Der Begriff Längsbiegung bedeutet nichts anderes als dass das Pferd mit seinem Körper die gebogene Linie nachzeichnet auf der es läuft.
In der freien Natur geschieht dies durch den Blick der Augen in die Bewegungsrichtung. In anderen Worten, solange das Pferd sieht wohin es läuft bewegt es sich auf gebogenen Linien automatisch in Längsbiegung. Die Rippenbiegung ist etwas anderes, siehe unten.
Unter dem Reiter erzielt eine kleine Bewegung des Ringfingers die Genickstellung, welche nicht anderes als die Stellung des Genicks im Zuge der Bewegung der Augen ist. Weil die Längsbiegung wie gesagt die direkte Folge der Genickstellung braucht sie im Normalfall nicht extra angewiesen werden, da das Pferd - so sollte man meinen - ja sehen will wohin es läuft.
Aus mehreren Gründe findet dies jedoch gelegentlich so nicht statt. Zum einen sind auch Pferde neugierig und möchte mit den Augen erkunden. Zum anderen verlassen sie die Längsbiegung wegen der im Zuge des Gerittenwerdens und der Geraderichtung entstehenden Spannungen. Da sich das Pferd nur in oder auf Grund der Längsbiegung loslässt (dazu unten mehr) trifft der Rat Nuno Oliveiras zu, die Genickstellung des Pferdes vorallem zu Beginn der Ausbildung sorgsam zu bewachen und wann immer ihr Verlust droht mit dem inneren Ringfinger sofort wieder herzustellen.
Der innere Ringfinger stellt das Genick. Um zu verstehen, wie das funktioniert und was dabei im Körper des Pferdes vor sich geht, muss man sich das betroffene Gelenk zwischen Hinterhaupt und erstem Halswirbel ansehen. Auch zu berücksichtigen sind die Wechselwirkung zwischen Genick und Unterkiefer und die Wirkung des Unterkiefers auf das vegetative Nervensystem.
Das Gelenk, in welchem der reiterliche Ringfinger mittels Zügel und Gebiss eine Seitwärtswendung des Pferdekopfes bewirkt, besteht aus dem großen Knochenfortsatz am equiden Hinterhaupt und dem breiten, mit seitlichen Fortsätzen ausgestatteten ersten Halswirbel. Das Gelenk ist in seiner Längsachse symetrisch und gewährt Spielraum für das Heben und Senken des Pferdekopfes und für laterale Bewegungen. Längs durch das Gelenk verläuft das zentrale Nervensystem.
Die Ausformung dieses Gelenks bewirkt, dass beim und durch sein Seitwärtsstellen die gesamte Wirbelreihe dahinter seine Richtung ändert. Die Wirbel des Halses, des Rückgrats, das Kreuzbein und des Schweifes liegen bei gerade gehaltenem Genick so aneinander, dass sie bis auf die von der Schiefe betroffenen Abweichungen eine gerade Linie bilden. Beim gestelltem Genick bilden sie eine von oben gesehen geschwungene Linie.
Erfahrung erweist, dass das Pferd in fortgesetzter Längsbiegung am sichersten in die Losgelassenheit finden. Nicht klar ist, warum das so ist. Tatsache ist auch, dass der Reiter im Wechsel von Längsbiegung und Schultervor am erfolgreichsten Hinterhand, Halsbasis und Genick gerade richtet. Die Geraderichtung des flexiblen Mittelteils, die das Pferd entgültig gleichseitig und gleichzeitig elastisch macht wird in der zweiten Ausbildungsphase im Wechsel systematischer Rippenbiegung und Wiedergeradestellung erzielt.
Dazu sei an dieser Stelle noch einmal die Schultervor genannt Stellung in Abgrenzung zur Längsbiegung dargestellt. Wie wir gesehen haben bewirkt die Längsbiegung eine Änderung in der lateralen Stellung der equiden Wirbel zu einander. In der Längsbiegung zeichnet die Wirbelreihe die Linie nach, auf der das Pferd sich bewegt. Im Schultervor passiert das genaue Gegenteil: Die Wirbelreihe wird wieder zur geraden Linie, und – das sei hinzugefügt – bis auf die Verwerfungen im flexiblen Mittel, nun tatsächlich zur geraden Linie. Warum?
Um das Pferd mit gerade gehaltenem Rücken auf gebogenen Linien reiten zu können, bringt der Reiter die Schultern des Pferdes ein klein wenig in die Wendung hinein. Der Vorteil: Dadurch tritt das Pferd, ob es möchte oder nicht mit dem jeweilig inneren Hinterbein unter oder zumindest in Richtung auf den Schwerpunkt. Zusammenfassend: In der Längsbiegung ist das Genick zur Seite gestellt (“Das innere Auge schimmern sehen,” sagten die Meister), im Schultervor hält der äussere Zügel am Hals und der äussere Ringfinger am Gebiss Hals und Genick gerade.
Der Reiter kann das Pferd entsprechend seiner physiologischen Notwendigkeiten auf geraden und auf gebogenen Linien entweder in Längsbiegung oder im Schultervor reiten. Er kann zwischen diesen beiden Stellungen wechseln, so wie es die Geraderichtung des Pferdes erfordert. Erst wenn seine Hinterbeine auf beiden Händen gleichmäßig unter den Schwerpunkt treten und die Halsbasis sicher in der Mitte bleibt (es also diese Phase der Geraderichtung abgeschlossen hat) kann er es auf geraden Linien schnurgerade reiten.
Eines ist klar, mit diesem Vorgehen enden sich tragen lassen und spazieren reiten. Das genannt Vorgehen erfordert den Willen des Reiters ein gerades und gleichseitig Pferd unter sich zu haben und zu beherrschen. Solange der Reiter in diesem Punkt noch zögert und/oder seine eigene Haltung und Gleichseitigkeit nicht fit sind ist er erfolgreicher in der Geraderichtung vom Boden aus.
Auch aus diesem Grund befolgen wir im Study-Horsemanship die folgende Progression:
- führen (Miteinanderwollen)
- vorbereiten an der halblangen Longe (Genickstellung und Längsbiegung sichern)
- freilaufen auf dem kleinen Viereck (die Körpersprache am Boden klären
- laufen an der langen Longe (Vorwärts in Längsbiegung, Trab-/Galoppübergänge, Trabtritte und Galoppsprünge verlängern)
Für Anfänger verbindet eine geschickte Didatik diese Schritte mit Phasen auf dem Pferderücken, so dass sich das reiterliche Gefühl und die Fähigkeit die Bewegungen des Pferdes mit den Augen zu beurteilen miteinander entwickeln.