Der erfahrene Reiter ist sich seines Vorgehens sicher. Er weiss das gesunde Pferd zu fordern und das schwache Pferd durch schonenden Einsatz so zu kräftigen, dass es nicht zu Widersätzlichkeiten kommt. Für ihn stellt sich die Frage nach der Dominanz des Reiters nicht, denn ihre Antwort ist offensichtlich.
Seiner eigenen Art nach ist das Pferd unabhängig, höflich und friedliebend. Es lebt in festen Umgangsformen. Es ist geduldig und reaktionsschnell. Es ist eines Lebens in der freien Natur ebenso fähig wie des ganz anderen, fast gefängnisartigen Aufenthalts im direkten Einzugsbereich des Menschen. Im Gegensatz zum Menschen kennt es keine Wahl zwischen Gut und Böse. Sein Reaktionen dienen dem Erhalt seines Lebens. Physiologisch ist es zum Zwecke des Reitens auf die Physiologie des Menschen genau abgestimmt.
Der erfahrene Reiter weiss dies und darauf baut er auf. Erfolg oder Nichterfolg hängen für ihn an Verfahrensfragen. Er setzt im Umgang mit dem Pferd vom Boden zunächst die Sprache der Herde und bald schon die Erkenntnisse der equiden Bewegungslehre ein. Im Sattel lässt er seinen Körper sprechen. Er macht die Erfahrung, dass Pferde sich auch zu einem gewissen Grad dressieren lassen.
Was nun aber mit Unstimmigkeiten zwischen Reiter und Pferd? Sie haben neben der schon genannten Schwäche des Pferdes zwei Ursachen, die häufig als eine Frage der Dominanz behandelt werden. In Realität haben sie jedoch nichts mit Dominanz zu tun, sondern mit Missverständnissen und drohendem Leid.
1. Das Pferd kann den Zweifel des Menschen nicht einordnen. Die Aufforderung des Reitlehrers an den Reitschüler sich durchzusetzen betrifft deshalb nicht das Pferd, sondern den Reiter. Er muss mit sich klären was er will. Erst dann kann das Pferd ihn verstehen.
2. Das Pferd als lebendes Wesen kennt Schmerzen und Unwohlsein genau wie der Mensch. Beide werden in den allermeisten Fällen durch unsachgemäßes Vorgehen vom Menschen erzeugt. In Folge kommt es beim Pferd zu Abwehrreaktionen.
In beiden Fällen schaffen, neben der Erweiterung der reiterlichen Grundkenntnisse die Haltungsverbesserung und eine durchdachtere Vorgehensweise des Reiters Abhilfe. Der Einsatz von Gewalt ist nicht nur angesichts der zehnmal größeren Kraft und Geschwindigkeit des Pferdes abwegig. Er erzeugt die Unarten (besser: die nicht seiner Art entsprechenden Verhaltensweisen) des Pferdes. Der Grund lässt sich aus der Physiologie des Pferdes leicht ablesen. Aus ihr heraus kann das Pferd nicht anders als die Dominanz des Reiters nachfragen und sich ihr unterordnen. Das Pferd ergibt sich dem Reiter jedoch nicht wie eine liebende Frau ihrem Mann oder ein treuer Hund seinem Herrn. Es möchte sich vom Reiter in den Parallelen struktureller und nervlicher Beschaffenheiten verstanden wissen. Und so möchte es als treuer Freund und fairer Partner mit ihm eins sein.
Sich unverstanden wissen oder wähnen, Körperangst (siehe die entsprechende Begriffserklärung), und die Furcht vor Missverständnissen führen zu Widersätzlichkeiten und den Frackigkeiten des Pferdes, die vom unerfahrenen Reiter häufig als fehlender Respekt interpretiert werden. Die so entstehenden Dominanzprobleme können nur durch Lernschritte seitens des Reiters und die Beseitigung physiologischer Ursachen im Pferd dauerhaft gelöst werden.
In diesem Zusammenhang sei die Problematik der heutigen Reiterschulung angedeutet, welche mit der Umkehr physiologischer Logik entstanden ist. Gute und deshalb teure Reitpferde werden im Sport eingesetzt und schlechte, deshalb billige Pferde im Reitunterricht. Folgerichtig wäre es anders herum. Gute und deshalb unkomplizierte Pferde sollten für die Schulung unerfahrener Reiter zu Verfügung stehen. Den komplizierten und häufig schwachen Pferdes sollten sich die erfahrenen Reiter widmen. Es geht in der Reiterei um Verfahrensfragen. Es geht auch um Interpretation und Realisation von Zuchtzielen. Und es geht um Märkte. Die sogenannten Dominanzprobleme lassen sich nur in diesem Gesamtzusammenhang eindeutig bewerten.