In der Ausbildung gibt es Momente, in denen die im ersten und zweiten Ausbildungsziel dargestellte Vorgehensweise nicht auszureichen scheint. Der Reiter hat alles nach den Regeln der Kunst ausgeführt, aber die im gesunden, ungestörten Pferd zu erwartenden Resultate bleiben aus. Aus zunächst unersichtlichen Gründen mobilisiert sich das Pferd nicht, wird nicht besser, angenehmer, runder. An den zweiten Gang ist nicht zu denken.
In der Praxis wird in solchen Situationen eine Nachfrage fällig. Wie weit kann ich dieses Pferd fordern, ist die Frage, denn es kann auch sein, dass das Pferd schlicht unterfordert ist. Beim und durch das Fordern kommt es zu einer Bestandsaufnahme, auf Grund nur dieser sich häufig eventuell vorhandene körperliche Schwierigkeiten und das weitere Vorgehen erkennen und festmachen lassen.
Aus den Befunden einer Phase erhöhter Forderungen schmiedet der Reiter einen Plan, der dem Zustand des Bewegungsapparats und dessen Bedürfnissen entspricht. Nicht selten nämlich hat er zwar korrekt eingewirkt, hat jedoch am Punkt vorbei gewirkt, weil das Pferd weiss wie es seine Schwachstellen schützten kann.
Hat der Reiter die körperliche Schwierigkeit eines Pferdes erst einmal erkannt, dann geht es um Geduld, um ganz wörtlich Mitgefühl und manchmal auch -leid. Denn das Pferd wird nur schrittweise und unter der Führung eines gütigen Reiters Schwierigkeiten in den Funktionen seines Bewegungsapparats überwinden wollen und können. Es sind Schwierigkeiten, denen es ohne Reiter auf seinem Rücken schlicht aus dem Weg gehen würde.
Und woher stammen denn nun diese Schwierigkeiten? Sie sind fast immer man-made und entspringen der Geraderichtung des Pferdes, unverträglichen Vorgehensweisen und Sitzfehlern des Reiters. Es zeigt sich, dass der Reiter ohne entsprechende theoretische Vorkenntnisse und eine adäquate praktische Ertüchtigung dem modernen Pferd nicht gerecht werden kann. Alle, vorallem aber nicht so gute Pferde braucht des Reiters Hilfe, Unterstützung und Wohlwollen. Der sanfte und sachgemäße Umgang des Reiters mit dem Pferd wird damit zur elementaren Forderung der Reiterei.