Im menschlichen Skelett trägt der linke Arm dem rechten das Gleichgewicht. Die aufrechte Wirbelsäule erübrigt alle weiteren Überlegungen. Der Kopf ruht auf dieser Säule und wird von ihr balanciert. Die Füße bieten zum Laufen und Stehen die notwendige Stabilität. Beim Denken, Essen und Sprechen sitzt der Mensch. In der Bewegung setzt ein wie auch immer gearteter Gleichgewichts-
sinn ein, der den Körper im Kräftefeld des menschlichen Habitats sicher steuert. Der menschliche Körper ist sich der physikalischen Begebenheiten des Planeten Erde voll bewusst, ganz ohne das Bewusstsein des menschlichen Geistes. Jeder Mensch erwirbt oder - besser gesagt - erübt es im frühesten Lebensalter noch bevor die Erinnerung einsetzt. Der Physiker, Physiologe und Judoka Moshe Feldenkrais versteht dieses Wissen des Körpers als gekoppelt mit einem dem Menschen innewohnenden zusätzlichen Kräftepotenzial. Gelingt es dem Menschen dieses Potential anzuzapfen, so ist er zu sehr viel mehr fähig.
Bei der Besprechung des ersten Kapitels der Study-Horsemanship Veröffentlichung "Die Elemente der Reiterei (2007)" nahm ich mit Erstaunen wahr, dass die Bedeutung der gewählen Präsentation des equiden Gleichgewichts den Teilnehmern des zu der Zeit stattfindenden Forschungsabschnitts nicht deutlich wurde. Was war los? Habe ich mit der Wahl des equiden Gleichgewichts als Eingangsthema einen Fehler gemacht?
Das Gewicht des stehenden Pferdes ruht auf vier Beinen. Sein Rückgrat befindet sich (ganz anders als die menschliche Wirbelsäule) den Erdanzeihungskräften im Winkel von 90 Grad ausgesetzt. Das heisst, jeder einzelne Wirbel wird nicht (wie in der menschlichen Wirbelsäule) durch einen darunter liegenden Wirbel von unten unterstützt. Die Verbindungen der equiden Wirbel wird von Bändern und Bindegewebe alleine bewerkstelligt. Die Kraft des equide Rückgrat ist dadurch nicht annähernd mit der Kraft und Stabilität der menschlichen Wirbelsäule zu vergleichen. Die Frage des Gleichgewichts stellt sich auf Grund der vier Beine, die wie Säulen Rumpf und Schweif, Hals und Kopf tragen zunächst nicht.
Die Situation ändert sich, wenn das Pferd sich in Bewegung setzt. Im Schritt stützen abwechselnd zwei oder drei Beinen sein Gleichgewicht. Im Trab sind es bei höherer Geschwindigkeit nur noch jeweils zwei Beine und beim Galopp in jeder Fußfolge immer wieder nur ein Bein, welches sowohl das Gleichgewicht zwischen vorn und hinten, als auch das laterale Gleichgewicht der zwei Seiten sicher stellt. Wie macht das Pferd das?
Hinzu kommt, dass das Gewicht des stehenden Pferdes deutlich mehr auf der Vorhand als auf den Hinterbeinen ruht. Beim Reiten kommt das Gewicht des Reiters zu dem auf der Vorhand ruhenden Gewicht noch hinzu. Und trotzdem kann das Pferd beim Steigen die Vorhand vom Boden lösen und sich auf den Hinterbeinen aufrichten. Beim Springen löst es die Vorderbein vom Boden und es entlastet die Vorhand in der Vorwärtsbewegung. Wie macht es das?
Der Leser findet die Antwort hierzu in den Kapiteln... . Dort sind im Einzelnen die Hebelwirkungen der Hinterhand beschrieben, die es dem Pferd ermöglichen mit einer wesentlich kleineren Hinterhand eine gewichtige Vorhand und den Reiter anzuheben. Aber das ist nicht alles.
Es gibt eine Einrichtung im Pferdekörper, genannt 'Das Schliessen der Kruppe', die es dem Pferd ermöglicht von zentraler Stelle, dem Sakralgelenk nämlich, allen Anforderung an sein Gleichgewicht, sein Vorwärts und/oder Aufwärts in fortlaufender Bewegung und dies alles entsprechen der Wünsche des Reiters zu bewerkstelligen.
Das Wunderwerk des equiden Sakralgelenks ist es, welches sowohl im Gleichgewicht zwischen vorn und hinten, als auch im lateralen Gleichgewicht des Pferdes die Hauptrolle spielt. In diesem Zusammenhang darf die zentrale Funktion des unter den Schwerpunkt tretenden inneren Hinterbeins für die Aktivierung der Funktionen des Sakralgelenks nicht unerwähnt bleiben. Und damit das Pferd dieses Gleichgewicht dem Reiter zur Verfügung stellen und der Reiter es beherrschen kann verwundert es nicht, dass Gesäß und die Beininnenseiten des Reiters von den selben Nervenabschnitten S2/3 innerviert werden, die beim Pferd im Zentrum des Sakralgelenks ruhen.