Christine Sander 15/2/08
Das Gleichgewicht des Reiters
In seinen DVDs zur Sitz- und Hilfenschulung spricht Craig Stevens wiederholt vom Reiter, der „... im Gleichgewicht sein muss“. Er sagt damit nicht Neues. Neu ist die folgende Unterscheidung. Sitz und Haltung des Reiters sollen nicht nur aussehen, als seien sie im Gleichgewicht. Nein, der Reiter muss im Gleichgewicht sein. Offensichtlich gibt es also einen Unterschied zwischen dem Reiter der im Gleichgewicht ist und einem Reiter, der nicht im Gleichgewicht ist, egal wie gut zu Pferd es aussieht.
Nun gut. Nur, wo liegt der Unterschied?
Nach meinem jetzigen Kenntnisstand spielen zwei Faktoren bei diesem Thema die entscheidende Rolle. Zum einen die Muskelgruppe, die unter dem Begriff psoas zusammengefasst wird. Zum anderen die Faszienverkettungen, die sich durch den ganzen Körper erstrecken. Sie koordinieren das Knochen- und das Faszienskelett in Ruhestellung und Bewegung.
Dem Leser mag nicht bekannt sein, dass der Mensch aus zwei Skeletten besteht. Einem köchernen und einem elastischen, in welches das knöcherne eingebettet ist. Um die Rolle des Tensegrity-Konzepts für alle Ebenen der lebenden Materie, des Fasziengewebes für körperinnere Kommunikation bis hin zu den Abwehrsystemen und vieles mehr zu verstehen, empfehle ich James L. Oschmans, „Energiemedizin, die wissenschaftlichen Grundlagen“ (Urban, 2006).
Der gleichgewichtete Mensch ist in die Schwerkraft der Erde integriert. Sein Knochengerüst und seine Organe sind räumlich so aufeinander und auf die Erdanziehungskraft abgestimmt, dass dem Körper die Schwerkraft als Energiequelle zur Verfügung steht. Es ist zu erwarten, dass die Forschung sich noch einige Weile mit diesem Thema beschäftigen wird, ehe mit einer wissenschaftlichen Erklärung für einen Zusammenhang zu rechnen ist, der dem Reiter der Légèretè ohne weiteres offensichtlich ist. Die aufwärtsstrebende Haltung des sich im Gleichgewicht befindenden Körpers erzeugt Energie. Zu dieser Energie gesellt sich die Kraft des Pferdes. Diese Energie ist es, die das Pferd unter dem Sattel an der Hand des Reiters tanzen lässt.
Grundlage der aufrechten Haltung ist die psoas. Diese Muskelgruppe besteht aus drei tiefen Muskulaturen, die nicht nur für die aufrechte Haltung der menschlichen Wirbelsäule zuständig sind. Sie koordinieren auch im Bewegungsablauf des Menschen Lendenwirbel mit dem Becken und den Oberschenkeln. Bei vielen Menschen ist die psoas auf Grund falscher Haltung verkümmert. Die Wirbelsäule ist mehr oder weniger nach vorne oder nach hinten geneigt. Andere Muskulaturen haben die Aufgaben der psoas im Bewegungsablauf übernommen. Das Faszienskelett ist nicht frei von Spannungen.
Es erklärt sich von selbst, dass das Pferd einen solchermaßen „mangelhaft“ ausgestatteten Reiter nicht spontan verstehen kann. Und im Grunde erklärt sich die ganze moderne Reiterei mit ihren Widersprüchen und Fehlleistungen so. Das moderne Pferd ist schöner, schneller und kraftvoller als seine Vorfahren, doch weiss der Mensch nicht mehr, wie er es beherrschen kann. Der Verlust dieses Wissens beginnt hier, in der mangelhaften psoas des Reiters. In diesem Zusammenhang sei auf die Parallen einer vorrangig falsch sitzenden Menschheit, dem Anstieg der Rückenproblematik weltweit und dem Verlust des Verständnisses des aufrechten Menschen und seiner Rolle auf Erden hingewiesen.
Wie anders den Folgen fehlenden Gleichgewichts zu Pferd entgehen, als durch eine geeignete Sitzschulung? Craig Stevens bietet im Rahmen seiner Reiterschulung an der National School for Academic Riding genau diese an. Darüber hinaus kann jeder Reiter oder auch Nichtreiter durch die Erkenntnis und Praxis einiger leichtverständlicher physiologischer Zusammenhang viel am eigenen Gleichgewicht tun. Im Alltag und ganz wie nebenbei.
Da sei als erstes das ganz ausserordentlich wichtige richtige Sitzen genannt, als zweites der Gebrauch des ganzen Fußes beim Laufen, also auch der Zehen. Wer bei der Aufrichtung des Körpers Hilfe in Anspruch nehmen möchte, dem sei eine Behandlung, die nach Dr. Ida Rolf „Rolfing“ oder auch strukturelle Integration genannt wird empfohlen. Und wer der Sache selbst auf die Spur zu kommen möchte, der arbeite die zwölf Lektionen, die der Visionär Moshe Feldenkrais’ schon in seinem 19... veröffentlichen Buch, „Bewußtsein durch Bewegung“ beschreibt durch, und gehe der Sache so auf den Grund.
Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Gleichgewicht des Reiters und dem Gleichgewicht des aufrechten Menschen. Beide sind ein und das selbe. Das Pferdes meldet treu zurück, wie es um das Gleichgewicht des Menschen auf seinem Rücken bestellt ist. Ohne Sitz- und Gleichgewichtsschulung reiten zu wollen macht deshalb wenig Sinn. Anders herum wirkt sich die Integration des Körpers in die Schwerkraft der Erde nicht nur in der Reiterei, sondern auch sonst im Leben eines Menschen deutlich positiv aus.