt oder unbewußt gesteuert? Wer kontrolliert sie? Für das Herz lässt sich diese Frage relativ einfach beantworten: Es tickt automatisch. Bei den Lungen ist das schon nicht mehr so klar. Der Mensch atmet auch im Schlaf weiter. Er kann jedoch auf den Atem auch Einfluß nehmen. In der Bewegung stellen sich diese Fragen noch einmal ganz anders. Denn jede willentliche Bewegung braucht eine Vorbereitung und Begleitung, die unerkannt bleibt. Zudem sind wenigstens einige Bewegungsmuskulaturen ständig im Dienst. Die welche den Unterkiefer schliessen zum Beispiel, wie Feldenkrais so treffend vermerkte.
Wie aber fügt sich das Ganze nun zusammen? Ich erinnere mich an einen Spaziergang, den ich mit dem Ziel unternahm, endlich meinen zu hohen Blutdruck in seine Schranken zu verweisen. Gewaffnet mit nur einem Mittel, dem Anhalten des Atems und dabei bis fünf zählen (nach Zilgrei). Auf diesem Spaziergang geriet ich in einem der normannischen Hohlweg in ein Schlammloch, plumste auf mein Gesäß und war hoffnungslos in der Falle. Ausser, dass irgend etwas in meinem Körper autonom tätig wurde und ich mich wie von Engelshand gehoben, stehend am Rande des Lochs wiederfand. Nur den Hosenboden voller Schlamm. Was war passiert?
18. Nach der Pause
- Gestern wirkte Fabian nach drei Wochen Pause auf der Wiese ein bisschen erstaunt. Trotz bester Zeugnisse der Physiotherapeutin wird erneut klar, dass sein Bewegungsapparat nicht störungsfrei ist.
- Er weiss es und beginnt einen Grund für seine Ängste ausserhalb seines Körpers, in einem Gespenst gleich um die Ecke zu suchen. Trotzdem nimmt er mich gut mit und ich sitze sicher.
- Wir beginnen bei Wind und Wetter mit Schritt am langen Zügel. Er ist flüssig und bald kann ich alles abrufen was er kann. Und dann probiere ich die neue Führung der Gebisse aus.
- Der Trensenzügel zwischen Zeigefinger und Daumen bremst ihn erwartungsbemäß. Eine sichere Anlehnung an die Kandarrenstange kommt nicht sofort zustande. Hebt die Zügelführung den Kopf oder sind es meine Hände?
- Im Tempo fühlt er sich so zwischen nun vier und nicht mehr nur zwei Berührungspunkten am Hals gut eingerahmt an. Er spürt die verstärkte Einwirkung, fährt hoch und regt sich sogar ein bisschen auf.
- Beim Anhalten hat er eine Frage. Soll es ins Rückwärts gehen? Im Vorwärts zäumt er sich bei und geht in Leistungshaltung gut vorwärts. Nur zur Gymnastik kommt es nicht.
- Kann es sein, dass dies die Zügelführung für das das fitte Pferd im zweiten Gang ist. Mir fehlt die sanft gleitende Einwirkung des eingedrehten inneren Handgelenks beim Biegen (Fortsetzung folgt).
Die Mittellinie. Dr. Ida Rolf: "Mein spontaner Eindruck ist, dass das Mesoderm den Zugang zur Kontrolle der autonomen Körperfunktionen hält". Neulich, als ich Fabian auf der rechten Hand ins Schultervor brachte, richtete er sich auf einmal und ohne Vorwarnung spontan gerade. Etwas Schlankes, Agiles hat sich dabei in seinem Allerinnersten getan. Klasse hat es sich so angefühlt, kerzengerade, leicht und beweglich.
Noch einmal Dr. Rolf: „Reflexpunkte – egal wo im Körper – sind höchst wahrscheinlich Endpunkte muskulär-faszialen Stresses. Ich nehme an, sie sind das Resultat eines Ungleichgewichts, welches sich auf kompensierende Art und Weise vom Körperinneren auf die Körperoberfläche überträgt“. (Es stimmt wirklich, so hat sie es ausgedrückt). Und genau das ist die Frage. Sind die Reflexe mit deren Hilfe ich meinen Körper seit ihrer Entdeckung so erfolgreich aus falschen Haltungen erlösen kann, nur meine? Oder besitzt jeder sie? Stellen Sie sich einmal vor, was letzteres bedeuten würde. Alle dem rolfing zugeschriebenen Ergebnisse liessen sich auch durch die Kenntnis und den Einsatz einiger simpler Reflexe auslösen? Nur so, ohne groß anzuhalten und ohne in-put einer anderen Person. Der autonome Mensch, der alles was er auf Erden braucht in sich trägt.
Ida Rolf scheut auch die weiter gehenden Zusammenhänge nicht. Sie benennt, was unsere Sprache schon formuliert hat. Der aufrechte und der aufrichtige Mensch. Das ist nicht immer das selbe. Beflügelt sein kann auch der Krumme. Und doch entstammen diese Begriffe einer im Körper vorhandenen Realität. Und entfaltet sich nicht nur das Mesoderm, sondern auch das Leben selbst? „Jeder Mensch strebt nach Höherem“, ist ein Werbespruch, den ich gerade las. Und Ida sagt: „Gott versorgt den, der tut was er will,“ und bestätigt dies durch eigene Erfahrung und die Beobachtung ihrer Patienten.
19. Nach der Pause (Fortsetzung)
- Und aus Erfahrung kenne ich die Rückschritte, die sich nach zu plötzlichem Hochfahren einstellen. Das Pferd kann immer nur nach und nach von 0 auf 100 fahren. Nuno Oliveira sagte dazu:
- „Es ist einfach, etwas im Pferd zu erreichen. Sehr viel schwerer ist es, einmal Erreichtes zu wiederholen“. Am nächsten Tag also Schritt. Schon da wird klar, dass Längsbiegung und inneres Hinterbein fehlen.
- Der Ritt ist gelassen. Er geht gut voran und fährt im Wechsel von Aussitzen und Leichttraben hoch. Gelegentlich wechseln wir kurz in den Galopp. Auf der rechten Hand richte ich ihn gerade.
- Immer wieder halten wir nur durch das Fallenlassen der Absätze an und ich denke über das wiederholte Lösen des Unterkiefers nach. Sollte das Pferd nicht als Ausdruck seines Wohlbefindens ständig kauen?
- Vielleicht war ich unachtsam heute. Nach und nach wird die linke Seite zum Problem. Alles ist irgendwie komisch. Es fühlt sich an, als sei die Justierung verloren gegangen.
- Ich probiere ein bisschen weiter, steige dann ab, belohne ihn für Bemühen und Ehrlichkeit und nehme ihn an die Hand. Gar nicht lange und der Grund der Schwierigkeiten wird klar. Das linke Hinterbei klemmt.
- Immer nur zögernd hebt er es vor und senkt es, tritt auf und schiebt weiter. Im Schulterherein links touchiere ich das klemmende Bein. Dankbar löst er sich und richtet seine Kruppe auf.
Bei genauerer Untersuchung stellt sich heraus, wie sehr sich meine ganz linke Seite von meiner rechten unterscheidet. Und dann eröffnen sich die Unterschiede auch dem Augen. Gewappnet mit einem großen Spiegel und etwas Zeit zur Hand geht es an ausgleichende Übungen. Nur - wie die weit herausstehende linke Schulter hereinbringen. Wie die Taubheit in der linken Armkugel beheben. Wie die Blockade in der rechten Schulter, die sich gelegentlich bei Bewegungen der linken Schulter einstellt vermeiden. Und Erinnerungen kommen hoch an Unfälle, die die Folge von fehlender Integration in die Kräftefelder der Erde waren. Und ich habe begonnen mit der linken Hand das Brot zuschneiden, den Tee einzugiessen, den Topf zu schrubben, und so weiter.
20. Sensibilität und Gleichgewicht
- Seit längerem schon schwant mir, dass mein Vorgehen rechts im Schultervor gerade richten und links im halben Schulterherein die Rippenbiegung vorbereiten auch Nachteile haben könnte.
- Dies zeigte sich zuerst in einem Bericht des Jahres 2005 von zwei verschiedenen Haltungen. Rechts im Schulterherein ist die Oberlinie eher flach. Links im viertel Schulterherein ist sie eher gerundet ... .
- Und die Bemerkung einer jungen Reiterin/Ostheopatin kommt mir in den Sinn, die auch Zilgrei bestätigt: Erst in die Richtung, die leicht geht und dann erst in die schwierige Richtung.
- Das heisst den rechts ohnehin zu runden Fabian erst noch mehr rechts biegen und runden, um dann die Rippenbiegung links zu erzielen und ihn erst danach gerade richten. Wie zuvor gesehen ... .
- Vielleicht auch ein Möglichkeit, vorallem für Pferde, die in jungen Jahren nicht geradegerichtet wurden. Was wegfällt ist die vorläufige Geraderichtung und die Stärkung im Gelände.
- Heute saust ein Sturm über die Normandie. „Und ... ?“ sagen die Pferde und möchten raus. Leporello sieht nach drei Wochen auf der Weide schlank, fit und schön aus.
- Sie kennen ihr Habitat. Als ich ihn bei Sturm und Regen rausbringe ist er gelassen. Für mich ist es ungewohnt. Die Geräusche, das Zausen des Windes in den Baumkronen, Hagelkörner im Gesicht.
Es ist Weihnachten. Fabian schenkt mir zum ersten Mal den erlernten zweiten Gang; Fiona erfeut mich durch ihr Bemühen. Die kleine Fallada ist stolz und lieb zugleich. Der schlanke, schöne Leporello verbringt die Festtage mit den anderen draussen. Auch Secret Taboo und Pepita müssen noch warten. Wie die eigene Kraft verdoppeln und die Zeit dehnen wie ein Gummiband? Als ich aus dem Haus trete empfängt, füllt und umhüllt mich die frische Luft wie Champagner, mit Geschmäckern und Gerüchen der weit entfernten Welt.
21. Der erlernte zweite Gang
- Habe mir wieder Nuno Oliveira vom Regal geholt und allen Ernstes mit dem Schulterherein die klassische Ausbildung der Pferde begonnen. Die Böden sind gefroren. Es bleibt bei einem Hufschlag aus Stroh.
- Alle reagieren fröhlich auf die veränderte Tretschicht. Eine zu Winteranfang sich wiederholende Freude. Die Pferde sind fit. Der Fellwechsel ist überstanden. Keine Fliege ist in Sicht.
- An der Hand und unter dem Sattel zeigen sie sich von ihrer schönsten Seite. Vorbei ist das Sausen über die Felder. Eine neues Zeitalter ist angebrochen. Die Pferde werden nun gymnastiziert. Warum jetzt?
- Die Übertragung von Filmabschnitten des Meister selbst !!! Welche Beweglichkeit. Welche Zustimmung. Welche Bereitschaft mitzumachen, es dem Reiter recht zu machen. Welches Wohlgefühl.
- Unsere Pferde sind nicht mehr jung. Sie wollen nicht mehr nur über die Felder fliegen, sondern sich kennen lernen, geschmeidiger, geschickter und gesünder werden. Warum habe ich das solange nicht begriffen?
- Auf Fabian wird wieder klar warum. Es sind seine Schiefen, mehr jedoch noch meine Schiefen. Lange war es das Sinkenlassen der rechten Hand. Heute war es das Öffnen meinen linken Ellebogens.
- Mit Geduld und Spucke haben wir daran gearbeitet. Im Schulterherein. Beim anschliessenden Trab mit gelegentlichem Halten ging er in Reisehaltung auf gut gesenken Hanken in den zweiten Gang.
Lange schon vermute ich diesen Zusammenhang. Reiter und Pferd erarbeiten im zweiten Ausbildungsziel an nichts anderes als den zweiten Gang, der nun nicht mehr spontan, sondern als Resultat richtigen Vorgehens zustande kommt. Eckpfeiler und Grundvoraussetzung: Geraderichtung, elastische Hanken, biegsames Rückgrat (erninnern Sie sich an die Ausführungen zum Biegen: Genau diese Wirkung kommt nun zum Tragen) und Freiheit des Hals und Kopfes. Wenn das Pferd den zweiten Gang einlegt hebt sich die Vorhand. Es nimmt eine vorwärts-aufwärts gerichtete Anlehnung an die Hand des Reiters auf und sagt: „Nun, mein Herr, bin ich fit. Sag mir was ich tun soll.“ Klasse!
Folgendes sagt Nuno Oliveira über das Schulterherein und es erinnert mich daran, dass gerade seine Reiterei es war, die meine Untersuchungen zur Physiologie auslösten. Ganz ohne mich in der Lage zu wähnen, sein Können je zu erlernen.
Im Schulterherein muss das Pferd
- am äusseren Zügel geführt werden
- an beiden Händen leicht sein ohne zu ziehen
- dem inneren Bein (berühren/lösen) weichen
Der innere Zügel wirkt in Richtung der äusseren Reiterschulter. Der Leib des Reiters ruht auf dem Zentrum des Pferdes (dazu mehr später im Zusammenhang der sanften Machtmittel). Der Reiter muss den Grad des Nachgebens im Pferd spüren und mit den Hilfen entsprechend nachlassen. Er führe zuerst mit dem äusseren Zügel die Vorhand herein und gebe dann mit dem inneren Zügel die Biegung (hier erinnere ich mich an das eingedrehte Handgelenk). Man reite im langsamen, nicht überstürzten Schritt. Gelegentlich lege man eine Volte ein, um das innere Hinterbein zum Tragen zu bringen. Man strebe eine Abstellung von 45 Grad an. Die Halbspannung beider Zügel muss genau gleich sein. Die Wirkung des Innenzügels muss am Aussenzügel abprallen (also nicht am Unterkiefer des Pferdes). Im Trab eine gute Kadenz wahren. Immer wieder im Schulterherein stehen bleiben und daraus wieder anreiten, später antraben. Im Schulterherein die Hand wechseln, weiter im Konterschulterherein (nicht im Renvers). Dann die Zügel aus der Hand kauen und das Pferd sich mit sinkendem Hals gerade richten lassen.
Ich füge Folgendes hinzu. Es ist eine präzise Anweisung, die - genau so ausgeführt - sofort ein korrektes Schulterherein liefert. Das Pferd diagonalisiert sich. „Schulterherein heilt alles,“ sagt Nuno Oliveira in einem anderen Buch. Es bleibt, die Diagonalisierung des Reiters genauer zu untersuchen. Und einen gangbaren Weg der Geraderichtung aufzuzeichnen, für solch schiefe Reiter wie mich.
22. Wieder im zweiten Gang
- Fabian ist heute, nach zwei Tagen Schritt an der halblangen Longe mit gelegentlichen Vorhandwendung, unter dem Sattel im Trab so gut wie sofort wieder in den zweiten Gang gegangen.
- Auffällig war, wie viel geschmeidiger er die Richtung gewechselt und wieviel spontaner er auf meine Hand, Ellebogen und Schultern regiert hat. Wie eine Wolke.
- Langsam komme ich dahinter, wie ich meine Schiefe bearbeiten kann. Einseitige und diagonale Dehnungen. Die Verschiebung der Schultern nach rechts und links.
- Die ganze rechte Seite ist kräftiger und verkürzt. Die linke Seite ist länger und weicher. Ich entdecke Übungen, bei denen die rechte Seite sofort zugreift und tätig wird.
- Fordere ich die linke Seite auf tätig zu werden, lässt deshalb die rechte Seite nicht automatisch ab. Und das Auffordern stellt sich als einfacher heraus, als das Lassen.
- Viele Erscheinungen erklären sich so. Nicht zuletzt mein schiefes Gesicht. Weiterhin tendiert der linke Ellebogen dazu sich vom Körper abzuheben, die rechte Hand will sinken
- Kein Wunder, dass Fabian sofort gerade wird und in den zweiten Gang will, wenn ich diese Einzelheiten korrigiere. Wenn ich sie immer weiter beachte, bis sie hoffentlich bald zur Gewohnheit werden.
Heute nachmittag im Freilauf hat Fabian sich über Pepita geärgert. Schnell hat er sein langes Band von vorne gespannt, ist hochgefahren und hat ihr die Meinung gesagt. Danach traten alle Merkwürdigkeiten seines Bewegungsapparats wie schon lange nicht mehr deutlich in Erscheinung. Heben der Vorhand. Hin- und Herschwingen des gehobenen Halses. Wenden in Aussenstellung. Blitzschnelles Starten und Stoppen. Alles in allem das Bild eines rapiden, von Körperangst ständig bedrohten Pferdes.
Und ich erinnerte mich seiner frühen Jugend. Der noch fast schwarze kleine Fabian hatte keine Schwierigkeiten wie ein strammer Soldat in atemberaubenden Trabbewegungen Runde um Runde zu ziehen. Mit hoch erhobenem Haupt, den mittleren Rückenabschnitt gesenkt, die Kruppe gehoben, die Hinterbeine breit fußend. Ganz so, wie es keinem Reitpferd hilft sich für seinen Reiter einzusetzen.
Keine Wunder also, dass die im Zuge seiner Verwandlung zum Reitpferd verloren gegangene Mittellinie nun vom Reiter kommen muss. Darum wohl fordert er mich auf ihn "richtig" zu reiten (ich erinnere mich an den entsprechenden Blogeintrag). Deshalb seine Dankbarkeit, wenn ich es richtig mache. Abends war unter dem Sattel erst einmal Dehnungshaltung angesagt.
23. In Zukunft
- Und wieder stellt sich heraus, dass nur vorwärtsreiten keine Lösung ist. Fabian war fleissig, gerade und bemüht. Ich war müde und in Gedanken anderswo. Langsam schlich sich wieder ein Problem auf der linken Hand ein.
- Angezeigt durch meine linke Schulter, die statt meiner rechten vor wollte. Die Idee die Verspannung im Vorwärts zu lösen erwies sich als falsch. Nach einem Rechtsgalopp im perfekten Gleichgewicht der Handwechsel. Links angoloppieren.
- Sitzen, aufrichten und - ... fast war ich unten. Ich habe laut geschimpft. Wenigsten sollte er wissen, dass ich überrascht und verärgert war. Und doch hatte ich einen Fehler gemacht hat. Und er hatte Grund böse auf mich zu sein.
- Ich habe ihn abgebürster, entwurmt und auf die Weide gebracht. Bald kommt ein neues Jahr. Fiona kam herein und hat die Tour mit den Kindern gemacht. Sie liess sich erst im zweiten Anlauf einfangen, hat dann aber mit einer Überraschung aufgewartet.
- Nach kurzer Lösungsphase ging sie beim Antraben an der Hand spontan in Haltung. Gerade und hoch aufgerichtet hat sie die Funktionen des oberen Halses genutzt um ihre Hinterhand zu aktivieren. Sie will nun nutzen was sie verstanden hat.
- Profitiert haben die Kinder. Die inzwischen fünfjährige Rahel hat im Sommer auf Pinochio und Miraculix Erfahrung gesammelt. Monatelang hat sie zu Hause ihren Holzbock geritten. Auf Fiona saß sie heute aufrecht und gestreckt und trabte in vollkommenem Einklang.
- Ihr kleiner Freund hob sein Haupt, dehnte seine Mittelpositur und wurde so spontan zum Reiter. Ihre kleine Freundin saß mit erstarrter Miene und totem Körper - aber immerhin oben. Schon am nächsten Tag war wenigsten der Schritt angesagt.
Man hätte es sich denken können. Nun, da alles mit den Kleinen klappt wollen auch die Eltern reiten. Und sie haben es ja auch verdient. Nach dem Tageswerk, wenn die Kleinen schlafen.
Zwischen dem Reitenlernen der Kinder und dem Reiten der Erwachsenen gibt es jedoch einen entscheidenen Unterschied. Von den Kleinen erwartet keiner, dass sie das Pferd anleiten. Vom Erwachsenen erwartet man, dass er das Pferd beherrscht. Die Hilfen - auch des Anfängers - müssen deshalb stimmen sobald er oben sitzt. Das setzt voraus, dass er das Wesen des equiden Bewegungsapparat und seine Schiefe erkannt hat. Noch bevor er zum ersten Mal aufsitzt müssen solche Themen wie die Haltungs- und Impulsübertragung zwischen Reiter und Pferd und die Arbeitsteilung dieser so verschiedenen Lebewesen geklärt sein. Das Pferd ist ein Fluchttier. Auch das muss der Reiter wissen und ruhig ohne Muskeleinsatz oben sitzen.
Wenn er entsprechend vorgeht hat er die Chance das Pferd zu erfühlen und ihm das, was er zunächst vom Boden abfragt auch vom Sattel zu bewirken: Das Tragen des inneren Hinterbeins, das Schultervor und die Genickstellung. Alles im Schritt, und erst danach die ersten Trabtritte. Derweil richtet er sich selbst gerade, richtet sich auf und wird zum Reiter. Anfangs läuft noch einer mit, aber schon bald bestimmt er das Tempo.
24. Vorschau
- Heute ging es bei schlechtem Wetter nicht aufs Pferd, sondern auf einen ausgedehnten Internet-Surf. Nicht lange und eine ganze Anzahl von Sites kam hoch, die an Hand kurzer und längerer Videoclips Pferde unter dem Sattel präsenieren.
- Unglaublich dieses Internet. Was es da alles zu sehen gibt! In aller Ruhe lässt sich studieren, was Reiter zu Pferd tun. Wie sie reiten. In welche Haltungen sie ihre Pferde bringen. Womit sie ihre Zeit im Sattel verbringen.
- Allen voran Dressurhengste, die zur Zucht angepriesen werden. Dann die privaten Videos, mittels derer Besitzer der Freude an ihren Pferden Ausdruck verleihen. Seltener Ausbilder, die auf diese Weise ihre Methoden darstellen.
- Am meisten imponiert haben mir die Aufnahmen eines Reitschülers von Nuno Oliveira. Zu sehen ein Schimmel im modernen Reitpferdetyp, gezeigt in einer Galopptour, die sich zu Dreierwechseln steigerte. Zu hören des Lehrers stimme.
- Dieses Pferd ging ohne jede Unterbrechung bei leicht geöffnetem Genick in hoher Leistungshaltung. Seine Anlehnung war regelmäßig, das Gleichgewicht perfekt. Wie ein Pegasus, der gleich abhebt. Unglaublich. Und doch wahr.
- Erst gegen Ende der Tour wechselte das Pferd mit der Steigerung der Anforderungen in die Arbeitshaltung. Und dann waren Pferd und Reiter die Anstregung auch anzusehen. Trotzdem, was für ein Unterschied zu den Pferden Warendorf-Style.
- Zum Teil in tiefster Dehnungshaltung. Nie ganz gerade. Immer etwas auf der Hand. Die Reiter oben, aber wie ohne Kontakt zum Pferd. Eine ganz andere Welt, die von Aufrichtung, Stolz und Fliegen scheinbar gar nichts wissen will. Schade, meine Landsleute.
Ida Rolf nennt das Hüftgelenk das Gelenk welches über die Symmetrie des Körpers entscheidet. Eindeutig ist es, dass die menschlichen Beine das Becken nicht nur im Stehen unterstützen, sondern in der Bewegung ein dynamisches Gleichgewicht bewirken, in welchem das Hüftgelenk die Hauptrolle spielt.
Die Wechselwirkung zwischen der Lendenwirbelsäule, dem Kreuzbein (dem das Becken fest verbunden ist) und dem Oberschenkel wird vom Iliopsoas bestimmt. Diese drei Muskeln, die Lendenwirbel, Becken und den oberen Oberschenkel über (an den Hebeln) und unter dem Hüftgelenk verbinden halten die Wirbelsäule aufrecht.
Es ist jedoch durchaus möglich, dass ein Mensch seine Wirbelsäule vom unteren Ende her nicht aufrecht hält. In diesem Fall verkümmert diese Muskelgruppe, weil andere Muskulaturen ihre Aufgabe übernommen haben. Man ahnt, dass alles gesagt auch für das Pferd gilt und es im Pferd nicht anders ist.
Nachwort
Der Leser wird meinen Ansatz erkannt haben.
Auch diesmal war es sinnvoll sich am Ideal zu orientieren. Obwohl sich das Ideal anderes als erwartet darstellte. Nicht der aufrechte, sondern der neugeborene Mensch entspricht heute dem Ideal auf Erden. Nach Platon kam Christus. Und mit ihm Wunsch, Wille und Weg auf Erden heil und heilig zu sein. Die aufrechte Haltung, die innere, wenn der Körper nicht mitmachen will, ist dafür zentral. Erstaunlich, andersherum geht mit der körperlichen Aufrichtung eine Ahnung des Heil- und Heiligseins einher. Erinnern Sie sich der retroaktiven Wirkungen? Das tiefe Verlangen der Kinder auf den Pferden zu flitzen (wie unsere Enkelin es nennt) hat diesen Zusammenhang erneut bestätigt.
Diese Studie ist Tagebuch, Forschungsjournal und die Bemühung, Beobachtungen zum Thema Haltung gleichwertig darzustellen. Sie besteht aus Erzählungen, Geschichten und Geschichte ebenso wie der Darstellungen relevanter wissenschaftlicher Hintergründe. Alles nach dem interdisziplinären Motto: Nur ja nie nur ein Sache sagen. Denn so funktioniert der menschliche Geist nicht. Denn das entwürdigt den menschliche Geist. Deshalb fehlen auch weltanschauliche Ansichten nicht, die ohne Apologetik nach meiner Auffassung der historischen Wahrheit entsprechen.
Diese Studie enthält die Darstellung einer Reitlehre, die sich seit den Anfängen des Study-Horsemanship im Jahre 2001 herauskristallisiert und so immer wieder bewährt hat. Dennoch ist diese Studie ein Anfang. Es geht nun um die Ausbildung der Pferde, die bisher der Grundlagenforschung gedient haben. Und um die Schiefen (die Abweichungen vom körperlichen Ideal also) die Mensch und Pferd darin hindern die gemeinsamen Mittellinie aufzunehmen und zu fliegen. Und - wer weiss - vielleicht geht es auch um ein neues Verständnis des Evangeliums und eine erneute Renaissance.