Das Aufstellen einer geeigneten Mutterstute; die passende Wahl eines Hengstes; beides im Hinblick auf ein vorher klar definiertes langfristiges Zuchtziel; Bedeckung, Trächtigkeit, Geburt und Säugeperiode; die Aufzucht der Jungpferde in ausreichend grossen Gruppe; und dann der Verkauf. Das sind die Etappen der Pferdezucht.
Mit 18 Monaten werden Jungpferde neugierig. Mit zwei können sie den Umgang mit dem Menschen erlernen. Mit drei können sie einen Menschen tragen. Heisst das, dass sie dann angeritten und in Ausbildung genommen werden können (zu diesen Begriffen später mehr)? Um diese Frage angemessen beantworten zu können, gilt es eine Reihe praktischer, physiologischer und historischer Einzelheiten zu berücksichtigen, die in diesem Text einzeln angesprochen werden.
Beginnen wir mit der körperlichen Entwicklung. Das Kreuzbein ist die zentrale Verbindung zwischen Rumpf und Motor des Säugetiers. Nach vorliegenden Informationen verknöchern die Wirbel des equiden Kreuzbeins nicht vor dem sechsten Lebensjahr. Und auch erst dann wird das Lumbosakralgelenk zwischen dem letzten Lendenwirbel und dem Kreuzbein, welches im Pferd wie eine Schiebe funktioniert, stabil. Das heisst, bis zum siebten Lebenjahr sollte das junge Pferd im Prinzip geradeaus, also nicht in Wendungen und nicht in Seitengängen geritten werden.
Ein Modell für das Geradeausreiten junger Pferde liefert der Galoppsport. Junge Vollblüter werden früh (viele sagen zu früh) in Arbeit genommen. Die Praxis zeigt jedoch, solange langsam, vorsichtig und aufbauend vorgegangen wird, können vergleichsweise junge Pferde den grossen Galoppsprung erlernen und ihren Bewegungsapparat in Betrieb nehmen, ohne körperliche und/oder emotionale Schäden zu erleiden. Sie stehen nicht gelangweilt auf zu kleinen Weiden, sondern entwickeln ihr Leistungspotenial im täglichen Kontakt zu Trainer und Reiter. Ohne die Misstände im Vollblutrennsport schön reden zu wollen ist eines klar. Das Training junger Rennpferde liefert ein schlüssiges Modell für das Anreiten und die In-Betriebnahme junger Pferde. Die Frage stellt sich, ob dieses Modell auf Warmblutpferde und auf andere Rassen übertragbar ist, und welche weiteren Modelle es gibt.
Die Zucht eines schnelleren, stärkeren und im Format vom Quadrat zum Rechteck veränderten Pferdes im 18. Jahrhundert hat die Reiterei auf den heutigen Tag nachhaltig geprägt. Es ist naheliegend, dass alle Rassen, die das englische Vollblut zur Veredlung eingesetzt haben, von den Veränderungen in der Reiterei, die durch diese neue Rasse eingeläutet wurden, direkt betroffen sind. Alle Produkte Vollblut veredelter Rassen profitieren erfahrungsgemäß von einer Grundausbildung vorwärts und geradeaus, was durch die Jagden über zum Teil grosse Sprünge mit drei- und vierjährige Pferde zum Beispiel in Trakehnen zwischen den Weltkriegen eindrucksvoll belegt wurde. Auch der berühmte Herder, das seinerzeits weltbeste Dressurpferd Felix Bürkners, hat seine Laufbahn so begonnen.
Auch in der Antike muss es schon einmal ein schnelleres, zum Rechteckformat neigendes Pferd gegeben haben. Wie diese Darstellung, nicht aus dem England des 18. Jahrhunderts, sondern dem Griechenland vorchristlicher Zeit andeutet. Und auch deshalb sind Xenophons Reitanweisung heute aktueller denn je.
Fällt jedoch, wie seit Mitte der 1950iger Jahre geschehen, die Möglichkeit weg, junge Vollblut geprägte Pferde unter leichten Reitern fachgemäß einzugallopieren, einzuspringen und für einige Jahre vorallem im Vorwärts geradeaus und über Sprüngen zu nutzen, ergibt sich eine neue Ausgangssituation, der es gerecht zu werden gilt. Eine Alternative ist die geraderichtende Schrittarbeit, gefolgt vom Reiten auf langen Linien im Gelände. Dazu gibt es folgendes zu sagen. Im Galopptraining gilt die Regel: "Vorwärts richtet das Pferd gerade". Sie wird durch zahlreiche im höchsten Dressursport erfolgreiche Vollblüter zum Beispiel in der deutschen Nachkriegszeit eindeutig verifiziert.
Die geraderichtenden Wirkung des grossen Galoppsprungs kann jedoch durch eine mobilisierende, der Schiefe des modernen Pferdes entsprechende Schrittarbeit ersetzt und nach und nach mit munterem Vorwärts im Gelände ergänzt werden. Dabei tritt eine Umkehr der Lernschritte ein, die dem jungen Pferd jedoch durchaus nutzt. Denn es wird in der Schrittarbeit, so wie sie in Was tun diese Übungen eigentlich? im start-up vorgestellt wird, sich seines gesamten Bewegungspotentials von Anfang an sicher und vollständig bewusst. Es lernt den Reiter von Anfang an in allen Bewegungsrichtungen und Gangarten richtig zu deuten.
Für beide genannten Grundausbildungen (das Erlernen des grossen Galoppsprungs und die geraderrichtende Schrittarbeit) gelten die Regeln, "Die Nase bleibt vor der Senkrechten, das Gebiss kommt nicht unter die Höhe des Sprunggelenks und das Pferd wählt die Haltung". Diese Regeln ermöglichen den grossen Galoppsprung. Sie schützen das Pferd in der Schrittarbeit vor Schäden und bewahren den Reiter vor falschem Vorgehen, Umwegen und letztlich drohendem Versagen. Sie erhalten das natürliche Gleichgewicht und formen das Pferd im reiterlichen Gleichgewicht, welches aus dem natürlichen entsteht.
Sehen wir uns nach diesem knappen Überblick über die klassische deutsche Art Pferde im Vorwärts und die klassische französiche Art junge Pferde im Schritt in Betrieb zu nehmen an, was aus diesen beiden Schulen, das junge Vollblut geprägte Pferd des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu arbeiten, unter dem Einfluss der modernen Sportreiterei geworden ist. Der frappierendste Unterschied ist die heute Welt weit akzeptierte und praktizierte Vernachlässiging der ehernen Regel, "Die Nase bleibt vor der Senkrechten, das Gebiss kommt nicht unter die Höhe des Sprunggelenks und das Pferd wählt die Haltung".
Hinzu kommt, dass in heutigen Sportpferde-Vermarktungssystemen Pferde zum Verkauf schnell angeritten werden. Das heisst, sie werden nicht allmählich in klar definierten Parametern auf ihre Lebensleistung vorbereitet, sondern nur (und das meist möglichst schnell) sattelfest gemacht. Die Eindrücke, die das Pferd bei diesem Vorgang mitnimmt prägen seine gesamte Laufbahn. Hinzu kommt, dass in bestehenden Verkaufsmechanismen solche nur eben sattelfest gemachte Pferde von wechselnden Reitern unterschiedlichster Qualifikation und Ziele ausprobiert und in erzwungenen Haltungen vor grossem Publikum versteigert werden. Kurz, noch während das Pferd vom Züchter zum Reiter wechselt, werden Risiken eingegangen, die die gesamte Laufbahn des Pferdes von Anfang an ruinieren können. Eine Tatsache, die durch Statistiken der Lebendauer heutiger Pferde eindeutig belegt ist.
Junge, gut gezogene Pferde suchen den Kontakt zum Menschen. Sie haben und verbreiten keine Angst. Sie sind neugierig und dienen dem Menschen gerne. Ähnliches lässt sich vom Menschen nicht sagen. Der moderne, urbane Mensch hat häufig wenig Gefühl für Pferde. Er weiss ihre Zeichen nicht zu deuten und kann ihre Kraft nicht einschätzen. Er ist weder vertrauensvoll noch selbstbewusst. Und, - nur aufgrund der Freundlichkeit des Pferdes ist der heute weit verbreitete Missbrauch junger Pferde durch nicht entsprechend qualifizierte Reiter überhaupt möglich. Die Frage stellt sich also, wie das immer leistungsstärkere moderne Pferd und den der Natur immer weiter entfremdeten Mensch als traute Freude zusammen bringen?
Was bedeuten diese Ausführungen für das Anreiten und die In-Betriebnahme junger Pferde heute?
Das Anreiten eines Pferdes ist im Vergleich zu seiner Ausbildung der geringste Aufwand. Rechtzeitig vor dem Anreiten sollte ein realistisch durchführbarer Plan dafür geschmiedet werden. Wie man es auch dreht und wendet, er wird aus zwei Etappen bestehen. Pferde unter sieben sollten hauptsächlich geradeaus gehen. Diese Art der Reiterei ist vergleichsweise einfach. Voll ausgewachsene Pferde wechseln die Welten und werden in Seitengängen und geeigneten Lektionen immer besser. Der Reiter erhält so ihre Geschmeidigkeit und bereitet sie auf ein langes, nützliches und zufriedenes Leben vor. Möchte man diese Ziele erreichen muss man folgendes beachten.
Eins. Verkaufsveranstaltungen und Zuchtleistungsprüfungen, in deren Rahmen junge Pferde auch angeritten werden, sind wegen der Risiken, die sie beinhalten zu meiden. Die wenigen später erfolgreichen Pferde, die aus diesen Situationen gesund hervorgegangen sind, sind wie Ausnahmen, die die Regel bestätigen.
Zwei. Selbst wenn das Anreiten eines jungen Pferdes (wie ja auch jeder einzelne Ritt) ein gewissen Risiko beinhaltet, ist das Anreiten eines jungen Pferdes durch seinen Besitzer/Reiter im Kreis kompetenter Partner heute erfolgversprechender, als das junges Pferd Berufsreitern zum Anreiten in die Hand zu geben.
Drei. Das Anreiten in einem geeigneten Galopptraining erfordert eine Galoppbahn und eine Führmaschine, das Anreiten im Schritt und später im Gelände geradeaus einen ruhigen Platz für die Schrittarbeit und dann geeignetes Gelände. Der Reiter trifft die für ihn passende Wahl und trägt die Fürsorge für alle praktischen Aspekte des geplante Trainings. Nicht zuletzt gilt es die Fragen regelmäßigen Weidegangs, passender Sättel und adäquater Hufbearbeitung zu klären.
Vier. Der Reiter sollte sich der dem Pferd bevorstehenden Lernschritte bewusst und seiner eigenen Körperlichkeit sicher sein. Das heisst, dem Anreiten gehen relevante Informationen und Übungseinheiten des Reiters voraus. Auch eine konkrete therapeutische Körperschulungen des Reiters könnte fällig und sollte nicht ausgeschlossen werden.
Fünf. Die Sattelfestigkeit eines Pferdes wird in Etappen erarbeitet. Der Reiter sollte die einzelnen Schritte vor dem ersten Aufsitzen kennengelernt und verstanden haben. Er vermeidet so unnötige Risiken und bleibende Folgenschäden. Diese Etappen sollten im Team aller Beteiligten klar sein.
Das Pferd ist sattelfest sobald es den Reiter ruhig und selbstbewusst tragen kann. Es ist angeritten, wenn es den Reiter richtig interpretiert und seine Welt kennengelernt hat. Erst dann beginnt die Ausbildung. Das Pferd ist also im Normalfall nach einigen Wochen sattelfest. Ein Vorschlag ist deshalb, den Begriff Anreiten durch Sattelfestmachen zu ersetzten; den Begriff Ausbildung durch Anreiten; und alleine der Arbeit mit dem erwachsenen Pferdes den Begriff Ausbildung vorzubehalten. Die Sattelfestigkeit braucht in anderen Worten vielleicht sechs Wochen; das Anreiten je nach Interpretation ein oder mehrere Jahre. Beides beinhalten so etwas wie eine Zeitenwende für das Pferd, für die der Reiter die Verantwortung trägt. Danach beginnt die Ausbildung.
Aus diesen Ausführungen geht auch hervor, dass je nach der Wahl des Anreitens ganz unterschiedliche Zeiträume fällig werden. Englische Vollblüter werden als Jährlinge im Schritt erst an der Hand und später in der Führmaschine auf ihre Karriere als schnelle Rennpferde vorbereitet. Sie kommen zweijährig unter den Sattel und laufen spätestens dreijährig die ersten Rennen. Warmblutpferde werden dreijährig von der Weide geholt, dreieinhalbjährig angeritten und beginnen dann eine häufig unzureichend und zum Teil völlig falsch definierte Grundausbildung, in der Springen über kleine Hindernisse das Leben erleichtert. Grund der positiven Wirkung kleiner Sprünge zu denen auch die grossen Galoppsprünge des Rennpferdes gehören ist der im Rechteckformat verlängerte mittlere Rückenabschnitt des Pferdes.
Eine Sondersituation hat sich für die in natürlicher Haltung mit grossen Trabbewegungen begabten Dressurpferde ergeben. Diese genetisch fixierten grosse Bewegungen im horizontalen Gleichgewicht entwickelt das Pferd aus der Vorhand. Sie gehen häufig in der physiologisch korrekt entwickelten Phase des Anreitens verloren. Seit Mitte der 1960iger Jahre wird deshalb nach neuen Ausbildungswegen gesucht, die sich mit dem dafür typischen Überbiegen des Halses inzwischen flächendeckend auch für Springpferde verbreitet haben und heute das weltweite Turnierwesen charakterisieren. Auf dem Viereck ist es ein Ansatz klassische Lektionen zu reiten und dabei die grossen Trabbewegungen des horizontalen Gleichgewichts zu erhalten. Viele der betroffenen Pferde zahlen für den entstehenden Haltungskonflikt mit ihrem Leben. Ob sich solche häufig teueren Dressurpferde auch weiterhin nach der alten Regel, "Die Nase bleibt vor der Senkrechten, das Gebiss kommt nicht unter die Höhe des Sprunggelenks und das Pferd wählt die Haltung" ausbilden lassen ist zur Zeit, abgesehen von einigen verschwinden wenigen nicht nachgewiesen.
Zum Schluss. Klar wird, dass für alle Liebhaber alternativer, also nicht vom englischen Vollblut veredelter Rassen das Anreiten im Schritt naheliegt. Viele dieser Pferde werden den grossen Galoppsprung nicht explizit erlernen, selbst wenn er auch ihnen gut tun würde. Die Hauptfrage ist jedoch zunächst, was mit den jungen Pferden tun bis sie voll ausgewachsen sind? Dazu mehr im kommenden Artikel.