Aus der Darstellung der Schiefe ergibt sich die Geraderichtung des modernen Pferdes.
Der Begriff 'Geraderichtung' ist jedoch in so fern irreführend, als er sich nicht auf den geometrischen Begriff 'gerade' bezieht, sondern auf des Pferdes Gleichseitigkeit. Ein Pferd ist 'gerade', wenn es auf beiden Seiten gleich funktioniert und sich auch so anfühlt. Das heisst: Nur ein Pferd, dessen Längs- und Rippenbiegung recht und links identisch ist, ist gerade gerichtet.
Trotzdem spielt gerade sein eine Rolle in der Geraderichtung des Pferdes. Ein gerade gerichtetes Pferd fühlt sich nämlich auch in und trotz der Längs- und Rippenbiegung gerade an. Und im Schultervor hält der Reiter das Pferd ganz wörtlich gerade.
In der vorläufigen Geraderichtung strebt der Reiter nämlich zunächst eine Halbierung der Schiefe an. Das heisst: Im sogenannten Schultervor (siehe Begriffserklärung 'Schultervor') reitet er das Pferd auf geraden und gebogenen Linien mit von oben gesehen möglichst geradem Rückgrat. Dabei wird alles was nach rechts (meistens das rechte Hinterbein und manchmal auch das Genick) und alles was nach links ausweichen möchte (meistens die Halsbasis) auf die Mitte gebracht. In dem Maße, in dem beide Hinterbeine gleichmäßig unter oder in Richtung auf den Schwerpunkts treten, das Pferd den Hals in der Mitte des Rumpfes trägt und sein Genick in die jeweilige Bewegungsrichtung stellt, entlässt der Reiter es in die Längsbiegung (siehe Begriffserklärung 'Längsbiegung') und die vorläufige Geraderichtung (siehe Begriffserklärung 'Entgültige Geraderichtung').
Das Schultervor ist eines der sanften Machtmittel der Reiterei. Andere sind zum Beispiel der effet d'ensemble und die Gewichtsverlagerungen des Reiters. Dem durch Schultervor bewirkten Eingriff in die Bewegungsrichtung des Pferdekörpers kann sich das jeweilig innere Hinterbein des Pferdes nicht entziehen. Im Schultervor kann das Pferd nicht anders als mit diesem Hinterbein unter den Schwerpunkt zu treten.